24. August 2010

„Kulturarbeit als diplomatischer Zankapfel“

Buchbesprechung: Peter Ulrich Weiß: „Kulturarbeit als diplomatischer Zankapfel. Die kulturellen Auslandsbeziehungen im Dreiecksverhältnis der beiden deutschen Staaten und Rumäniens von 1950 bis 1972“, Oldenbourg Wissenschaftsverlag, Südosteuropäische Arbeiten, Band 139, München 2010, 424 Seiten, Preis: 49,80 Euro, ISBN 978-3-486-58979-5.
In dem vorliegenden Band von Peter Ulrich Weiß, der auf dessen Dissertation zurückgeht, wird die Kulturpolitik der DDR und der Bundesrepublik Deutschland im „Dreiecksverhältnis“ zu Rumänien einer systematischen Untersuchung unterzogen. Der Zeitraum zwischen 1950 und 1972, auf den sich die Betrachtungen erstrecken, ist dabei gut begründet gewählt. Nachdem zunächst die Ausgangsproblematik, der Forschungsstand, die Grundbegriffe und Fragestellungen sowie die Quellenlage umrissen werden, geht der Verfasser vergleichend auf die Kulturpolitik beider deutscher Staaten, auf deren Grundsätze, Leitbilder, institutionelle Ausgestaltung und jeweils spezifische Beziehungen zu osteuropäischen Staaten ein. Als Ähnlichkeiten können dabei eine deutlich markierte Abkehr von der nationalsozialistischen Vergangenheit und eine starke Orientierung an der klassischen deutschen Hochkultur festgestellt werden.

Die DDR vertrat dabei allerdings einen stark ideologisch akzentuierten, nicht zuletzt auch gegen die Bundesrepublik und den Westen gerichteten „Antifaschismus“ und „Antiimperialismus“, während die Kulturpolitik der Bundesrepublik Deutschland auf Wiedergutmachung und Aufklärung angelegt war, aber auch antikommunistische Anliegen verfolgte. Die Kulturpolitik der DDR war nicht nur ideologisch bestimmt, sondern auch klar außenpolitischen und diplomatischen Zielen und nicht zuletzt der Zielsetzung ihrer internationalen staatlichen Anerkennung untergeordnet, die bundesdeutsche Kulturpolitik stellte sich demgegenüber autonom und pluralistisch dar. Dem entsprachen nicht nur unterschiedliche kulturelle Präsentations- und Selbstdarstellungsformen, sondern natürlich auch unterschiedliche Ausgestaltungen und Funktionsweisen kulturpolitischer Institutionen und Auftritte entsprechender Akteure.

Sieht man von Jugoslawien ab, so hatte die bundesdeutsche Kulturpolitik in den kommunistischen Staaten Ost- und Südosteuropas zunächst kaum Chancen oder Wirkungsmöglichkeiten. Die DDR hatte nicht nur einen privilegierten, sondern längere Zeit sogar einen gleichsam exklusiven Zugang zu den kommunistischen „Bruderländern“, wenngleich die kulturpolitischen Beziehungen zu diesen Staaten auch keineswegs unbelastet oder einfach zu gestalten waren. Dies wird nicht zuletzt ausführlich und anschaulich am Beispiel der Kulturbeziehungen zu Rumänien in den 1950er Jahren dargelegt. Diese werden als „schwunglos“ charakterisiert, denn sie blieben vielfach in Absichtserklärungen oder schwerfälligen Planungen stecken, waren gegenüber den diplomatischen und wirtschaftlichen Beziehungen stets nachrangig, litten unter einer zumeist knappen Ressourcenausstattung, aber auch unter Desinteresse und Misstrauen sowie komplizierten oder vielfach wechselnden Kompetenzen. Symbolisch aufgeladene, repräsentative Großveranstaltungen hatten im Rahmen der Kulturbeziehungen Vorrang vor schwerer kontrollierbaren, unmittelbaren Kontakten und Austauschbeziehungen auf interinstitutioneller Ebene, etwa zwischen Hochschulen oder einzelnen Kultureinrichtungen beider Länder. Dieser unbefriedigende Zustand der Kulturbeziehungen zwischen beiden Staaten wurde wiederholt kritisiert, wobei es auch nicht an Schuldzuweisungen an die andere Seite fehlte, wie dem Archivmaterial entnommen werden konnte.

Ein sehr sensibles Problemfeld der kulturellen wie auch der politischen Beziehungen ergab sich nicht zuletzt in Bezug auf die Rumäniendeutschen. Zwar wurde deren kollektive Diskriminierung unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg in der DDR intern gelegentlich auch kritisch angesprochen, ansonsten legten die DDR-Kulturfunktionäre aber, den Erwartungen der rumänischen Seite entsprechend, in dieser Hinsicht große Vorsicht und Zurückhaltung an den Tag. Sie bemühten sich zudem, die Situation der Deutschen in Rumänien nicht nur als „normalisiert“, sondern – unter Hinweis auf deutschsprachige Schulen, Kultureinrichtungen und Medien – auch als in den kulturellen Entfaltungsmöglichkeiten uneingeschränkt und staatlich großzügig gefördert darzustellen. Irritiert und verärgert war man in DDR-Funktionärskreisen über die Rumäniendeutschen allerdings doch mitunter. „Die DDR, die nur ‚Ostzone’ oder ‚Zone’ genannt würde, war weitgehend unbekannt geblieben. Beispielsweise hätten beim Besuch des Volkskammerpräsidenten Johannes Dieckmann 1955 in Oraşul Stalin (so der damalige Name für Kronstadt/Braşov) deutschstämmige Schulkinder auf die Frage, was sie von Deutschland wüssten, nur über die Bundesrepublik gesprochen, zur DDR jedoch verlegen geschwiegen und mit den Schultern gezuckt. (…) Auch wurde kritisiert, dass der Rundfunk der DDR in Rumänien kaum präsent sei, dagegen würde man deutschsprachige Radiosendungen von Radio Free Europe, RIAS oder Stimme Amerikas gut empfangen.“ (S. 106).

Der „Sonderweg“ Rumäniens wird nicht zuletzt auch daran festgemacht, dass dieses Land als erstes unter den Staaten des „Warschauer Paktes“ bereits im Jahr 1967 diplomatische Beziehungen zur Bundesrepublik Deutschland aufnahm. Dem ging bereits einige Jahre zuvor eine allmähliche Anbahnung und Weiterentwicklung vielfältiger kultureller Beziehungen in verschiedenen Bereichen voraus. Mit der Weiterentwicklung kulturpolitischer Beziehungen zwischen der Bundesrepublik Deutschland und Rumänien ergab sich eine neue Konstellation, die als kulturpolitisches „Dreiecksverhältnis“ wie auch als „Konkurrenzsituation“ zwischen beiden deutschen Staaten betrachtet wird und drei folgenreiche Auswirkungen hatte. Erstens führte der erfolgreiche Ausbau der Beziehungen zwischen der Bundesrepublik Deutschland und Rumänien zu einer schweren Belastung, deutlichen Abkühlung und sichtlichen Veränderung des diplomatischen und zwischenstaatlichen Verhältnisses zwischen der DDR und Rumänien. Eingebettet war dies in übergreifende internationale Prozesse einer zeitweilig vielversprechenden Westorientierung der rumänischen Außenpolitik und Distanzierung von der Sowjetunion und anderen sozialistischen Staaten. Ihren Höhe- und gleichzeitig ihren Wendepunkt erlebten diese Entwicklungen im August 1968, als die rumänische Führung massiv und für die eigene Bevölkerung wie für die Weltöffentlichkeit eindrucksvoll gegen den Einmarsch der Staaten des „Warschauer Paktes“ in die Tschechoslowakei und die Niederschlagung des „Prager Frühlings“ protestierte. Zweitens trug die günstige Entwicklung der außenpolitischen und insbesondere der kulturellen Beziehungen zwischen der Bundesrepublik Deutschland und Rumänien, vor allem in der als „Tauwetterperiode“ bekannten zweiten Hälfte der 1960er Jahre, zu einer erheblichen Verbesserung der sozialen und wirtschaftlichen Lage wie auch der kulturellen Entfaltungsmöglichkeiten der Deutschen in Rumänien bei. In diesem relativ kurzen historischen Zeitfenster, als sich das Land zum Westen öffnete, fanden die „Moderne“ und ihre künstlerischen Ausdrucksformen rasch und nachhaltig in die rumänische und rumäniendeutsche Kultur Eingang. Ebenso weckten die Ideen der Freiheit, der Emanzipation und der Menschenwürde damals bei vielen Menschen große Hoffnungen.

Leider nahm die Geschichte Rumäniens doch nochmals eine andere Wendung, ehe die Jahre 1989/1990 nicht nur das Ende der deutschen Zweistaatlichkeit brachten, sondern auch in Rumänien das Ende der Ceauşescu-Diktatur herbeiführten. Drittens brachte die neue „Dreiecksbeziehung“ und insbesondere entsprechende Vereinbarungen zwischen der Bundesrepublik Deutschland und Rumänien ab der zweiten Hälfte der 1960er Jahre noch einen anderen folgenreichen Prozess in Gang, die Aussiedlung der Deutschen aus Rumänien. Dieser Aussiedlungsprozess brachte vielen Menschen erfreulicherweise noch vor dem Niedergang der kommunistischen Herrschaft die ersehnte Freiheit.

Prof. Dr. Anton Sterbling

Schlagwörter: Kultur, Rezension, deutsch-rumänische Beziehungen

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