4. September 2010

Lebensbogen über Klippen der Geschichte: Zu Bettina Schullers neuem Erzählband

Wer weiß denn schon, dass Bettina Schuller eigentlich Elisabeth Dorothea heißt und der Name, unter dem man sie kennt, auf die künstlerische Fantasie ihrer Mutter zurückgeht, einer ehemals beliebten und erfolgreichen Kronstädter Sängerin?
Beim Lesen einer Goethe-Biografie war sie auf Bettina Brentano, die berühmte und glühende Verehrerin des Dichterfürsten, gestoßen und beschloss souverän und eigenwillig, ihre Tochter bei einem in Siebenbürgen völlig unüblichen Namen zu rufen. Diese Namensgebung habe ihr sozusagen die „Verpflichtung zur Einzigartigkeit“ zugewiesen, bemerkt die Autorin selbstironisch in einer ihrer Erinnerungstexte. Allerdings scheint die Idee der Mutter auf fruchtbaren Boden gefallen zu sein, denn sehr früh, so gesteht sie, habe sie sich vorgenommen, „kein Irgendwer zu sein“! Die Leser ihrer Texte können es bestätigen: Es ist ihr gelungen.

Der geschmackvoll aufgemachte handliche und leserfreundlich gestaltete kleine Band, den der Hermannstädter Schiller-Verlag soeben herausgebracht hat, enthält 27 längere und kürzere, zum Teil bereits anderenorts erschienene, aber auch zehn erstmals in Buchform veröffentlichte Texte. Der Verlagsinhaber und Herausgeber Anselm Roth hat diese thematisch in drei Abteilungen gegliedert: Kindheit, Nachkriegszeit/Sozialismus und Emigration. Das war eine gute Idee, denn so entsteht ein Bogen, ein Lebensbogen sozusagen, der auch für viele andere Menschen unserer unruhigen Zeit typisch war und ist. Dass dieser über tief greifende historische Umbrüche und Einschnitte verläuft, wie Weltwirtschaftskrise, Zweiter Weltkrieg, Nazi-Intermezzo und Ende der der rumänischen Monarchie, sozialistischer Umbruch mit den spezifischen Nöten für die Menschen des neuen Ostblocks, für die dort lebende deutsche Minderheit speziell, macht diese „persönlichen Geschichten“ für den Leser so interessant, denn es wird wie zufällig und unaufdringlich die ganze Dramatik für das Leben des Einzelnen vorstellbar. Aussiedlung und Mühen der Integration sowie späte Wiederbegegnung mit der ehemaligen Heimatstadt Kronstadt gehören ebenso zur Thematik des Bandes. Voraussetzung für die lebhafte, oft auch skizzenhafte Schilderung sehr persönlicher Erlebnisse ist freilich die wache und differenzierende Sinneswahrnehmung der Autorin, ihr untrüglicher Blick, ihre originelle Assoziations- und Kombinationsfähigkeit, nicht zuletzt ihre leidenschaftliche Liebe zur Sprache. Dank der humorvoll-ironischen, auch erfrischend selbstironischen Grundeinstellung der Welt und den Menschen gegenüber gelingt es ihr, freudige und schmerzliche Ereignisse in unterhaltsame Texte zu sublimieren, die besonders für Leser, die jene Zeiten nicht oder nur zum Teil erlebt haben – kritisch aber nie unversöhnlich – zum Anschauungsunterricht in Sachen Geschichte mutieren. Dafür hat die studierte Psychologin und über Jahre in Kronstadt und Hermannstadt praktizierende Pädagogin auch einen Sinn. Zudem bevölkern den „Spielplatz ihrer Gedanken“ spielerisch-fantastischen Figuren des Münchner/Hermannstädter Grafikers Helmut Arz.

Vor allem die heraufbeschworenen Tage der relativ unbeschwerten Kindheit in der vertrauten Umgebung mit den scheinbar für alle Ewigkeit intakten Plätzen und Straßen Kronstadts, dem gutbürgerlichen sächsischen Umfeld mit seinen tragenden Gemeinschaftsstrukturen fasst die Erzählerin in hell leuchtende Bilder, wobei sie sogar wortwörtlich ihre „Sonnenstraße“ sucht und findet (Die Sonne und Ich, Erinnerungen aus Kreta an Mangea Punar am Schwarzen Meer). Eltern, Großeltern, Tanten, Onkel und Freunde, Ferienaufenthalte in den Bergen und in Mangea Punar, dem heutigen Costineşti am Schwarzen Meer, lassen eine Welt aufblitzen, die wenige Jahre nach 1929, dem Geburtsjahr der „Elisabeth Dorothea“, fast spurlos untergegangen war.

Grau und düster sind hingegen die Farben der im rumänischen Sozialismus entstandenen und teils in ihrem im Bukarester Kriterion Verlag 1969 erschienenen Band Die tägliche Straße veröffentlichten Texte. Auch erzähltechnisch weichen sie vom ersten Teil ab: Während für Erstere durchgängig die persönlich-subjektive Perspektive kennzeichnend ist, tritt die Erzählerin wie in „klassischen“ Kurzgeschichten der deutschen Nachkriegsliteratur völlig hinter die geschilderten Situationen zurück, die sie mit scharfen Strichen skizziert: Thematisch dominieren hier Eintönigkeit, Armut und Trostlosigkeit. Das erniedrigende Schlangestehen um die Mangelware Fleisch (Dienst am Kunden), illegale Abtreibung mit traurigen Folgen (Im Hause Drotleff) oder der Stellenwert eines „Geschenkes aus Deutschland“ veranschaulichen Atmosphäre und Lebensgefühl jener Jahre.

Die Texte der dritten Abteilung, u. a. auch zwei aus ihrem 1989 in Deutschland veröffentlichten Band Es muss an der Freiheit liegen, unterscheiden sich von den vorhergehenden durch ihre losere Struktur und die aphoristische Sprache. Hier schaltet Schuller wieder auf die subjektive Erzählperspektive um: Schwierigkeiten der Integration in eine völlig neue Gesellschaft begannen für die „sprachverliebte“ Icherzählerin unerwartet bei dem Versuch, „unsere deutsche Muttersprache [...], dies artikulierte Luftgespinst, das älter als der Goldene Freibrief ist“ aus der siebenbürgischen Enklave „unversehrt in die deutschen Lande zurückzubringen. [...] Ich ließ meine gerettete deutsche Sprache wie eine Fahne vor mir her flattern, so dass die Einheimischen stutzten.“ Die Sprache der Einheimischen bezeichnet freilich eine völlig andere, eine fremde gesellschaftliche Realität, die es galt erst kennenzulernen. Auch der Begriff von Freiheit, den man in einer Diktatur entwickelt, erwies sich als falsch, denn Freiheit muss täglich erstritten werden. Die Erzählerin definiert ihre neue Freiheit als „negativen [politischen] Imperativ“, d. h. frei von politischem Zwang zu leben. Das ist auch Heimat. Zum positiven Imperativ reicht es allerdings nicht. Und die frühere Heimat? Beim Wiedersehen mit ihr nach der politischen Wende in Rumänien bestätigt sich ein Gefühl von Vertrautheit aber auch Fremdheit, nicht zuletzt das der Sehnsucht nach der „besseren Welt“, das sie von Kind auf kennt und das sie eigentlich durch das ganze Leben begleitet hat.

Summa summarum: ein anregendes und unterhaltsames Buch zu gewinnbringender Lektüre über eine Lebensgeschichte, die frei und rückhaltlos und bar jeder Koketterie offen gelegt wird.

Gudrun Schuster



Bettina Schuller: „Transsylvanien – Spielplatz der Gedanken“, mit Zeichnungen von Helmut Arz, Schiller Verlag Hermannstadt –Bonn 2010, 173 Seiten, ISBN 978 3 – 941271 – 38 – 8. Zu bestellen zum Preis von 16,00 Euro im Siebenbuerger.de/Shop oder Schiller-Verlag Hermannstadt, Telefon in Rumänien: (00 40) 269-22 10 60, Telefon in Deutschland: (02 28) 90 91 95 57.
TRANSSYLVANIEN - Spielplatz der Gedanken
Bettina Schuller
TRANSSYLVANIEN - Spielplatz der Gedanken

Schiller Verlag

173 Seiten
EUR 9,95 (+ Versandkosten)
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Schlagwörter: Rezension, Erzählungen, Kronstadt

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