28. September 2010

Zweisprachiger Gedichtband von Matthias Buth: "Rumänien hinter den Lidern"

Zum zweisprachigen Gedichtband „Rumänien hinter den Lidern“ (Romania dincolo de pleoape) von Matthias Buth, der 2009 im Verlag Institutul Cultural Roman in Bukarest erschienen ist.
Der promovierte Rechtswissenschaftler Matthias Buth arbeitet als Ministerialrat beim Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien (BKM), im Referat K 33 (Deutsche Welle; Außendarstellung Deutschlands; Kulturelle Förderung von Zuwanderern). Seit 1973 veröffentlicht Buth im In- und Ausland Gedichte, Rezensionen, Essays und Feuilletons. Er erhielt für seine Lyrik den Literaturförderpreis des Landes Nordrhein-Westfalen und das Auslandsstipendium der Stiftung Deutsch-Niederländischer Kulturaustausch. Matthias Buth ist Mitglied im P.E.N. deutschsprachiger Autoren im Ausland, im Verband deutscher Schriftsteller und der Else-Lasker-Schüler-Gesellschaft (Wuppertal).
1951 in Wuppertal geboren, heute bei Köln lebend, hat Buth von Haus aus keine rumäniendeutschen Wurzeln.
Die Verbindung zu Rumänien knüpfte er durch Bekanntschaften mit hervorragenden Persönlichkeiten des Kulturlebens der rumäniendeutschen Minderheit. In erster Reihe an seine Bekanntschaft mit Eginald Schlattner, dem zurzeit bedeutendsten deutschsprachigen Autor in Rumänien. Beeindruckt hat Matthias Buth vor allem das Durchwirken verschiedener Ethnien und Kulturen in Rumänien.
Über die katholischen Banater Schwaben berichtet das Gedicht „Bischof Kräuter von Temeswar“. Es porträtiert lyrisch den katholischen Temeswarer Bischof Kräuter auf dem Hintergrund der landesüblichen Sitten und Bräuche. Der evangelische Glaube in seiner spezifischen siebenbürgisch-sächsischen und landlerischen Prägung, auch als evangelische Arbeitsethik gelebt, erhält durch die Bekanntschaft Buths mit Eginald Schlattner eine besondere Anschaulichkeit. Im Gedicht „Der Gast“ porträtiert Buth Schlattner sehr einfühlsam. Schlattner, der zwei Jahre in Securitate-Haft war, schildert seine Gefängniserlebnisse mit der rumänischen Geheimpolizei in seinem Roman „Rote Handschuhe“. Buth fasst dies ins lyrische Bild „Er nahm dem Kopf/die Angst vor den Händen“.
Nach seiner Haft und dem Zweitstudium der evangelisch-lutherischen Theologie in Hermannstadt wurde Schlattner als Pfarrer in das siebenbürgisch-sächsische Dorf Rothberg (Roşia) berufen. 1990/91 brach ihm die Gemeinde durch den Massenexodus einfach weg. Er verblieb mit neun betagten Gemeindemitgliedern.
Doch Schlattner hält für die heute noch fünf Übriggebliebenen Gottesdienste und Sprechstunden und verbleibt trotz alledem im hoffenden Gottvertrauen in seiner Pfarrgemeinde, wie es Buth ins lyrische Bild band: „Als er zu beten begann für die, / die hier wohnen und noch kommen, / für die Kinder, die wiederkehren möchten / und die Tiere, denen hier ein Dach ist / – lichtete das Grün des Gartens. / Das Haus legte ab zur Kirche von Rothberg / und die Türe hatte ihre Flügel geöffnet / als wären wir angekommen.“
Besonders eindringlich setzt sich Matthias Buth mit dem Schicksal der siebenbürgischen Landler auseinander. Ihnen widmet Matthias Buth gleich mehrere Gedichte. So das Gedicht „Großau/Siebenbürgen“, dessen Zentrum ist „Die Kirche, ein Storchennest vom Winter verinselt“. Winter aber kann für Glaubensverbannte auch symbolische Aufforderung zur Überwindung sein. So endet das Großau-Gedicht weltoffen „Der Schnee stellt seine Leiter / an die Ringmauer“.
In dem Gedicht „Restaurierung“ für Robert Schwartz, einem Rumänienexperten der Deutschen Welle in Bonn, taucht Großau wieder symbolisch als Fluchtpunkt Siebenbürgen auf. „Seitdem wandert das Nachbarhaus aus / Und nimmt mich zu den Giebeln / Von Großau zur Sommerküche / von Anna Zeck / Mit Anita ihrer Urenkelin liest sie Grimms Märchen.“
Auch Schäßburg werden zwei Gedichte gewidmet, beide mit dem Totengedenken befasst. Einmal unter der berühmten Bergkirche im Gedicht „Schäßburg“ und das zweite Mal in „Die Treppe von Schäßburg“, wo die Toten über die lange berühmte Bergschultreppe einen Ausflug unternehmen. „Mit verwaisten Namen und Legenden wenden sie sich wieder zurück / Zu den staubigen Terrassen der Gräber. / Zurückgelassene Koffer sind ihre Steine.“ Eine harte Anspielung auf die Tristesse nach dem Massenexodus der Schäßburger Siebenbürger Sachsen 1990/1991.
Weniger dunkel sind dafür die beiden Kronstadt-Gedichte. In „Eckart Schlandt an der Buchholz-Orgel“ spielt der Organist der Schwarzen Kirche aus Kronstadt, dem größten gotischen Dom in Südosteuropa, an einer der berühmtesten Orgeln ihrer Zeit. Die Wirkung dieses Spiels ist übermächtig: „Die Schwarze Kirche glüht. / Sie brennt wieder / Unbemerkt von Straßen und Passanten. / – Nur die Teppiche kommen zur Hilfe. / Bänke und Brüstungen werden Karawanen. / Die zurückwollen zum Anfang.“
Für den Kenner der Verhältnisse ein Hochgenuss an bildhafter Atmosphäre. Er weiß, dass die Schwarze Kirche im Zuge der Gegenreformation von den Österreichern in Brand gesteckt wurde und nur mühsam versehrt und schwarz gebrannt gerettet werden konnte. Deshalb „Schwarze Kirche“. Die zur Hilfe kommenden Teppiche stammen aus dem Teppichmuseum der Schwarzen Kirche. Es ist das größte rumänische Museum mit orientalischen Teppichen. Hier hätte auf diese historischen Anspielungen hingewiesen werden sollen, damit auch der Nichteingeweihte diese gelungene Verdichtung einer historischen Atmosphäre sachkundig nachvollziehen kann.
Im Gedicht „Kronstädter Konzert“ wird der Kronstädter Kulturaufbruch bis in die heutige Zeit herübergerettet. Allerdings muss man auch hier wissen, dass Kronstadt das Zentrum der lutherischen Reformation in Südosteuropa war. Mit einem eigenen Reformator, dem Lutherschüler Johannes Honterus (1498-1549), der auch in der Schwarzen Kirche wirkte. Aus diesem Grund endet dieses Gedicht zukunftsweisend. „Die Schwarze Kirche öffnet die Fenster / Um zu sehen wie / Schritte klingen / Die den Anfang kennen / Den Anfang von Reformation und West-Ost-Handel und Kulturaustausch zwischen Ländern, Völkern, Religionen.“
Diese liebevollen lyrischen Kurzortsmonographien werden noch mit den Ortschaften „Sibiel“ (Biserica Sfânta Treime / Kirche zur Heiligen Dreieinigkeit), Bistritz („Bistritzer Elegie“), Holzmengen, Hermannstadt („Orgelstück“ für Ursula Philippi und „Überquerung“), „Zeiden“ und natürlich auch „Bukarest“ ergänzt. Das Gedicht „Bukarest“ ist einem der besten Buth-Übersetzer, dem Germanistikprofessor George Guţu, gewidmet. Hier werden Buths Gedanken und Empfindungen zurückgespielt in George Enescus Rhapsodien. George Enescu (1881-1955), Rumäniens größter Komponist, ist eine glücklich emblematische Metapher für Rumäniens Bindungen an die europäische Tradition und Moderne. Unter diesem Aspekt stehen fast alle Gedichte dieser Auswahl aus gleich drei Lyrikbänden Buths: „Die Stille nach dem Axthieb“ (Heiderhoff Verlag, 1997, von George Guţu ins Rumänische übertragen), „Zwischen mir und vorbei“ (Ralf Liebe Verlag, 2007) und „Der Rhein zieht eine Serenade“ (Ralf Liebe Verlag, 2009).
Zu dem vorliegenden Band äußert sich eine der bekanntesten rumänischen zeitgenössischen Lyrikerinnen und Essayistinnen Ana Blandiana (geb. 1942): „Matthias Buth, ein deutscher Dichter ohne siebenbürgische Wurzeln, hat mit seinen Gedichten in diesem Band ein eindrucksvolles Bindeglied zwischen zwei Welten geschaffen, die nie aufhören, voneinander zu träumen.“ Dem kann man nur hinzufügen, zu träumen und zu dichten. Und dies schon Jahrhunderte lang.

Ingmar Brantsch


Matthias Buth: „Rumänien hinter den Lidern / România dincolo de pleoape. Gedichte /Poeme“, rumänisch-deutsch, Editura Institutului Cultural Român [Verlag des Rumänischen Kulturinstituts], Bukarest 2009, 79 Seiten, ISBN 978-973-577-576-6. Zum Preis von 15,00 Lei zu beziehen beim Rumänischen Kulturinstitut, Telefon: (00 40) 3 17 10 06 06, E-Mail: icr [ät] icr.ro oder anca.hrab [ät] icr.ro.

Schlagwörter: Rezension, Gedichtband

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