18. Januar 2011

Die Pest-Ordnung des Hermannstädter Stadtarztes Johannes Saltzmann

Wenige Tage vor Weihnachten des Jahres 1510 legten Hieronymus Binder (Vietor) und sein Kompagnon Hans Singriener ein Büchlein über die Pest in ihrer Buchdruckerei auf dem alten Wiener Fleischmarkt unter die Druckerpresse. Als Anlass für die Entstehung von so genannten „nützlichen Ordnungen und Regimenten wider die Pestilentz“ dienten die verheerenden Seuchen, allen voran der Schwarze Tod, wie die Pest später bezeichnet wurde.
Obwohl diese Seuche bereits in der Antike und im Frühmittelalter (Justinianische Pest im 6. Jahrhundert) bekannt war, überrollte sie von 1347 bis 1352, von der Krim-Stadt Kaffa (Feodossija) ausgehend, fast ganz Europa. Sie traf die Bevölkerung unvermittelt in einer Krisenzeit der Feudalgesellschaft (Hungersnöte, Kriege), als göttliche Strafe im Gewand einer „neuen“ Krankheit, und grassierte auf eine – auch heute noch – unvorstellbar heftige Art und Weise. Diese Epidemie gilt als größte Katastrophe im zweiten Jahrtausend n. Chr. Schätzungen zu Folge forderte das „Große Sterben“ durchschnittlich 30 % der europäischen Bevölkerung, also etwa 18 Millionen Menschenleben von den damals insgesamt nur ca. 60 Millionen Einwohnern des alten Kontinents. Die Bevölkerung Europas schrumpfte infolge von weiteren sechs Pestepidemien bis 1400 auf nur noch die Hälfte! Manche Regionen verloren sogar 70-80 % ihrer Einwohner; allein in Florenz starben in dieser Zeit über 50 000 Menschen.

In der bekannten Novellensammlung Decamerone des Florentiner Humanisten Boccaccio (1313-1375) schildert der Autor eindrucksvoll das bislang beispiellose Massensterben, deren sozial-ökonomischen und moralisch-kulturellen Folgen das mittelalterliche Europa zutiefst erschütterten. Vertrauensverlust an christlichen Grundwerten, Sektenbildung, Geißlerzüge, Fanatismus und Fremdenhass, Judenpogrome und nachhaltige soziale Umschichtungen zählten zu den Folgen der Seuche: „Die fürchterliche Heimsuchung hatte eine solche Verwirrung in den Herzen der Männer und Frauen gestiftet, dass ein Bruder den anderen, der Onkel den Neffen, die Schwester den Bruder und oft die Frau den Ehemann verließ; ja, was noch merkwürdiger und schier unglaublich scheint: Vater und Mutter scheuten sich, nach ihren Kindern zu sehen und sie zu pflegen – als ob sie nicht die ihren wären. (…) Aber wegen des Fehlens an ordentlicher, für den Kranken nötiger Pflege und wegen der Macht der Pest war die Zahl derer, die Tag und Nacht starben, so groß, dass es Schaudern erregte, davon zu hören, geschweige denn es mitzuerleben.“ (…) „Das ehrwürdige Ansehen der göttlichen und menschlichen Gesetze war fast ganz gesunken und zerstört.“

Bis 1890, als Alexandre Yersin die Pestbakterien (Yersinia pestis) entdeckte und die Übertragung der Krankheit von Ratten über Flöhe auf den Menschen klärte, wurde angenommen, dass die Ursache der „sterbenden Leuffen“ – außer Gottes Zorn und ungünstiger Gestirnkonstellationen – in der Luft bzw. in den faul riechenden Winden und üblen Dämpfen (sog. Miasmen) liege. Verständlich also, dass die Bezeichnung „verpestete Luft“ für Gestank selbst Ende des 20. Jahrhunderts im siebenbürgisch-sächsischen Sprachgebrauch noch nicht ganz verschwunden war. In Siebenbürgen sind aus dem 16. sieben, aus dem 17. zehn und aus dem 18. Jahrhundert sechs Pestilenzen bekannt, die unzählige Opfer forderten. Somit ist die damals landläufige Meinung absolut nachvollziehbar: „Diese drei Worte vertreiben die mörderische Pest: Entweiche sofort, gehe weit, kehre spät zurück“.

Am 31. Juli 1510 widmete der aus Steyr (Oberösterreich) stammende Doktor Johannes Saltzmann (auch Salzmann und Salius), Stadtphysikus von Hermannstadt, sein Pestbüchlein, als Zeichen seiner Verbundenheit und Hilfsbereitschaft der Stadtobrigkeit, dem Hermannstädter Königsrichter und Kammergraf Johannes Lulay (gest. 1521) sowie den Senatoren der Stadt und den Vertretern der Sieben Stühle. Der Titel des Büchleins lautet auf Deutsch: Kleines Werk über die Vorbeugung und Behandlung der Pestilenz, nicht minder nützlich als notwendig und akkurat dargelegt für den Gebrauch durch den gemeinen Menschen. Der Autor hielt es – im Vorwort – für außerordentlich wichtig, dass Siebenbürgen von der Pest verschont bleibe, weil diese Provinz ein unverzichtbares Schutzschild Europas gegen die Türken, Tataren, Skyten und Sonstige sei. Er lobt das standhafte Hermannstadt, das von den Türken, zu Ehren des ganzen Christentums, uneinnehmbar blieb.

Vor 500 Jahren erschien in Wien die Pest-Ordnung ...
Vor 500 Jahren erschien in Wien die Pest-Ordnung des Stadtarztes Johannes Saltzmann.
Die Pest-Instruktion des Stadtarztes war ein praktischer Ratgeber und beinhaltete nicht nur die Verhaltensregel und Anweisungen zur Vermeidung der Pest, sondern auch zahllose Verbote. Er stellt seine eigenen Erfahrungen in der Bekämpfung der Seuche dar, insbesondere die beharrliche, strenge und – deshalb erfolgreiche – Anwendung der Isolationsregeln, aber auch die ganze Palette der damaligen, meist kaum wirksamen Heilmethoden dar: Öffentliche Feuer, Räucherung, esoterische Anwendungen, Theriak (Mischung aus Opiaten und Schlangengiften, getrocknetem Krötenpulver und vielem anderen), Verzicht auf Zusammenkünfte (Feste; Märkte, Baden), Enthaltsamkeit sowie Aufschneiden bzw. Kauterisieren von Pestbeulen und natürlich die Aderlässe. Dank seiner strengen Isolierungsmaßnahmen blieb die Bevölkerung von Hermannstadt während der schweren Epidemie von 1510/11 von der Pest verschont, während außerhalb der befestigten Stadt am Zibin die Seuche ungehindert wütete und zahlreiche Opfer forderte. Der Autor erwähnt dies in der deutschsprachigen Auflage seiner Pest-Ordnung von 1521: „Im jar 1510 gelebet nach solchem meynem rad dye vermertest Stat in Sybenbürgen genant die Hermanstat ward ganz behuet, dass khain mensch in diesem lauff siech ward. So doch all ander umbliegend Stett und Märkt, die solcher Ordnung nit pflegten, mit der pestilentz grausamblich beschwaert worden.“

Die verbesserte Hygienevorgaben und die strengen Isolationsmaßnahmen des Stadtarztes Saltzmann, wie jene in den von der Pest stark gebeutelten italienischen Städten Venedig, Florenz, Pisa bereits seit 1348 (z.B.: Ordinamenta sanitatis in Pistoia) Anwendung fanden, haben sich auch in Hermannstadt als wirksam und erfolgreich erwiesen. Daher bot es sich dringend an, seine bewährte Methode mit Hilfe des Buchdrucks schnell bekannt zu machen. Obwohl es 1510 in Europa bereits mehr als 250 Druckorte gab, keiner davon lag in Siebenbürgen. Bedingt durch die hohe Nachfrage für solche medizinischen Schriften sowohl in gelehrten Kreisen, als auch bei nichtärztlichen Heilkundigen und Bürgern wurde seine Pest-Ordnung auf Befehl des Erzherzogs Ferdinand II. auch in deutscher Sprache verfasst und 1521 in Wien veröffentlicht. Dieser folgten bald weitere Auflagen und Werke anderer Autoren, wie z.B. 1530 die deutschsprachige Pest-Ordnung des Hermann­städter Stadtarztes Sebastian Pauschner.

Über Saltzmann ist übermittelt, dass er 1497 seine Studien in Wien begann, 1504 dort Medizin studierte und in Ferrara zum Doktor der Medizin promovierte. 1506-1507 hielt er sich in Böhmen und Mähren auf, wo er als junger Arzt mit der Pestilenz in Berührung kam. 1507 widmete er ein Gedicht über Annaberg Kaiser Maximilian I., der ihm die Dichterkrone (poeta leureatus) verlieh. 1510 wurde er in Hermannstadt zum Stadtphysikus bestallt. Die genaue Dauer seines Aufenthaltes in Siebenbürgen ist nicht bekannt. 1513 war er Mitglied der Medizinischen Fakultät, 1522 sogar Rektor der Universität in Wien. Bereits ein Jahr früher wurde Johannes Saltzmann – dank seines guten Rufes – zum Leibarzt des Erzherzogs Ferdinand II. berufen und wirkte als solcher bis zu seinem Tode 1530.

Pestratgeber oder „Büchlein der Ordnung“ sind bereits im letzten Quartal des 15. Jahrhunderts im Druck erschienen (Gentile da Foligno, Giovanni Dondi, Heinrich Steinhöwel), jedoch zählt Saltzmanns Werk als erste gedruckte Pest-Ordnung im habsburgischen Herrschaftsgebiet, das auch in Ungarn und Siebenbürgen zur Geltung gelangte. Vor einem halben Jahrtausend galten also die ersten „Medizinalinstruktionen“, allen voran die Policeyordnung Ferdinands II., im mitteleuropäischen Raum als sehr wichtige Neuerung jener Zeit, denn als obrigkeitliche Fürsorgevorschriften über die Vorbeugung und Eindämmung der Ausbreitung der Pest sowie die zweckmäßige Behandlung von Kranken zählten sie zu den Anfängen eines staatlich reglementierten öffentlichen Gesundheitswesens. Saltzmanns Schrift war nicht nur ein „nützliches“, sondern äußerst notwendiges Regelwerk in einer den Seuchen gegenüber machtlosen und vor Todesangst, Trauer und Elend geprägten Welt zu Beginn der Frühen Neuzeit. Es galt damals als Muster für spätere Pest-Ordnungen in Mitteleuropa bzw. als Vorläufer späterer Gesundheitsreglementierungen (Generale Normativum in Re Sanitatis, Wien 1770), letztlich sogar als Keimzelle der zahlreichen Gesetze, Direktiven, Richt- und Leitlinien, Standards und Normen in der Medizin und Pharmazie unserer pestfreien Zeiten.

Dr. Robert Offner

Schlagwörter: Medizin, Geschichte, Buch, Hermannstadt, Pest

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