16. Dezember 2011

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Ortsmonographie der Superlative über Großpold

Die Größe allein ist beeindruckend: 496 mit rund 1200 Farb- und Schwarzweißfotos, Graphiken und Karten reich illustrierte Seiten in Großoktav (32,6 x 25,4 cm), 4,2 cm dick, 3500 g schwer, dazu eine inhaltsreiche DVD mit historischen Filmen, weiteren Fotos, Dokumenten und Daten – Information in Schrift, Bild und neuen Medien über alles, was man über Großpold (rumänisch Apoldul de Sus; ungarisch Nagyapold) zusammentragen konnte. Die Puzzlestücke, aus denen der Inhalt dieser gewichtigen Ortsmonographie von Martin Bottesch und Ulrich A. Wien gestaltet wurde, stammen nicht nur von den beiden Autoren, sondern von unzähligen Helferinnen und Helfern, von denen nur die wichtigsten im Vorwort namentlich erwähnt sind, so dass das Buch ein Gemeinschaftswerk aller Großpolder von fern und nah werden konnte.
Alle Großpolder – das bedeutet alle Mitglieder der bunten Schar von Völkerschaften und Konfessionen, die für Siebenbürgen typisch ist, und darum ist diese Ortsmonographie weit mehr als ein Heimatbuch, sie ist ein Buch, das eine ganze Region in ihrer Vielfalt erschließt und präsentiert. Das macht die Publikation sehr wichtig: Sie zeugt von einer neuen Herangehensweise der siebenbürgisch-deutschen Geschichts- und Kulturgeschichtsschreibung, die Sachsen und Landler als Teil eines Ganzen sieht, ihre Existenz und ihr Wirken kontextualisiert. Wurde sie darum von rekordverdächtig vielen Institutionen und Personen aus Deutschland und Österreich gefördert, vom Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien in Berlin, von zwei Bundesministerien in Wien, von der Kärntner Landesregierung in Klagenfurt, der Deutschen Botschaft in Bukarest, der Siebenbürgisch-Sächsischen Stiftung und der Heimatortsgemeinschaft Großpold in München, von vielen privaten Spendern?

Zweifellos wird nur Qualität in einem solchem Umfang gefördert, dass ein so aufwendig und damit teuer gestaltetes Buch erschwinglich bleiben, dass ein so schönes, farben- und inhaltsreiches Buch gedruckt werden konnte, das schon beim Durchblättern Freude macht.

Die Ortsmonographie beginnt mit der Schilderung des heutigen Großpold, seiner geographischen Lage und Beschaffenheit sowie der heutigen Bewohner, unter denen die Landler und die Sachsen eine Minderheit neben den Rumänen und den Roma bilden, obwohl die Gemeinde 1970 noch eine deutsche Bevölkerungsmehrheit hatte. Auf die demographischen Verhältnisse und die ethnische Gliederung der Bewohner von Großpold kommen die Autoren im vierten Kapitel ausführlich zurück. Das zweite Kapitel enthält eine umfassende Darstellung der Geschichte dieser Gemeinde von der Römerzeit bis heute. Leitende Gedanken sind dabei die auf der Umschlagrückenseite formulierten Fragen: „Wie ­kamen Menschen miteinander aus, die in derselben Ortschaft lebten, verschiedenen Sprachgemeinschaften und Konfessionen angehörten und über lange Zeit einen unterschiedlichen Rechtsstand hatten? Wie haben sie ihre Identität bewahrt?“ Diese Fragen beziehen sich sowohl auf die drei wichtigsten ethnischen bzw. konfessionellen Gruppen als auch auf Fragen des Zusammenlebens und der Identitätswahrung der evangelisch-lutherischen Deutschen, der Sachsen und der Landler, die zu unterschiedlichen Zeiten aus unterschiedlichen Regionen eingewandert sind. Den Entwicklungen seit dem 18. Jahrhundert, in dem die Landler angesiedelt worden sind, wird ein eigenes, umfangreiches drittes Kapitel gewidmet, das auch die Verwaltung des Dorfes, die Verkehrsanbindung, die Veränderungen in der Sozialstruktur, die Amerika-Auswanderung, die beiden Weltkriege und die Zeit danach behandelt.

l ... Der Völker und Religionen übergreifende Charakter des Buches wird nochmals am Beispiel von Kirche und Schule (Kapitel 5) sowie des Gemeinschaftslebens (Kapitel 6) in Großpold deutlich: Neben den evangelischen Sachsen und Landlern hatten die orthodoxen Rumänen eigene Kirchen und Schulen, bildeten sich Nachbarschaften der Sachsen und Landler, der Rumänen und der Roma heraus, aber auch eine gemeinsame deutsch-rumänische Feuerwehr. Im folgenden Kapitel – etwas wenig aussagekräftig „Verschiedenes“ betitelt – wird die bauliche Entwicklung des Ortes geschildert, die (unterschiedliche) Wohnkultur der Bewohner beschrieben, die beiden deutschen Mundarten analysiert, Reime und Sprüche wiedergegeben, aber auch die verschiedenen Personennamen der Landler, Sachsen, Rumänen und Roma aufgeführt.

Ein umfassender Anhang, der die drei Friedhöfe (der Lutheraner, der Orthodoxen und der Freikirchler) dokumentiert, die Listen der katholische, evangelischen und orthodoxen Pfarrer, detaillierte Lehrerverzeichnisse aller Schulen, Verzeichnis der Steuerzahler 1970 und 2010 und eine Häuserstatistik, Nachbarschafts- und Bruderschaftsartikel und vieles mehr enthält, rundet das inhaltsreiche Buch ab. Anmerkungen, Personen- und Ortsregister, Bildnachweise, ein ausführliches Quellen- und Literaturverzeichnis belegen den hohen wissenschaftlichen Anspruch des Werkes.

Als „Großpolder Persönlichkeiten“ werden David Krasser, Andreas Rieger, Ernst Thullner, Otto Piringer, Dora Möckel, Corneliu Sârbu, Ioan P. Oltean, Karl Wilhelm Fisi, Nicolae Muntean, Hans Liebhardt und Hanni Markel vorgestellt. Eine – wohl die herausragendste Persönlichkeit des Ortes in Vergangenheit und Gegenwart – wird aus ihr eigener Bescheidenheit ausgelassen: der Mitautor Martin Bottesch, Kreisratsvorsitzender des Kreises Hermannstadt, Lehrer, Lehrerausbildender, Buchautor und vieles mehr.

Der zweite Verfasser ist sozusagen ein Beute-Großpolder: der Pfälzer Ulrich Andreas Wien, der aus Interesse an der Persönlichkeit von Bischof Friedrich Müller-Langenthal zum „Studium Transylvanicum“ stieß, eine Großpolderin geheiratet hat, an der Universität Koblenz-Landau wirkt und im Ehrenamt als Vorsitzender des Arbeitskreises für Siebenbürgische Landeskunde aktiv ist. Beiden Autoren, dem Praktiker und Lehrer einerseits, dem Hochschuldozenten und Kirchenhistoriker andererseits ist es gelungen, eine wissenschaftlich fundierte, auf einer Fülle von Quellenmaterial basierende Vorstellung von Großpold zu erarbeiten, die trotzdem allgemein verständlich bleibt, leicht und mit Gewinn gelesen wird. Das hängt viel damit zusammen, dass die Verfasser und der Großteil ihrer Leser Achtung vor der geschichtlichen Wahrheit und Achtung für alle Bewohner des Ortes mit herzlicher Verbundenheit zu verbinden verstehen. Martin Bottesch hat das bei der Buchpräsentation in Hermannstadt in folgende Worte gefasst: „Unser Wesen ..., ganz gleich, wo wir sind und wie wir leben, hängt mit Großpold zusammen. Hier sind wir geprägt worden von der Gemeinschaft, in der wir aufwuchsen, von der Arbeit auf den Feldern, von der Schule und der Kirche, von Festen, die wir gefeiert haben, aber auch von dem Leid, das uns betroffen hat. Wir möchten, dass das alles nicht nur in unseren Erzählungen, unseren Briefen und unserer Erinnerung weiter lebt, sondern dass es nicht in Vergessenheit gerät. Und dafür ist eine Ortsmonografie das richtige Mittel.“

Schöner kann man den Inhalt dieses Buches nicht zusammenfassen, schöner die Empathie der Verfasser nicht formulieren, nur eines ergänzen: Das Buch ist nicht nur für die Großpolder eine wichtige und empfehlenswerte Lektüre. Jeder Siebenbürger und jeder an dem bunten Völker- und Kulturenmix Siebenbürgens Interessierte kann das Land besser kennen und schätzen lernen, wenn er dessen kleinräumliches Werden und Gedeihen am Beispiel des Großpolder Mikrokosmos authentisch auf sich einwirken lassen kann, mit Hilfe dieses Buches.

Konrad Gündisch


Martin Bottesch, Ulrich A. Wien: „Großpold. Ein Dorf in Siebenbürgen.“ Dößel: Verlag Janos Stekovits 2011, 496 Seiten, zahlreiche Illustrationen, eine DVD. ISBN: 978-3-89923-280-6, Preis: 54,90 Euro, erhältlich im Buchhandel oder bei Christa Wandschneider (München), Telefon: (0 89) 6 37 00 44, E-Mail: cwandschneider[ät]web.de.
Großpold: Ein Dorf in Siebenbü
Martin Bottesch
Großpold: Ein Dorf in Siebenbürgen

Stekovics, J
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Schlagwörter: Rezension, Großpold, Ortsmonographien

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