27. Januar 2012

Von der „Hanka“ zur „Frau Dulska“: Rosemarie Müller wird 75

Über ganze Spielzeiten hin, während der Jahre des sogenannten „Sozialismus“ in Rumänien, war Rosemarie Müller, die am 27. Januar ihren fünfundsiebzigsten Geburtstag feiert, die „erste Liebhaberin“ der alten DASS, der Deutschen Abteilung des Hermannstädter Staatstheaters. Ein Gesicht, das nicht wegzudenken war aus dem wandlungsfreudigen, personellen Schwankungen ausgesetzten Ensemble all der Jahre, ein konstantes Künstlerprofil, das den Werdegang dieser Bühne von Anfang bis Ende begleiten und in zahlreichen großen und kleinen Rollen entscheidend mitbestimmen durfte.
Im „Leistungsspiegel“ der alten DASS steht Rosemarie Müller gar mit 104 gespielten Rollen auf dem dritten Platz (!) nach Christian Maurer und Kurt Conradt – weit vor allen andern Kolleginnen und Kollegen. Die Menge der Rollen mag freilich kein Kriterium für die Güte der Gestaltung sein – es kann einer 34 Jahre lang Schuhputzer auf dem Großen Ring gewesen sein, und dabei ein kleines Putzerchen; auf die Müller dürfte aber zutreffen, was in der Festschrift der „neuen“ DASS zum 50. Jahrestag der Bühne (2007) vermerkt wird: „eine vielbeschäftigte Darstellerin, die Höhen und Tiefen des Ensembles miterlebte. Als sie 1988 wieder glänzte, wurde festgehalten, sie eigne sich eigentlich für jede Rolle“.

O ja, von Hosenrollen (ihr quicklebendiger, quirliger Ilie in A. Kolowrats „Susi, unsere Kuh“!) über Heldinnen der Klassik (Eve im „Zerbrochenen Krug“ von Kleist, Luise in Schillers „Kabale und Liebe“, Emilia Galotti in Lessings gleichnamigem Stück, Miranda in Shakespeares „Sturm“ – um nur einige zu nennen) bis hin zu zeitgenössischen jugendlichen Frauengestalten, die aufzuzählen zu weit führen dürfte, hat die gebürtige Hermannstädterin einer reichen Gallerie prägnanter „Menschinnen“ ein unverwechselbares Bühnen-Leben eingehaucht.

Als aber die Zeit allmählich nahte, wo auch der hartnäckigsten „jugendlichen Heldin“ unweigerlich „die Mütter winken“, schreckte die Müller vor der neuen, ungleich komplexeren Aufgabe nicht zurück. Im Gegenteil – mit komödiantischer Lust und Hingabe stürzte sie sich in das (für sie) neue Genre – und nichts verdeutlicht die polaren Grenzstationen dieses Bühnenlebens besser als die (1985) von ihr mit Bravour und penibler Akkuratesse gestaltete Frau Dulska, von ihr, die in der ersten Fassung des gleichnamigen Stückes (1960) … die strahlende jugendliche Heldin Hanka gewesen war! Ein fraglos bemerkenswerter Bogen, eine beachtliche Spannweite künstlerischer Gestaltungskraft.

Rosemarie Müller als Karin Bratt in „Kolportage“ ...
Rosemarie Müller als Karin Bratt in „Kolportage“ von Georg Kaiser, 1968.
Sie durfte sich nun über Beifallsstürme aus berstendvollen Theatersälen freuen, wenn sie z.B. in der Doppelrolle der Zwillingsschwestern Tussy und Gerty Davorn ihr Publikum zu Lachtränen reizte und zu bedingungslosem „Mitgehen“ zwang – genau wie früher, da der angehaltene Atem der Zuschauer förmlich zu erspüren war, wenn sie als Emily Webb in Thornton Wilders „Kleiner Stadt“ ihrem George Gibbs im Drug-Store gegenübersaß und beide die rührend-linkischen Gehversuche einer aufkeimenden ersten Liebe in kunstvoll-gestammeltem Zwiegespräch zelebrierten ...

Nein, es können nicht alle Rollen erinnert werden, denen Rosemarie Müller ein unvergessliches Bühnenleben eingehaucht hat; abschließend aber vielleicht dieses eine noch: Es sind wahrscheinlich die drei letzten großen Rollen gewesen, die sie auf der Höhe ihrer Gestaltungskraft gezeigt haben – die Witwe Begbick in Brechts „Mann ist Mann“ (Regie Peter Förster, Leipzig), die Gespensterbändigerin im gleichnamigen Stück I. Băieşus, und die Sophie in „Casanova auf Schloss Dux“ von K. Gassauer, beide in der Regie von Christian Maurer, ihrem Ehemann, der auch ihren einzigen Partner in diesen Stücken abgeben musste, da es an der DASS mittlerweile, außer ihm, keine weiteren Kollegen mehr gab – Kurt Conradt war, krankheitsbedingt, leider nicht mehr einsatzfähig ... (Die für eine Besetzung in Frage gekommen wären, waren alle längst ausgewandert.)

Und als es schließlich (im Herbst 1988) auf ­einer der letzten Ausfahrten der DASS zu Ausschreitungen brachialer Gewalt von Seiten ­minderjähriger „Zaungäste“ kam – der National-Kommunismus Rumäniens hatte längst abstruse, rüde „Blüten“ zu treiben begonnen –, kam endlich auch für die Familie Maurer-Müller der Zeitpunkt für die Ausreise ...

Der Rest ist Geschichte: Die siegreiche, blutige „Revolution“, Freiheit und Demokratie, die Aussiedler-Sturzflut, eine neue DASS am Hermannstädter Nationaltheater „Radu Stanca“, eine DASS, die sich dem überbordenden Regietheater verpflichtet weiß und damit ein aufgeschlossenes, neues Publikum gewonnen hat und anspricht.

Und Rosemarie Müller lebt heute als Rentnerin mit Ehemann und der Familie ihrer Tochter in der Nähe von Passau – wo übrigens die „Prinzipalin“ jenes ersten deutschen Theaterensembles, das Mitte des 18. Jahrhunderts in Hermannstadt gastierte, die Bodenburgin Gertraud, ihren Lebensabend verbracht haben soll ...

Sie, die Müller, versucht im Tandem mit ihrem Ehemann, Ordnung in die Hinterlassenschaften der alten DASS – Plakate, Programmhefte, Kritiken, Zuschauerbriefe, Fotos etc. – zu bringen, im Hinblick auf eine überfällige Geschichte dieser Bühne, eine Sisyphusarbeit.

Und wenn man so in alten Alben schmökert, lässt manches Foto eine vergessene „Faktizität“ auferstehen: Während der „sozialistischen Spiel-Zeit“ Rumäniens nämlich erfreute sich die Hermannstädter Deutsche Bühne eines beinahe schon notorischen Rufs – sie galt innerhalb der vielgestaltigen, multiethnischen Theaterwelt des Landes als eine der Bühnen mit bemerkenswert attraktiven „Actricen“. Zu ihnen dürfte – wir schreiben es guten Gewissens – auch Rosemarie Müller gezählt haben.

So wäre ihr denn (neben einem stetig auf- und ausgebauten professionellem Rüstzeug, neben ihrer Treue zum Ensemble der DASS, zum „sächsischen“ Siebenbürgen und „schwäbischen“ Banat) vor allem eines zu danken – eines, das sie ausstrahlen und ganz ohne ihr Zutun in großen und in kleinen Rollen, in schönen und in schweeren Zeiten verschwenderisch verschenken durfte: Charme.

Arno Arnold

Schlagwörter: Porträt, Schauspielerin, Geburtstag, Hermannstadt

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