10. April 2012

Kulturvereinigung „Ponte“ in Mediasch gegründet

Im „Mediascher Wochenblatt“ konnte man vor über 100 Jahren das Klagelied über ein danieder liegendes Musikleben lesen. Nicht umsonst nannte man einst die Jahre zwischen 1893 und 1900 wehmütig die „Kirchner-Zeit“, als der Thüringer Dirigent und Komponist als Musikdirektor die Kokelstadt für kurze Zeit zu einem Zentrum der Musikkultur der Siebenbürger Sachsen machte.
Als der Landschaftstechniker und Musiker Helmut Novak Anfang des 21. Jahrhunderts an die Kokel kam, mag er zwar die alten Kamellen nicht gekannt haben, zieht aber doch ein ähnliches Fazit über das heutige Mediasch. Als Mann der Tat will er es dabei nicht bewenden lassen und gründet mit einigen Gleichgesinnten die Kulturvereinigung „Ponte“. Mit der Einladung zur ersten Veranstaltung des neuen Vereins, einem Liederabend, stellt Novak in einem programmatischen Schreiben auch seine Mitstreiter Gerhard Servatius-Depner, Bianca Iorga und Luminiţa Novak vor. Es geht ihnen darum, das Bewusstsein für Kultur im Allgemeinen zu fördern. Novak schreibt: „Leider trifft es zu, dass auch auf den humanistischen Oberstufen der Schulen die Musik- und Kunsterziehung viel zu wünschen übrig lässt.“ Deswegen sollen die teilweise „schlafenden“ Talente gerade bei den jungen Leuten geweckt werden, durch eine kontinuierliche Pflege des Kulturgutes in Veranstaltungen verschiedenster Art. So wird der Name „Ponte“ selbst Programm, denn jedes künstlerische Element soll eine Brückenfunktion zwischen den Generationen, den verschiedenen Etnien, Konfessionen usw. übernehmen. „Von der Qualität her (sollen) hohe Ansprüche gestellt werden, um zu beweisen, dass sich auch der Weg von der Kreisstadt und von den Dörfern nach Mediasch lohnt. Ein anderer Wunschtraum ist es, den Kindern und Jugendlichen einen breit organisierten und vor allem finanziell erschwinglichen Musikunterricht zu ermöglichen, also Unterweisung in den wichtigsten Musikinstrumenten und im Gesang.“ Durch die persönlichen Prioritäten der Gründungsmitglieder ergibt sich in der Musik ein erster Schwerpunkt für die Arbeit von „Ponte“, doch will man sich auch der Literatur und der darstellenden Kunst zuwenden.
Helmut Novak (Bariton), am Klavier begleitet von ...
Helmut Novak (Bariton), am Klavier begleitet von Liv Müller, beim ersten von der Kulturvereinigung „Ponte“ bestrittenen Konzert im Mediascher Schullerhaus am 9. Februar 2012.
Inzwischen haben die ersten beiden Veranstaltungen des neuen Vereins – ein Lieder- und ein Gedichtabend stattgefunden. Zum Start lud „Ponte“, dem das Demokratische Forum im Schullerhaus einen passenden Rahmen für seine Debütveranstaltung bot, am 9. Februar 2012 zu einem deutschen Liederabend ein, den der Bariton Helmut Novak, geboren in Wien, heute in Mediasch lebend, mit Liv Müller (Halle an der Saale / Reichesdorf) am Klavier bestritt. Die Hermannstädter Zeitung berichtete über den gelungenen Abend: „Auf dem Programm standen deutsche Volkslieder des 15. bis 19. Jahrhunderts, wobei der Terminus Volkslied weit gefasst war. Bei vielen als Volkslieder bekannten Weisen sind Textdichter und Komponist nur Fachleuten bekannt. So stammt z.B. der Text des Liedes ‚In einem kühlen Grunde‘ von Joseph von Eichendorff, die Melodie von Friedrich Glück und Goethes Ballade ‚Der König von Thule‘ wurde durch die Vertonung von Carl Friedrich Zelter berühmt. Helmut Nowak führte gekonnt durch das Programm und gab zu: ‚Es ist nicht leicht, den roten Faden bei so einem Blumenstrauß von Melodien zu finden.‘ Ein echtes Volkslied widmete Nowak der Erinnerung an seinen Lehrer, den Kammersänger Prof. Heinz Hoppe von der Musikhochschule Mannheim, der ihm ,die Tür geöffnet hat zur Schönheit des deutschen Liedes‘: ‚Es dunkelt schon in der Heide‘ stammt aus dem 15. Jahrhundert. Nicht fehlen konnten natürlich die Trinklieder. Nowak hatte auf einem geschmackvoll drapierten Tisch auch eine Glaskaraffe mit Wein stehen und prostete dem Publikum immer wieder zu. Dann gab es noch einen Gruß an die aus Halle stammende Pianistin Liv Müller mit ‚An der Saale hellem Strande‘ wo es weiter heißt: ‚.. stehen Burgen stolz und kühn/ Ihre Dächer sind zerfallen,/ und der Wind streicht durch die Hallen,/ Wolken ziehen drüber hin.‘ Dabei dachten wohl die meisten Anwesenden an die Kirchenburgen in Siebenbürgen ...“

Der Kulturverein hofft, ein eigenes Domizil etwa in einem großen sächsischen Gewölbekeller im Zentrum beziehen zu können. Novak schreibt: „Aber damit ein Zentrum für die Präsentation von Kleinkunst entstehen kann, werden Sponsoren gesucht. Mit ca. 60 Plätzen soll er so gestaltet werden, dass der Vortragende den direkten Kontakt zum Publikum hat, ohne Mikrofon. In alten Zeiten ‚Jazz-Keller‘ genannt, sagt man heute ‚Art-Café‘.“

Mit dieser Vorstellung der neuen Mediascher Kulturvereinigung „Ponte“ soll auch der Glückwunsch der Heimatgemeinschaft Mediasch e. V. überbracht werden Mögen ihnen die Ideen nicht ausgehen und auch nicht das Publikum. An dieser Stelle sei noch einmal an Hermann Kirchner erinnert, der vor knapp 130 Jahren nur einen Steinwurf weit von Helmut Novaks Domizil in Mediasch Einzug gehalten hat. Und in Reichesdorf, wo die Pianistin Liv Müller heute zu Hause ist, begann der Siegeszug des wohl bekanntesten Kirchner-Liedes „Bäm Hontertstreoch“. Es würde sicher viele freuen, wenn „Ponte“ auch auf sächsisches Liedgut zurückgreift und Mediasch das Jahr 2013, in dem sich auch Kirchners Todestag zum 85. Mal jährt, dem Gedenken dieses Musikers widmet, der ganz konkret, durch seine Kompositionen, aber auch als Dirigent den Brückenschlag zwischen den Ethnien in Rumänien praktiziert hat. Deutsche, sächsische, rumänische und ungarische Kompositionen des Thüringers harren ihrer (Wieder) Entdeckung. Und wer weiß, vielleicht kann vor Kirchners Haus in der Steingasse sein „Holderstrauch“ in den drei wichtigsten Sprachen seiner Verbreitung (sächsisch, deutsch und rumänisch) einmütig erklingen.

Hansotto Drotloff

Schlagwörter: Mediasch, Kultur, Verein, Gründung

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