18. August 2012

Vom Acker auf die Opernbühne

Der Name Vasile Chişiu ist schon ein Begriff an der Nationaloper Bukarest. Der Mediascher Bariton singt hier seit 2005, doch wenige wissen, dass er vorher als einer der Spitzenlandwirtschaftler der jungen Generation galt.
Vasile Chişiu ist 37 Jahre alt, kommt aus Langenthal (Valea Lungă), hat ein Landwirtschaftsstudium absolviert und jahrelang etwa einhundert Hektar Ackerland bearbeitet, bevor er sich Ende der neunziger Jahre quasi von heute auf morgen für die Opernkarriere entschied. Bis zu seinen Debüts als Enrico in Donizettis „Lucia di Lammermoor” (Bukarest, 2005), als Figaro in Rossinis „Barbier” (Spoleto, Italien, 2007) und dann als Rigoletto im Teatro Derby (Mailand, 2011) verfloss die Zeit rasch und arbeitsintensiv. Studiert hat er in Jassy und Bukarest, und noch lange danach hat er bei Corneliu Fănăţean und Eduard Tumagianian Gesangsunterricht genommen. Heute ist er Preisträger mehrerer Wettbewerbe (u.a. des „Oper Oder-Spree”-Festivals in Beeskow, Deutschland) und singt in der Bundesrepublik, in Litauen oder Italien. Wie es dazu kam, erzählt Vasile Chişiu im Gespräch mit Christine Chiriac.


Welche Rolle spielte die Musik für Sie, bevor Sie sich für die Oper entschlossen?

Ich habe schon als Kind sehr gerne gesungen, im Kindergarten, in der Schule, auf allen Festen, in der Kirche, wo mein Vater heute noch singt. Es war eine wunderbare Übung, vor so vielen Menschen zu singen. Nach und nach wurde ich als Volksmusik-Interpret bekannt, ich veröffentlichte meine erste CD und trat regelmäßig auf. Meine zweite Platte stellte ich 1998 auf einem Fest in Mediasch vor, wo alle Größen der rumänischen Volksmusik sangen. Dort entschloss ich mich, aus der Musik einen Beruf zu machen.


Wie kamen Sie dann auf den Gedanken, Opernmusik zu singen?

Ich wusste damals noch nicht, was Oper ist. In Mediasch und Umgebung hatte ich noch nie die Gelegenheit gehabt, eine Oper zu sehen. Aber die Volksmusik-Sängerin Lucreţia Ciobanu bestand darauf, dass ich künftig in Theatern singe, nicht auf „Sarmale-Feiern“, wie sie humorvoll die Volksfeste mit Krautwickeln und Bier nannte. Der gleichen Meinung war auch eine Tante von mir, die Mitglied des Opernchors in Jassy gewesen war. Auch sie machte mir Mut. So ging ich zum allerersten Mal einer Gesangslehrerin vorsingen, das war Frau Crina Popovici in Hermannstadt. Sie hörte sich meine Volkslieder an, gab mir dann eine Partitur in die Hand und fragte: „Kannst du das lesen?“ Natürlich nicht, mit 24 Jahren konnte ich noch keine Noten lesen.

Vasile Chişiu als „Rigoletto“ in Italien. ...
Vasile Chişiu als „Rigoletto“ in Italien. Foto: Società Filarmonia Udine
Dennoch wurden Sie zwei Jahre später Student am Konservatorium in Jassy.

Ich war damals in der Landwirtschaft tätig und musste jedes Jahr Kredite nehmen, um für die hundert Hektar den nötigen Kraftstoff, die Unkrautbekämpfungsmittel, den Dünger zu kaufen. Die Hefte mit den Evidenzen habe ich als Andenken behalten. Weil ich der Bank dieses Geld zurückzahlen musste, arbeitete ich wie besessen. Ich spürte nicht mehr, dass ich müde oder hungrig war. Die Lehrerin hatte ihre Zweifel, ob ich die ganzen musiktheoretischen Kenntnisse in so kurzer Zeit nachholen würde, aber ich versprach ihr, dass ich genauso intensiv arbeiten würde wie auf dem Feld. Wahrscheinlich überzeugte sie meine Überzeugung, sie empfiehl mir eine Theorielehrerin und ich machte mich an die Arbeit. Ich kaufte alle Musiklehrbücher von der ersten bis zur zwölften Klasse und stellte fest, dass es zwar schwierig war, aber nicht unmöglich. Im Jahr 2000 bestand ich die Aufnahmeprüfung in Jassy, später wechselte ich nach Bukarest.


Wie waren Ihre ersten Eindrücke?

In Jassy sang ich eine Zeit lang im Chor der Oper. Die Bezahlung der Opernsolisten fand ich lächerlich. Ich hatte die Landwirtschaft verlassen, wo es sehr schwer war, aber die Geldsummen unvergleichbar größer waren. Ich machte mich heimlich lustig über die Gehälter, aber die Opernmusik hatte mich bereits „angesteckt“ und ich war nicht mehr zu retten. Ich verkaufte meine Traktoren und alles, was ich bei der Feldarbeit gebraucht hatte, und studierte so fleißig ich nur konnte. Was ich aber noch nicht erfahren hatte: Ich war nicht der Tenor, für den mich alle hielten, sondern Bariton!


Wann machten Sie diese Entdeckung?

Ich hatte mich für das vierte Studienjahr um ein Erasmus-Stipendium in Italien am Konservatorium „Antonio Scontrino“ in Trapani beworben. Kurz vor der Abreise machte ich ein Vorsingen an der Nationaloper Bukarest. Maestro Ludovic Spiess hörte mich und fragte mich sofort: „Wer sagt eigentlich, dass du Tenor bist?“ Er schlug mir vor, nach dem Erasmus-Jahr noch einmal vorzusingen. Das tat ich im fünften Studienjahr mit den beiden Arien aus Verdis „Maskenball“, nachdem ich mit Maestro Fănăţean den Übergang vom Tenor zum Bariton einstudiert hatte. Spiess sagte „Bravo! Du hast Glück! Ich brauche hier in der Oper eine Stimme wie deine!“ Man schlug mir vor, schon im März den Enrico aus „Lucia di Lammermoor“ zu singen. Ich hatte noch nie eine ganze Rolle gelernt, aber ich arbeitete an der Partitur wie auf dem Acker, ohne Mitleid. Vor der Aufführung hatte ich unglaubliches Lampenfieber. Ich sang das erste Mal auf einer Opernbühne mit Orchesterbegleitung. Letztendlich gelang der Abend sehr gut und ich wurde fest angestellt.


Haben Sie heute noch immer Lampenfieber?

Ein wenig – Ich bin der Meinung, dass leichte und konstruktive Aufregung hilft. So nimmt man sich besser zusammen und kann dem Publikum authentische Gefühle weitergeben, die Musik mit Empfindsamkeit füllen.


Welche Partien passen am besten zu Ihnen?

Ich gebe mir Rechenschaft, dass sieben Jahre „Küche“ – also kleinere Opernrollen – ziemlich viel sind. Andererseits ist das ein großer Gewinn an Erfahrung: Man wird bühnensicher, man fühlt sich auf den Brettern wie zu Hause, man gewöhnt sich an das Publikum. Außerdem ist man ständig neben den Solisten, die die Titelrollen singen. Man sieht und hört sie in allen Situationen, man lernt, was man tun und nicht tun soll. Der Peter aus „Hänsel und Gretel“ von Humperdinck hat mir sehr gut gefallen, auch der Alfio aus „Sizilianische Bauernehre“ von Mascagni. Ich habe in Deutschland den Silvio aus Leoncavallos „Bajazzo“ gesungen – ich hätte ihn gerne auch in Bukarest aufgeführt, aber dazu hatte ich noch keine Gelegenheit. Der Figaro von Rossini ist sehr schön und hält die Stimme jung. Aber von allen Partien, die ich bisher gesungen habe, ist Rigoletto von Verdi die anspruchsvollste und vielfältigste – nicht nur stimmlich, sondern auch schauspielerisch. Rigoletto ist in jedem Akt ein anderer Mensch. Eine Herausforderung. Die nächste Rolle, von der ich träume, ist Nabucco.


Was war am schwierigsten in diesen sieben Jahren?

Zum Beispiel der „Gianni Schicchi“ von Puccini in Jassy. Als ich zum ersten Mal die Partitur sah, mit neuen Tempi alle paar Takte und so komplizierter Musik, dachte ich, dass ich verloren bin. Aber ich lernte Note für Note und Wort für Wort, bis ich die Rolle konnte. Ich quäle mich ein wenig auch mit der deutschen Sprache, die ich noch nicht beherrsche. Ich singe zurzeit auch auf Deutsch und zum Glück hilft mir meine Frau, die eine Zeit lang Germanistik studiert hat.


Vielen Dank für das Gespräch.

Schlagwörter: Musik, Oper, Mediasch

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