23. September 2012

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Vom „Herzkran“ und der „Heimat zum Quadrat“

Sowohl im Literaturhaus Berlin in der neuen Ausstellung als auch in Buchform wurden die neuen Collagen der Nobelpreisträgerin Herta Müller veröffentlicht. Sie sind gedruckt und vor allem gerahmt ein Erlebnis. Herta Müller las einige davon bei der Ausstellungseröffnung am 7. September vor und beantwortete die Fragen von Ernest Wichner.
„Vielleicht springt man ja aus Angst/ mit der starren Nase voraus in die/ Kleider des Kuckucks“ (42) – reliefartig heben sich solche Wortschnipsel aus Zeitungen und Zeitschriften auf den Collagen hervor. Sie sind in Farbe und Form unterschiedlich. Herta Müller hat sie erst auf weiße Pappe aufgeklebt, dann nochmals ausgeschnitten. In einer strengen Reihe stechen sie einem ins Auge. Die jüngeren Collagen sind auch lotrecht ausgerichtet. Es ist eine friemelig-leidenschaftliche Arbeit, die sich dahinter versteckt. Eine mit der Schere und eine mit dem Wort. Zum Text gehören surreal unbehauste Bildchen. Da steht der Mann im blassen Nirgendwo, der Vogel bekommt Hände, die kleine Eidechse schlängelt sich neben dem halben Schattenmann mit Ohr und im Text ist sie dann privat und landet im Salat. „Manchmal muss der Text einlösen, was das Bild suggeriert“, so die Autorin im Gespräch mit dem Leiter des Literaturhauses, Ernest Wichner. Zuweilen aber komme ein anderes Bild zum Text, weil das alte nicht mehr dazu gepasst hat.

Alles fing mit Postkarten an. Herta Müller gefielen die gekauften nicht und so bastelte sie eigene. Auch Oskar Pastior habe sie mit Collagen „verwöhnt“, sie habe ihm einmal eine mitgebracht und dann wollte er immer wieder welche haben. Inzwischen gibt es mehrere Bücher davon, eines auf Rumänisch. Im neuen Werk Vater telefoniert mit den Fliegen und in der gleichnamigen Ausstellung sind nun 191 davon versammelt, die aus den letzten sieben bis acht Jahren stammen.

Collage von Herta Müller aus ihrem Buch „Vater ...Collage von Herta Müller aus ihrem Buch „Vater telefoniert mit den Fliegen“, Carl Hanser Verlag, 2012. Auf so eine Idee, den Vater, das Telefonieren und die Fliegen in einem Satz zu vereinen, muss man erstmal kommen. Aber diese eigenwilligen Zusammensetzungen, häufig auch innerhalb desselben Wortes, trifft man allenthalben an. So staunt man über den „Herzkran“, das „Milchlicht“, die „Lachtränen“, die „Mondhündin“ und wundert sich über das „elternlose Lächeln“, den „spiellosen Fall“, die „herrenlosen Mehlländer“. „Zitterdraht“, „Wolkenziege“ und „Himmelsstaat“ verblüffen neben der „wachsgetunkten Feuerlösch-Pumpe“ und dem „grünen Koffer der Bäume“. Und selbst für den Schnee schöpft Herta Müller jede Menge Adjektive, neben dem „plüsch- möbeligen schrägen“ gibt es gar den „jetzigen haarnetzigen“. (150)

In fünf Teile untergliedert ist das Buch, thematisch und vom Stil her eng miteinander verwoben. Ein Inhaltsverzeichnis oder einzelne Titel, wie etwa bei einem Lyrikband sucht man vergebens. Nicht von ungefähr belächelt Herta Müller in einem Interview – im Literaturhaus auf Band zu hören –, dass man sie zu den Lyrikern zählt. Und tatsächlich, je intensiver man sich die filigranen Collagen in ihrem Zusammenspiel von Farben, Schriftgrößen und Bildchen anschaut, umso mehr stellt man fest, dass sie dadurch leben. Schwarz, rot und grün greifen ineinander, große Druckbuchstaben und Schreibschrift oder Schnörkelschrift. Ernest Wichner betont das Bildhafte daran. Herta Müller gibt im Gespräch zu, dass ihr Farben auch etwas bedeuten, etwa dass sie Lila nicht mag, dass es die Kombination Rot-Gelb-Blau wegen der rumänischen Fahne nicht geben dürfe und dass sie oft eine Vorliebe für Rot habe. Die Autorin mag sich aber auch nicht als bildende Künstlerin verstehen, dafür seien die Collagen zu instinktiv und intuitiv. So ist viel Zufall dabei, aber es gibt auch viele Regeln. Die Collagen haben etwas von den Dada-Gedichten, aber auch wiederum nicht, durch die Akkuratesse der Montage und die Sinnorientierung. In früheren Interviews erinnerte Herta Müller an Flugblätter.

Die strenge Form, die Schnipsel, aber auch der Reim lassen die Kunstgebilde entstehen. Denn der Reim, so die Autorin, sei unberechenbar, er diszipliniere, er sei irrlichternd und bringe den Text manchmal ganz woanders hin. Sie habe sich früher, in Gedanken an die Parteigedichte aus ihrer Kindheit, vor dem Reim gescheut, wäre aber über die Gedichte von Inge Müller und Theodor Kramer wieder an ihn herangeführt worden. Der Reim verleiht den Texten eine gewisse Leichtigkeit, die durch das Liedhafte oder Abzählreimartige einiger Gedichte, wenn man sie doch so nennen mag, noch unterstrichen wird. Schon mehreren Interviewern fiel das Lustige an den Collagen auf. Dennoch werden sie immer wieder von ernsten Themen der Banater Schriftstellerin heimgesucht. So taucht das Verhör auf, die Flucht, die Haft, der Verrat, die Angst, der Tod. Und immer wieder erscheinen die Kohle, das Taschentuch, der Schnee, aber auch der „greise Mais“, der Wind und der Mond. Zudem kristallisiert sich eine „kleine Heimat“ von Vater, Mutter und dem Dorf, wo das Heimweh nicht fehlt: „unser Dorf ist umgezogen“ oder: „im Feld ist das Getreide müde/ vom Getreide“ (89). Wobei Herta Müller aber auch davor warnt, die Texte stets autobiografisch zu interpretieren. Das Wort „Vater“ sei ja auch ein Beziehungswort, zu dem nicht mehr viel gesagt werden müsse. Jeder verbinde die Wörter mit seinem Erleben. Beim Wort „Kohle“ denke sie jetzt an den Lageraufenthalt und an Oskar Pastior. Es habe also mit der Atemschaukel zu tun, es bedeute Leben und Überleben, früher habe es sie nicht berührt, jetzt verbinde sie das Wort mit einem Menschen.

Zuweilen sind es lustige Beobachtungen, die eine Collage ergeben, „am Zwillingshaus/ spielten/ Musikanten/ Instrumente hatten/ Sie nicht nur dicke/ Backen“ (141) und ins Surrealistische umschwenken: „auf dem Dach/ wächst ein Klavier“ (43). Das Schnipselartige stellt den Leser auf Überraschungen ein. Und so entsteht diese flapsige Schwerelosigkeit, wenn etwa „der erste Tod“ mit dem „Kleinod“ reimt (117), wenn „eine Strähne gutes Mehl“ mit dem „heimatlose(n) Heu“ herumkriecht (103) und die „große Liebe“ sich mit dem Reimwort „hatte“ zur „Renate“ wandelt (99). Und selbst die innerlich zitternde Collage mit dem Verhör bekommt eine neckische Note durch den Reim und das innewohnende Bild: „Als ich vom Verhör kam/ war ich niemandes Kind mehr/ und mit mir nicht mehr verwandt/ am Strassenrand liefen die Möbel/ der Bäume nur wo kam/ der Wind her“. (69)

Surrealistisch muten diese Collagen an, skurril und zufällig, dann wiederum sind sie aber auch tiefgründig und herzzerreißend: „wo nimmt die lange/ Angst so weiße Pfoten her wer/ streut den Zucker/ um das Haus und stopft/ Mutters Lippen mit dem/ elternlosen Lächeln aus“. (138) Leidenschaftlich, spielerisch und ironisch macht Herta Müller letztendlich aus ‚Print-Abfällen’ Literatur. Ob das keine versteckte Medienkritik ist? Jedenfalls zeigen diese kunstvollen Kleinode eine ganz andere Seite der Autorin, die bei aller Ernsthaftigkeit auch schmunzeln kann: „an der Grenze hat mich der/ Wachmann mit dem Oberlippenbart gefragt/ Warum setzen Sie auf Heimat zum/ Quadrat?“ (12)

Edith Ottschofski


Herta Müller: „Vater telefoniert mit den Fliegen“, München, Carl Hanser Verlag, 2012, 19,90 Euro.

Die Ausstellung „Vater telefoniert mit den Fliegen“ im Literaturhaus, Fasanenstraße 23, 10719 Berlin-Charlottenburg, ist bis zum 13. Oktober, Dienstag bis Samstag, 14.00-19.00 Uhr, geöffnet. Eintritt: 4 bzw. 2 Euro.
Vater telefoniert mit den Flie
Herta Müller
Vater telefoniert mit den Fliegen

Carl Hanser Verlag GmbH & Co. KG
Gebundene Ausgabe
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Schlagwörter: Herta Müller, Ausstellung, Buch, Collagen

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