6. Januar 2013

Bäuerliche Möbel aus dem Repser Ländchen

Man ahnt eigentlich nicht so recht, auf was man sich einlässt, wenn man das schwergewichtige Buch „Farbiges Holz. Bäuerliche Möbel aus dem Repser Ländchen in Siebenbürgen“ von Werner Förderreuther in die Hand nimmt. Der etwas nüchterne Buchumschlag, der einen farbig bemalten Schüsselkorb von 1862 aus Deutsch-Weißkirch zeigt, verrät mit seiner geradlinigen Formgebung auf zurückhaltendem Grün noch nicht so recht, was einen zwischen den Buchdeckeln erwartet. Zunächst verliert sich das Auge in all den Farben und Formen der zahlreichen vorgestellten Möbelstücke, ganz gleich welche Seite man aufschlägt. Man sollte jedoch „vorgewarnt“ sein, kreuzte doch der Name Werner Förderreuther wiederholt unsere Wahrnehmung, wenn in den letzten zehn bis zwanzig Jahren von volkskundlichen Themen die Rede war.
Zusammen mit der regen und vielseitigen, in Schweischer geborenen Heimatkundlerin Rose Schmidt brachte der in Franken geborene Werner Förderreuther 2001 das Buch „Der Hände Fleiß. Siebenbürgische Haustextilien als Wohnschmuck“ heraus, zehn Jahre später, ein Jahr nach dem Tod von Rose Schmidt, erschien von beiden Autoren das Werk „Kirchen- und Festtagskleidung der Siebenbürger Sachsen. Lebendiger Brauch und gelebte Tradition im ländlichen Bereich“. Und nicht zuletzt haben unzählige Besucher beim vergangenen Heimattag der Siebenbürger Sachsen in Dinkelsbühl im Mai 2012 die wunderbare Ausstellung „De vedderscht Stuw“ im Konzertsaal des Spitalhofs gesehen und eine Auswahl an siebenbürgisch-sächsischen Möbeln aus der Privatsammlung Förderreuther bewundern können.
Beim Heimattag 2012 in Dinkelsbühl gezeigt: ...
Beim Heimattag 2012 in Dinkelsbühl gezeigt: Ausstellung „De vedderscht Stuw“ im Konzertsaal des Spitalhofs
Werner Förderreuther, ausgebildeter Tischler und durch seine fränkische Herkunft mit der süddeutschen Möbelmalerei vertraut, tritt mit seinem Buch über Möbel und Möbelmalerei an die Öffentlichkeit. Über zwei Jahrzehnte lang verfolgte er sowohl bei oftmaligen Fahrten nach Siebenbürgen sowie bei Forschungen vor Ort hier in Deutschland dieses Thema, sammelte mit außergewöhnlichem und sicherem Gespür für Qualität die unterschiedlichsten volkskundlichen Objekte, besonders jedoch Möbelstücke aller Art, stöberte in Kirchen- und Ortsarchiven, in Rechnungsbüchern und Matrikeln, besuchte eine stattliche Anzahl von Museen, besonders zu Vergleichszwecken, und führte zahlreiche Gespräche mit siebenbürgischen Landsleuten in der angestammten Heimat in Rumänien, aber auch im Westen. Eine treue und kenntnisreiche Gewährsfrau bei seinen Feldforschungen war ihm stets Rose Schmidt, deren Wissen auch in das nun vorliegende Buch eingeflossen ist. Dafür spricht auch, dass Förderreuther ihr seine Arbeit „in Dankbarkeit“ widmet. Trotzdem ist es kaum zu glauben – und das verdient allemal hohen Respekt! –, dass sich Förderreuther als Nichtsiebenbürger mit großer Vehemenz und Leidenschaft für volkskundliche Belange einer Ethnie engagiert, der er nicht angehört. Gewiss, er zeigte schon früh Interesse für Kunst und Geschichte, besonders der Schreinerei, gewiss, er gab vorzeitig seinen Beruf auf und studierte in Nürnberg, Würzburg und Bamberg sieben Jahre lang Volkskunde, um seinem Hobby fachgerecht dienen zu können. Trotzdem ist es nicht selbstverständlich, welch starkes, innere Anliegen es dem Franken Förderreuther war, wertvollste Güter zusammenzutragen und vor allem in den Jahren des Aufbruchs zwischen 1990 und 1992 kostbarste Stücke vor dem endgültigen Verlust zu bewahren.
Tisch mit aufgesteckter Werktagsplatte. Der Tisch ...
Tisch mit aufgesteckter Werktagsplatte. Der Tisch besitzt unten eine Brotlade und unter der Platte auf der rechten Seite ein Messerlädchen, das linke fehlt; datiert 1879. Plattengröße 102 x 83 cm, Tischhöhe 77,5 cm.
Die nun vorliegende Dokumentation ist kein wissenschaftliches Buch und soll es auch nicht sein. Vielmehr ist es eine Zusammenschau des „leidenschaftlichen Sammlers“, der es unternimmt, die Fülle an Belegstücken zu sichten, zu ordnen und auf Grund verschiedener typischer Übereinstimmungen in Gruppen zusammenzufassen. Er will nicht werten, nicht auslegen, sondern belegen, und das ist ihm großartig gelungen.

Ähnlich wie schon die 1984 leider viel zu früh verstorbene Roswith Capesius hält Förderreuther die Gegend um Reps mit Ausstrahlung in Richtung Schäßburg für eine ganz besondere Möbellandschaft: diese sei besonders ausgeprägt und aussagekräftig. Die Orte Reps, Draas, das inzwischen madjarisierte Sommerburg, Katzendorf und Meeburg werden ausführlich mit Belegstücken vorgestellt. Von all seinen Bemühungen, seiner Leidenschaft, von seinem Wissen dürfen wir uns nun anstecken lassen, profitieren, schauen – und lernen.

Möbel und Möbelmalerei hängen oft eng mit bemalter Kirchenausstattung zusammen, mit denen Förderreuther sein Buch einleitet und sehr frühe Belege aus dem 16. Jahrhundert bringt. Mitunter meint man die gleiche Hand wie bei Möbelstücken zu erkennen, doch verkneift sich Förderreuther zu Recht Zuordnungen bzw. Herstellerschaft, denn Möbel sind nahezu vollständig nicht signiert. Ähnlich verhält es sich bei der besonderen Gruppe der archaisch anmutenden Bewahrmöbel, den sogenannten Stollentruhen, bei denen fast keine eindeutig datiert werden kann und deren Altersangaben selbst in der entsprechenden Fachliteratur erheblich schwanken.

In bunter Reihenfolge werden Einzelmöbel wie Almereien, Betten, Brotkästen, Brettstühle, Brotbehälter, Deckenbretter, Eckschränke, Geschirrschränke, kleine Kästchen, Lädchen, Krügelrahmen, Lehnbänke, Löffelkasten, Salzbehälter, Schlafbänke, Schubladenkästen, Truhen, Tische, Truhenbänke, Uhrenkasten und andere Ausstattungsgegenstände des siebenbürgisch-sächsischen Bauernhauses in Wort und Bild vorgestellt und den einzelnen Ortes zugewiesen. In zwei Dritteln des Buches werden weitere Ortschaften, von Reps ausgehend in nördlicher und nordwestlicher Richtung, mit ihren typischen Möbeln abgehandelt, wobei Deutsch-Weißkirch und Keisd den größten Raum einnehmen. Nicht fehlen durften zum Schluss die Marktmöbel, worunter man keineswegs irgendwelche (Gemüse)Karren, sonstige Transportmöbel oder gar Regale und Stellagen für die Warenaufbauten auf den Markttischen verstehen darf, sondern Möbel, die für den Marktverkauf als sogenannte „Massenwaren“ zu Ende des 19. Jahrhunderts hergestellt wurden. Sie alle haben ein wesentlich größeres Verbreitungsgebiet und „wanderten“ oftmals „über den Hattert“ hinaus. Sie kommen also auch im Repser Gebiet vor. Ihre Hersteller, wohl aus allen ethnischen Gruppen kommend, sind namentlich nicht fassbar, sie arbeiteten oftmals auch nach individuellen Wünschen der Abnehmer.

Ein Literaturverzeichnis, ein Abbildungsnachweis, eine Zeittafel zur Geschichte der Siebenbürger Sachsen, ein Ortsnamensregister und ein Glossar, das für Nichtsiebenbürger getrost zu erweitern wäre, schließen den inhaltsreichen Band ab. Schade nur, dass das Lektorat des Verlages nicht ganz so sorgfältig gearbeitet hat, wie es das Buch verdient hätte.

Förderreuthers umfassende Übersicht über die bemalten Bauernmöbel des Repser Gebietes ist ein wichtiges Buch, weil es festhält, was gänzlich im Entschwinden ist, ein notwendiges, weil es aufzeigt, dass Siebenbürgen – wenn auch hier in einem kleinen Ausschnitt – eine gewichtige, eigenständige Stimme in Europas Chor der Möbellandschaften darstellt, und es ist ein schönes Buch, an dessen Abbildungen sich das Auge nicht satt sehen kann an Farbe und Formen in immer neuen Varianten, das Herz fröhlich macht und uns alle dankbar sein lässt, dass der Autor diesen Reichtum für uns, unsere Kinder und Enkel sowie für alle unsere Freunde, die sich für Siebenbürgen und dessen (Volks)Kultur interessieren, festgehalten hat.

Rotraut Acker




Werner Förderreuther: „Farbiges Holz. Bäuerliche Möbel aus dem Repser Ländchen in Siebenbürgen“, Wort + Welt + Bild Verlag, München 2012, 208 Seiten, 3 Karten, 364 zumeist farbige Abbildungen, Preis: 29 Euro (zuzüglich Versandkosten), ISBN: 978-3-9810825-0-0. Zu bestellen beim Buchversand Südost, Seebergsteige 4, 74235 Erlenbach, Telefon: (0 71 32) 9 51 16 12 (werktags zwischen 18.00 – 21.00 Uhr), E-Mail: info[ät]siebenbuergen-buch.de, Internet: www.siebenbuergen-buch.de, oder im Buchhandel.
Farbiges Holz: Bäuerliche Möbe
Werner Förderreuther
Farbiges Holz: Bäuerliche Möbel aus dem Repser Ländchen in Siebenbürgen

Wort + Welt + Bild
Gebundene Ausgabe
EUR 27,00
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Schlagwörter: Förderreuther, Möbel, Buchpräsentation

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Neueste Kommentare

  • 06.01.2013, 22:58 Uhr von Herzchen: Diese Reaktion war zu erwarten. Nur glaube ich, dass man Eicheln nicht mit Bucheckern gleichsetzen ... [weiter]
  • 06.01.2013, 21:30 Uhr von bankban: "dann bekommt dieses Buch mit seinem liebevoll zusammengestellten Inhalt schon historischen ... [weiter]
  • 06.01.2013, 19:33 Uhr von Herzchen: Wenn man seit Jahren als "Fremde", als Nicht-Sb.Sächsin, die Foren dieser Seite verfolgt aus ganz ... [weiter]

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