27. Dezember 2013

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Filmvorführung in Stuttgart: Czernetzky über Weinbau in Siebenbürgen

Im Wein liegt die Wahrheit. Doch wie sieht die Wahrheit in den siebenbürgischen Dörfern im Jahr 2013 aus? Eine Einschätzung diesbezüglich konnten die Besucher des Filmes IN VINO VERITAS. Weinland ohne Weinberge des in Schäßburg geborenen, heute in München und Berlin lebenden Filmemachers Günter Czernetzky am 29. November im Stuttgarter Haus der Heimat vornehmen.
Der Film besteht aus einer Sammlung von 13 „Filmchen“ von hauptsächlich weiblichen Studenten der Lucian-Blaga-Universität Hermannstadt. Der Film spielt in rumänischer Sprache (Czernetzky: „Wie sollen sie denn auch reden, wenn keine Deutschen mehr da sind.“) und wurde mit deutschen Untertiteln gezeigt. Der Verfasser kündigte an, im Film würden „Utopien sichtbar, die möglich sind, wenn man kreativ und guten Willens ist“, fügte aber gleich hinzu: „Vergessen Sie Restitution, daran verdienen nur die Anwälte. Ab dem ersten Januar 2014 kann sich jeder notariell Land in Siebenbürgen kaufen.“

Es folgten Porträts des aktuellen Weinbaus in Almen, Birthälm, Bulkesch, Durles, Hetzeldorf, Langenthal, Meschen, Großprobstdorf und Kleinschelken. Interessant ist die Geschichte der Familie Gaber in Bogeschdorf: Bei einem Besuch in der Heimat hatte Herr Gaber Senior die Idee, wieder wie anno dazumal Wein anzubauen. Einer der Söhne sagte: „Es ist heiß, der Alte redet Unsinn, lass uns nach Hause fahren“. Aber der Senior bestand darauf, wenigstens das einst eigene Grundstück wieder zu kaufen. So begann alles. Es wurden Rebstöcke aus Deutschland gekauft und ein auf 30 bis 40 Jahre ausgelegtes Projekt gestartet. In Mortesdorf zeigt der Film rührende Szenen beim Besuch der HOG auf dem Friedhof, wo ihre Ahnen ruhen. In Reichesdorf treffen wir auf den Kurator Hans Schaas, der als junger Pursch Wein auf der Nord- und der Ostseite anbaute, diese Weingärten aber alle Südhang-Gärten der Besserwisser überlebten. Die absolute Erfolgsgeschichte liefert die Familie Nesculescu, die in großem Stil in den Weinbau in Seiden investierte, so 2000 Arbeitsplätze schaffte, sich für viele soziale Belange in der Gemeinde einsetzt. Das Unternehmen hat zahlreiche Preise bei renommierten internationalen Wettbewerben abgeräumt und exportiert seine Weine in alle Welt, auch in die Bundesrepublik. Alle zu Wort gekommenen rumänischen Winzer vermissen die Sachsen und haben meist viel von ihnen gelernt.

Die Beispiele der Familien Gaber in Bogeschdorf und Nesculescu in Seiden zeigen, dass es keine Utopien sind. Mit EU-Geldern könne viel bewegt werden, allerdings gebe es auch genügend Betrüger, die mit den EU-Zuschüssen Schindluder trieben. Herr Schaas in Reichesdorf sei der letzte Mohikaner unter den sächsischen Weinbauern. Familie Gaber sei aus Deutschland zurückgekommen, habe einen halb deutschen, halb rumänischen Geschäftsführer, der sehr zuverlässig sei: „Man muss sehen, was wird, aber ich bin überzeugt, dass das Projekt Gaber in Bogeschdorf Erfolg haben wird. Es gibt Zurückgekommene und Heruntergekommene, wer unter Sehnsucht leidet, muss diese stillen“. So können sich Liebhaber statt in Italien nun in Siebenbürgen ein Ferienhaus bauen oder kaufen. „Siebenbürgen ist die Toskana des Ostens“, so Czernetzky.

Nach dem Filmvortrag gab es zum obligatorischen Fettbrot eine Weinprobe ersten Ranges mit Seidner Weinen. Sommelier Martin Schuller, gebürtiger Seidner, kredenzte Weine aus seinem Heimatort (Riesling, Mädchentraube, Gewürztraminer, Grauburgunder, Muskat Ottonell). Bedanken dürfen sich für diesen intellektuell und kulinarisch tollen Abend die Besucher auch beim stellvertretenden Landesvorsitzenden in Baden-Württemberg, Siegfried Habicher, seit nunmehr 20 Jahren erfolgreicher Organisator der Stuttgarter Vortragsreihe. Der Film, wahlweise mit oder ohne Untertiteln, ist ein hervorragendes Weihnachtsgeschenk für wehmütige Sachsen in aller Welt. Zu bestellen bei Günter Czernetzky, Isabellastraße 35, 80796 München, Telefon: (01 79) 1 17 64 56.

Hans-Jürgen Albrich

Schlagwörter: Film, Czernetzky, Weinbau, Siebenbürgen, Stuttgart

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