24. Juni 2014

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Ausstellung "Zwei Regionen im zusammenwachsenden Europa: Siebenbürgen und Brandenburg"

Zwischen dem Land Brandenburg und sechs siebenbürgischen Kreisen besteht bereits seit über einem Jahrzehnt eine Partnerschaftskooperation: Fragen der Verwaltung, Wirtschaft, Bildung, Tourismus stehen im Mittelpunkt des regen Austauschs. Zu dieser Region „Centru“ gehören die Kreise Hermannstadt, Kronstadt, Karlsburg, Covasna, Harghita und Mieresch, die zusammengenommen nur etwas größer als Brandenburg sind und fast gleichviele Einwohner haben. Die Partnerschaftsbeauftragte des Landes Brandenburg, Dr. Birgit Schliewenz, hat ihren Sitz in Karlsburg (Alba Iulia). Zusammen mit ihr hat das Deutsche Kulturforum östliches Europa in Potsdam eine Ausstellung auf neun großen Schautafeln erstellt, die die beiden Regionen, ausgehend von ihrer Toleranzgeschichte, einander gegenüberstellt. Es folgen die Themen Menschenrechte und Minderheitenschutz, Denkmale, historische Persönlichkeiten, Mensch und Natur und Reiseländer.
Die Wanderausstellung wurde am 3. Juni in der Botschaft Rumäniens in Berlin im Beisein des Botschafters Dr. Lazăr Comănescu sowie zahlreicher Abgeordneter des brandenburgischen Landtags sowie des Bundestags eröffnet und wird nun in verschiedenen Orten Brandenburgs und ab Herbst in siebenbürgischen Städten gezeigt. Neben dem Botschafter sprach die Vizepräsidentin des brandenburgischen Landtags, Gerrit Große, ein Grußwort. In die Ausstellung führte Dr. Birgit Schliewenz, deren Ansprache – im Grunde genommen eine Liebeserklärung an Siebenbürgen – im Folgenden ungekürzt veröffentlicht wird.

Ich freue mich sehr, dass sich das Deutsche Kulturforum östliches Europa Themen zuwendet, die das geistig-kulturelle Leben in Deutschland aus der osteuropäischen Perspektive bereichern. Es ist eine Ehre für uns, dass wir gemeinsam eine solche Ausstellung organisieren konnten. Und wir danken, Exzellenz, der rumänischen Botschaft, dass Sie uns einen so großartigen Rahmen für die erste Präsentation dieser Wanderausstellung bieten. Die Brandenburgische Landeszentrale für politische Bildung hat die erforderlichen Finanzmittel für die Ausstellung zur Verfügung gestellt – auch dafür herzlichen Dank. Und Danke an die Macher – dem Team um Dr. Harald Roth vom Deutschen Kulturforum und den Grafikern.

Ich freue mich sehr, Wegbegleiter zu treffen, ohne die weder die Zusammenarbeit noch die Partnerschaft zwischen dem Land Brandenburg und der Region Centru als großem Teil des ehemaligen Siebenbürgen möglich gewesen wäre. Ich hoffe, Sie erkennen vieles wieder und Sie sehen Neues. Sie, die Sie vor über zwölf Jahren in diese Region gereist sind, um die Regionale Entwicklungsagentur Centru bei der Vorbereitung ihres Beitritts in die EU zu unterstützen, können – glaube ich – gut beurteilen, wie viel sich in nur zehn Jahren getan hat ... Klaus Brähmig, MdB, Dr. Christoph Bergner, MdB, ...Klaus Brähmig, MdB, Dr. Christoph Bergner, MdB, Botschafter Dr. Lazăr Comănescu, Dr. Birgit Schliewenz, Dr. Bernd Fabritius, MdB, bei der Ausstellungseröffnung in Berlin. In diesem Kreis von Brandenburgern und Berlinern über Brandenburg zu reden, hieße Eulen nach Athen tragen... Ich will mich daher auf einige Akzente zu Siebenbürgen konzentrieren – und weil sie uns doch ein wenig näher stehen – auf die Siebenbürger Sachsen, wohl wissend, dass sie nur eine – und nicht die stärkste Minderheit bilden.

Als ich mich auf den Weg nach Siebenbürgen machte, dachte ich nicht, dass daraus einmal zwölf Jahren würden und dass ich mich dort so heimisch fühlen könnte. Entgegen aller Warnungen (so weit weg, alles Verbrecher, nichts zu essen...) traf ich auf ein außerordentlich gastfreundliches Land, auf liebenswerte Menschen, die – auch in ihrer Armut – ausgesprochen hilfsbereit sind. Erstaunliches gibt es über ein noch immer funktionierendes Gemeinwesen zu erfahren, das noch heute erkennen lässt, was die Siebenbürger Sachsen als Gemeinschaft mehr als 800 Jahre überleben ließ! Seit Beginn des 12. Jahrhunderts von den ungarischen Königen ins Land gerufen, waren sie Siedler im Karpatenbogen und hießen in ersten Urkunden „Teutonici“. Der Name „Sachsen“ tauchte später auf.

Sie waren Städte- und Straßenbauer und mussten die Passstraßen gegen Einfälle aus dem Süden sichern. Sie rodeten Wälder und entwässerten Sümpfe. Sie bauten Ortschaften und blieben. Unter anderem aus dem Reich Kaiser Friedrich I. Barbarossa gekommen, brachten sie die Maßstäbe dieses Reiches mit. Mit königlichen Freibriefen sicherten sie ihr Siedlungsgebiet und verwalteten sich selbst. Vom ersten Jahr ihrer Siedlung an entwickelten sie ein fest gefügtes Gemeinwesen mit einer demokratischen Verfassungsurkunde – im 13. Jahrhundert! Diese Urkunde ist ebenso alt wie die Magna Charta der Engländer und die Goldenen Bulle der Ungarn. Ihre erste Stadt, Hermannstadt, bezeichnete der Papst als Schirmburg der Christenheit, die Schwarze Kirche in Kronstadt gilt als größter Sakralbau zwischen Wien und Istanbul. Der Rote-Turm-Pass ist ein Symbol für die siegreiche Schlacht gegen die Türken. An den deutschen Schulen in Siebenbürgen wurde während der Reformation das erste Allgemeine Schulpflichtgesetz der Welt eingeführt.

Das politisch-rationale Grundprinzip des Denkens in der Gemeinschaft der Siebenbürger Sachsen war das vorherrschende Interesse des Gemeinwesens als Schutzprinzip des einzelnen – mit Unduldsamkeit und Härte nach innen gegenüber allen, die dieses Interesse verletzen. Werte wie Disziplin und Hartnäckigkeit, aber auch eine gewisse Sturheit trafen auf Spontaneität und Unbekümmertheit, auf trockene Gelassenheit in einer der ältesten Demokratien Europas.

Auf die Vorbildwirkung des Gemeinwesens der Siebenbürger Sachsen verwiesen die Engländer, die meinten, dass sich das Gemeinwesen der Londoner nicht mit dem freiheitlichen Gemeinwesen Siebenbürgens vergleichen lasse; der Russe Lenin verwies auf die Mustergültigkeit der sozialen Einrichtungen und meinte, in Siebenbürgen könne man die praktische Durchführung der Demokratie studieren. Vielleicht wäre das auch heute eine gute Idee: das Gemeinwesen der Siebenbürger Sachsen zu studieren?

Ja – wir haben Siebenbürgen und Brandenburg gegenübergestellt – ganz bewusst.

Ja – wir haben zwei Regionen in Europa vorgestellt, die so einfach vielleicht nicht zu vergleichen sind.

Ja – wir haben uns auf Themen eingelassen, die in Deutschland gegenwärtig durchaus auch kontrovers diskutiert werden.

Wir wollen zeigen, dass die Menschen in Europa neugierig aufeinander sind, speziell die jungen Europäer weniger von Vorurteilen geprägt sind, als wir manchmal denken.

Wir wollen zeigen, dass man mit Offenheit und Toleranz vieles entdecken kann, was sich nicht immer auf den ersten Blick offenbart.

Wir wollen zeigen, dass sich Deutsche vor mehr als 800 Jahren einen neuen Lebensraum erschlossen haben, den sie mit ihren Mitteln urbar machten und verteidigten. Wir wissen heute nicht genau, ob sie wirklich willkommen waren und mit welchen Problemen sie konfrontiert waren.

Wir wollen zeigen, dass uns Denkmale wichtig sind. Ganz frisch ist die Gründung der Stiftung Kirchenburgen der Evangelischen Kirche A.B. in Rumänien, die unter der Schirmherrschaft der beiden Staatspräsidenten, Joachim Gauck und Traian Băsescu, steht. Diesem architektonischen und kulturellen Erbe fühlen sich nicht nur die eigentlichen Erben verpflichtet. Und als Brandenburger bin ich stolz, dass ein Schloss wieder aufgebaut wurde, das kein Schloss mehr ist – ein Haus der Demokratie.

Wir kämpfen um unsere bedrohte Flora und Fauna, wir siedeln Wildtiere neu an und sind uns der Konsequenzen nicht immer bewusst. Wir reden in Brandenburg über die Neuansiedlung der Wölfe. Die wachsende Population der Braunbären in Siebenbürgen steht unter EU-Naturschutz, wohlwissend dass es in Rumänien nicht nur einen „Problembären“ gibt.

Wir zeigen die Schönheit der Regionen, aber touristische und wirtschaftliche Nutzung stoßen auch auf Widerspruch und Konflikte – auf Probleme, die man gemeinsam anpacken könnte.

Wichtig ist uns mit dieser Ausstellung die Begegnung: die Begegnung der Regionen und die Begegnung der Menschen in und aus den Regionen – Brandenburg und Siebenbürgen.

Im Osten Deutschlands gab es eine Sendung, die es auch heute noch im Fernsehen gibt, die immer mit einer Aufforderung endete, die auch ich leicht abgewandelt verwenden möchte: Bleiben wir schön neugierig!!!

Schlagwörter: Ausstellung, Berlin

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