28. Juni 2014

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Wird die Stadtpfarrkirche in Hermannstadt kaputtrestauriert?

Über die Grundsätze des Denkmalschutzes / Erdbebenbestimmungen gefährden fachgerechte Restaurierung
Die große Kirche am Huetplatz ist nicht nur das bedeutendste Baudenkmal und Wahrzeichen von Hermannstadt, sie ist mit ihrem 75 m hohen, weithin sichtbaren Turm das höchste Gebäude der Stadt und neben der Schwarzen Kirche in Kronstadt und der Schäßburger Bergkirche eines der bedeutendsten mittelalterlichen Baudenkmäler Siebenbürgens. Der Kirchenbau in seiner heutigen Form wurde 1448 fertiggestellt, drei Jahre nachdem der damalige Papst Eugen IV. Hermannstadt als „Bollwerk der gesamten Christenheit“ bezeichnet hatte. Für uns Hermannstädter ist diese Kirche so etwas wie ein zentraler Punkt unserer Heimat.

In ihrer 600-jährigen Geschichte wurde das Bauwerk oft beschädigt durch Brände, Blitzeinschläge (1638, 1660, 1687 und 1739), Erdbeben (1738, 1940, 1977) und durch kriegerische Handlungen (1660). Es gelang jedoch immer wieder, diese Schäden zu beseitigen und die Kirche ihrer Bestimmung nach als Gotteshaus, später auch als Konzertsaal zu nutzen.

Heute stellt sich das Problem einer umfangreichen Restaurierung, um den langfristigen Fortbestand dieses Kulturdenkmals zu sichern. Dabei wurde in einer ersten, inzwischen nahezu abgeschlossenen Phase eine Dach- und Gewölbesanierung durchgeführt. Die jetzt anstehende zweite Phase betrifft im Wesentlichen die Stabilisierung der Wände und Fundamente von Kirche und Turm. Dafür wurden seitens der Evangelischen Kirche A.B. Hermannstadt – dem Bauherrn bzw. Auftraggeber – mehrere Angebote einschließlich technischer Beschreibungen eingeholt.

Der vom Bauherrn favorisierte Vorschlag des Bukarester Architekturbüros „Popp & Asociaţii“ (siehe Artikel „Zur Restaurierung der Hermannstädter Stadtpfarrkirche“ von Dr. Hermann Fabini, SbZ Online vom 5. Mai 2014) sieht unter anderem vor, alle Kirchen- und Turmwände über deren gesamte Höhe mit zahllosen senkrechten Bohrungen zu versehen und darin 28 mm starke Rundstahl-Stangen mittels Epoxydharzmörtel zu fixieren. Darüber hinaus sollen die bestehenden Fundamente freigelegt und mit 2000 Kubikmetern Stahlbeton erweitert werden. Das Zusatzgewicht des zu verbauenden Stahl- und Betonmaterials würde etwa 5000 Tonnen betragen. Die jetzt schon gegebene Gefahr eines langsamen Abgleitens des westlichen Teils der Kirche (Ferula) in Richtung Pempflingergasse würde sich bei einem wesentlich „schwereren“ Bauwerk sicherlich erhöhen.Die Südfassade der evangelischen Stadtpfarrkirche ...Die Südfassade der evangelischen Stadtpfarrkirche in Hermannstadt. Hier wird nicht nur „mit Kanonen auf Spatzen geschossen“, vielmehr werden bautechnische Erfahrungen und anerkannte Grundsätze der Denkmalpflege ignoriert. So wird Epoxydharzmörtel heute ausschließlich bei Bauten, deren zu erwartende Lebensdauer 50-100 Jahre nicht überschreiten sollte, verwendet, auch weil es ­Epoxydharz erst seit etwa 70 Jahren gibt und somit keine Langzeiterfahrungen verfügbar sind. Neben der an sich schon problematischen Durchführung der vielen vertikalen Bohrungen in Kirchen- und Turmwände dürfte das Einbringen der langen Eisenstangen und das Verpressen des Zweikomponentenmörtels, dessen Verarbeitungszeit unterhalb einer Stunde liegt, äußerst schwierig sein und möglicherweise zu einer nachhaltigen Beschädigung des Bauwerks führen.

Weiterhin würde eine Restaurierung nach den Vorschlägen von „Popp & Asociaţii“ die Entfernung der 600 Jahre alten Fußbodensteine mit all deren vielbdeutenden Abnutzungsspuren, der Kirchenbestuhlung, der Fenster und des gesamten Innenputzes bedeuten. Die „größte Orgel östlich von Wien“ müsste ab- und nach der Restaurierung wieder zurückgebaut werden.

Neben dem Angebot von „Popp & Asociati“ liegen auch zwei weitere Vorschläge namhafter Firmen vor, welche im Gegensatz zu P&A auf große Erfahrung im Bereich von Restaurierungen historischer Bauwerke verweisen können. So wurden von der Münchner Firma „Barthel & Maus“ über 20 mittelalterliche Kirchenbauten restauriert, darunter das Freiburger Münster, der Augsburger Dom und der weltweit größte Kirchturm des Ulmer Münsters. Anders als bei „Popp & Asociaţii“ sieht das Projekt von „Barthel & Maus“ vor, keine mit der alten Bausubstanz inkompatiblen Materialien wie Stahlbeton oder Epoxydharzmörtel zu verwenden, sondern mit althergebrachten handwerklichen Methoden die gleichen bewährten Materialien einzusetzen, mit denen die Kirche seinerzeit erbaut wurde.

Es ist nicht verständlich, warum die Hermannstädter Kirchenleitung den Vorschlag des Büros „Popp & Asociati“ favorisiert, obwohl er den heutigen Grundsätzen des Denkmalschutzes widerspricht und auch wesentlich teurer ist als die beiden anderen Angebote.

Zu dem vorgebrachten Argument, die Kirche müsste nach der Restaurierung den zur Zeit in Rumänien gültigen Erdbebenbestimmungen entsprechen, sei die Frage erlaubt, inwieweit diese Bestimmungen bei historischen Baudenkmälern anzuwenden sind und wenn ja, warum dann nicht auch bei orthodoxen Kathedralen oder Moldau-Klöstern beispielsweise? Sollten für ein modernes Hochhaus die gleichen Bestimmungen wie für ein mittelalterliches Baudenkmal zur Anwendung kommen, so müsste auf eine Ausnahmegenehmigung hingewirkt werden.

Zu den Aufgaben der Organisation Kirche gehörte immer schon, neben seelsorgerischen, sozialen und kulturellen Tätigkeiten, auch die Errichtung und der Erhalt von Kirchen und kirchlichen Einrichtungen. Als Bauherr und Eigentümer steht die Evangelische Kirche A.B. Hermannstadt in der Verantwortung für eine fachgerechte Restaurierung der Stadtpfarrkirche, eines der wichtigsten Baudenkmäler Siebenbürgens.

Georg Hienz


Georg Hienz, geboren 1938 in Hermannstadt, Elektroingenieur, zehn Jahre Kraftwerkmontage und Konstruktion in Rumänien, 1971 Übersiedlung nach München, Entwicklung Leistungselektronik für Fahrzeuge und Industrieantriebe.


Lesen Sie dazu auch den Beitrag von Dr. Hermann Fabini: "Zur Restaurierung der Hermannstädter Stadtpfarrkirche"

Schlagwörter: Denkmalpflege, Hermannstadt, Kirchenrenovierung

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