19. Mai 2015

Līdertrun – die zweite

Rund zehn Jahre nach seiner ersten CD „Siebenbürgisch-sächsische Balladen“ hat das bekannte siebenbürgische Trio „Līdertrun“ nun seine zweite CD aufgelegt. Damit macht sich die Formation nicht nur selbst ein Geschenk zum 40-jährigen Bestehen der Gruppe, sondern auch der großen Fangemeinde ein erfreuliches Neuangebot. Das neue Album will wohl beides sein: eine Demonstration des künstlerischen Standes, den man in vier Jahrzehnten steter Entwicklung erreicht hat, wie auch ein Rückblick auf diese Zeit.
Angefangen hatte alles in den 1970er Jahren, als sich die vier Hermannstädter Studenten Karl-Heinz Piringer (damals Fisi), Kurt Wagner (ist heute nicht mehr dabei), Hans Seiwerth und Michael Gewölb aus Freude am vokalen und instrumentalen Musizieren zu einer Formation zusammenfanden, die bald von der deutschen Sendung des rumänischen Rundfunks als zugkräftiges Programmangebot entdeckt wurde. In Deutschland fanden die Musiker 2002 anlässlich eines Filmprojektes – nun unter dem Namen „De Līdertrun“ – wieder zusammen. Keiner von ihnen war Berufsmusiker geworden, die Liebe aber zum lustvollen Musizieren war geblieben und schnell hatte sich die Formation auch im neuen Umfeld mit vielfachen Auftritten einen guten Namen gemacht.

Der Untertitel der CD „mer wälle bleiwen, wat mer sänjen“ verrät wohl Mehrfaches. Zum einen, dass die Musiker den eingeschlagenen musikalischen Weg, der auf so viel Publikumszustimmung gestoßen ist, weiter fortführen wollen. Zum anderen ist es sicher auch ein Anklang an das verbreitete Bekenntnis zur Heimat, dem Wahlspruch „mer wälle bleiwen, wat mer sen“, der sich sowohl in Siebenbürgen, als auch in der Urheimat Luxemburg nachweisen lässt.

Die „Trun“ (Truhe) ist das traditionelle Möbelstück der Siebenbürger Sachsen, in dem Althergebrachtes, Wertvolles aufbewahrt wird. Das soll wohl auch mit dem gewählten Namen des Trios angedeutet werden. So finden sich auch auf dieser zweiten CD schwerpunktmäßig erneut Lieder, die als beliebte „Klassiker“ des siebenbürgischen Mundartliedes gelten und nun in neuem, zeitgemäßen Klanggewand präsentiert werden. So etwa das berühmte Römer/Kirchner-Lied „Äm Hontertstroch“, das von Mediasch aus die ganze Welt erobert hat und nun eine neue, rhythmisch locker-flockige Variante (mit Gesang, Mundharmonika und Gitarre) gefunden hat. Ähnliches gilt auch für die Neuauflage der Lieder „De Brokt um Ålt“ oder des „klī wäld Vijelchens“, das noch aus der Urheimat stammt und durch seinen mystischen Text und seine mythisch-bezaubernde Melodie zum wohl berühmtesten aller sächsischen Lieder wurde. In der Gegenüberstellung zu der ersten CD zeigt sich, dass das Musizieren der Gruppe an rhythmischem Drive und an Experimentierfreude zugenommen hat. Der Gesang, der von solistischen Einlagen zu komplexer Mehrstimmigkeit wechselt, wird von einem reichhaltigen Instrumentarium phantasievoll untermalt und mit instrumentalen Exkursen zwischen den Gesängen noch freier und erfindungsreicher erweitert, wobei jeder der drei Musiker nicht nur singt, sondern auch (oft gleichzeitig) mehrfache Instrumente bedient. Im Vergleich der beiden CDs zeigt sich deutlich das Wesen dieser Art des Musizierens. Nicht ein festgeschriebener Notentext ist Ausgangslage der Interpretation, sondern eine spontane, freie Herangehensweise, mit der sich die Musiker ein Lied immer wieder aufs Neue improvisatorisch erschließen. Dabei wird eine klanglich bunte Farbenvielfalt angestrebt. Allein für das Schlusslied („Det Vijelchen“) wird ein vielfältiges Instrumentarium eingesetzt: neben Bassblockflöte, Querflöte und Geige auch eine Bordunzither, ein Vibrandoneon, verschiedene Gitarrenarten wie auch Schlaginstrumente. Und dieses Instrumentarium erweitert sich von Lied zu Lied um weitere ungewohnte Klangfarben, etwa der Maul- und der Topftrommel, Rauschpfeife und Schalmei, Mundharmonika und Akkordeon, Ventilposaune und Trompetengeige, wie auch der klanglich penetranten „Strohgeige“ (der Name erinnert an den Erfinder und nicht an das Material des Instrumentes) mit ihrem verstärkenden Grammophon-Trichter und freilich verschiedenartigste Schlag- und Rhythmusinstrumente. Auch die Gesangstimmen lassen sich mit Angela Seiwerths klarem Sopran erweitern, überall da, wo der Text eine weibliche Protagonistin unterstellt. Bei dieser Art des Musizierens steht freilich nicht die technische Perfektion der instrumentalen Ausführung oder eine lupenreine professionelle Stimmbildung im Vordergrund. Es ist das erfrischend Spontane, wie auch das ehrlich und tief Empfundene der Darbietung, das diese Lieder so zu Herzen gehen lässt.

Die CD hat noch einen weiteren Untertitel: „Alte Lieder aus jungen Jahren“. Das ist in diesem Fall Programm, denn mit diesem Album werfen die drei Musiker auch einen nostalgischen Rückblick auf die Jahre ihrer Studentenzeit, wo ein Großteil der hier eingespielten Lieder seinen Ursprung hat. Es ist die politische „Tauwetterperiode“ der 70er Jahre. Eine junge Generation kennt die Scheu der Berührung mit anderen Kulturen vorangegangener Generationen wie auch die Horror-Zeiten der Verhaftungen sächsischer Studenten nicht mehr. Gesellige Begegnungen im multiethnischen Raum werden zum bereichernd empfundenen Normalfall. Hier lernen und pflegen die jungen Musiker geselliges Liedgut in verschiedenen Sprachen – rumänisch, ungarisch, jiddisch etc. – die sie heute noch mit Begeisterung singen und die Eingang auf dieser CD gefunden haben. So findet sich in der „Līdertrun“ neben den vertrauten sächsischen Melodien einer Grete Lienert („de Astern“) auch Unterhaltsames oder Besinnliches aus dem außersächsischen Liedgut, etwa der Landler (Der Himmel ist voller Sterne), oder der rumänischen Folklore (De-ar fi mândra-n deal la cruce, „Şi-am iubit o Ardeleancă“). Das Lied „Hull a szilva“ (Zwetschgen fallen) mischt dann noch ungarisches Klangkolorit bei und „Dos Kelbl“ entführt mit seinem flehentlichen „donaj, donaj“ ins jiddische Schtetl und gemahnt mit dem Bild des geknebelten Kälbleins beklemmend an das ­Shoah-Geschehen. Weitere Lieder steuern schließlich Unterhaltsames bei, so das sächsische Scherzlied „Et fur en gāt Mån än de Bäsch“ oder das – mit peppigem Schmiss vorgetragene – „Fost-am omu pădurii“ aus den Oaşer Bergen. So findet sich in der neuen „Līdertrun“ für jeden Geschmack etwas, neben Althergebrachtem auch erfrischend folkloristisch neue Töne.

Auch diese CD ist keine Studio-Aufnahme. Sie entstand im rein privaten Rahmen (home recording/Ton, Schnitt und Mastering: Dietrich Schöller-Manno). Ein ausführliches Booklet mit sämtlichen Liedtexten bietet hinreichende Informationen. Die CD kann zu 10 Euro (zzgl. Porto- und Versandkosten) per E-Mail bestellt werden unter lidertrun[ät]email.de.

Prof. Heinz Acker

Schlagwörter: Lidertrun, CD, Musik, Mundart

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  • 19.06.2015, 22:45 Uhr von Robert: Lidertrun-Konzert in Augsburg abgesagt. Das geplante Konzert am 20.06.2015 in Augsburg muss ... [weiter]

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