14. März 2016

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Frieder Schuller: rothbach zur neige

ein kirchturm hatte keine lust mehr
der größte im dorf zu sein
hatte genug gesehen
war müde vom geradestehen
so ging er in die knie
ging in sich vor dem Straßenlärm
und stürzte aufs kirchendach
das wie ein altes segel zerriss
unter dem das gebälk sich erbrach
und die turmuhr ihre letzte stunde
unten im kirchenschiff zerschlug
doch der glocken angstschrei
im geröll verstummte


zersprungen zerbrochen zerfleddert
geistern fetzen von chorälen über die ruinen
schleichen aus dem holz
und zinn und blei und kupfer
aus den im schutt vebeulten Orgelpfeifen
huschen töne voller erinnerung
an orgelklänge die einmal auf der empore
ein wegweiser für das gemeindelied waren


der abendwind nimmt sich
des trümmerhaufens an
und tritt den blasebalg auf seine weise
erzählt was alle wissen möchten
aber immer nur erahnen
eine verbogene Orgelpfeife
stellt ihr liebeslied ins netz
hier stand die Kirchenburg
und die sie nicht verlassen wollten
zogen weiter

Schlagwörter: Gedicht, Schuller

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