13. April 2016

"Hermannstadt und Umgebung – fremd und vertraut"

Der zweisprachige Band (Deutsch-Rumänisch) „Hermannstadt und Umgebung – fremd und vertraut“ ist das Ergebnis der Sommerreise einer kleinen Gruppe von Künstlerinnen, die der GEDOK (Verband der Gemeinschaften von Künstlerinnen und Kunstförder/innen) Franken angehören sowie einer rumänischen und einer rumäniendeutschen Autorin. Die vorliegende Sammlung von Prosatexten, Gedichten und Fotografien stellt Eindrücke von Hermannstadt und Umgebung vor, die teils mehr beschreibend, teils eher assoziativ-interpretierend, in jedem Falle aber persönlich und ohne den Anspruch einer objektiven Berichterstattung präsentiert werden.
Dagmar Dusils Einführung beschreibt auf charmante Weise ihre eigenen Besorgnisse und Befürchtungen angesichts der sich realisierenden Idee der gemeinsamen Rumänienreise. Selbst in Hermannstadt geboren und aufgewachsen und spürbar verliebt in die Stadt, sorgt sie sich darum, dass es ihren Kolleginnen nicht gefallen könnte – eine, so viel sei vorausgeschickt, überflüssige Sorge. In ihrer Annahme, dass die Kolleginnen ihre Heimatstadt mit einem „objektiven Blick“ betrachten würden, lässt sie außer Acht, dass ein menschlicher Blick nie wirklich objektiv ist, sondern immer subjektiv und interpretierend, Neues mit Bekanntem verknüpfend und bewertend.

Linde Unrein stellt eingangs eine autobiografische Verknüpfung zu Siebenbürgen her, verbunden mit Reflexionen über das Fremdsein bzw. sich Fremdfühlen; im Hintergrund steht hier wie auch in anderen Texten des Buches die Frage, ob der Mensch vielleicht ein generell nicht Sesshafter sei. Interessant und sehr aktuell sind ihre Betrachtungen zum Thema Vorurteile, die den Leser daran erinnern, dass es sich immer lohnt, die eigenen Vorurteile durch persönliche Begegnungen auf ihren Wahrheitsgehalt zu überprüfen. Glücklicherweise bleibt ja nach erfolgtem Realitätstest meist nicht mehr viel von ihnen übrig – Reisen bildet also in mehrfacher Hinsicht.
Der eine oder die andere mag sich vielleicht bei manchen Gedankengängen auf den sprichwörtlichen Schlips getreten fühlen und Vergleiche mit eigenen Wahrnehmungen Hermannstadts anstellen, aber dieses Buch ist kein Werk, das Anspruch auf Objektivität oder Allgemeingültigkeit erhebt, sondern eine Sammlung von fiktionalen und semifiktionalen Texten, welche bewusst Raum für Gedankenflüsse und -spielereien lassen. Ob der Leser diese mitträgt, bleibt wie bei jeder Form von Literatur ihm überlassen. Die Texte werden im Band selbst als „literarische Versuche“ bezeichnet und sind somit weder dokumentarisch noch Wahrheit beanspruchend, sondern bewusst assoziativ. Beatrice Ungar hat die Texte ins Rumänische übersetzt.

Bedauerlich sind zwei Dinge: Die in manchen Teilen orthografischen Fehler und die Tatsache, dass Helga Böhnkes schöne Fotografien auf einigen Seiten nicht besser an das Format des Buches angepasst wurden. Darüber hinaus ist diese Sammlung der kleinen Werke von alten und neuen Hermannstadt-Liebhaberinnen auch für andere (und durchaus auch für zukünftige) Fans der Stadt eine lesenswerte Erweiterung des eigenen Blicks.

Das Buch ist 2016 im Honterus-Verlag in Hermannstadt erschienen mit finanzieller Unterstützung des Departements für Interethnische Beziehungen der rumänischen Regierung durch das Demokratische Forum der Deutschen in Rumänien und das Demokratische Forum der Deutschen in Hermannstadt.

Uta Gärtner

Schlagwörter: Rezension, Hermannstadt, Prosa, Lyrik

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