25. April 2016

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Der Fall Schafhütl

Bukarest – „Dieses Buch ist anders“, bekennt der Herausgeber und Architekt Dr. Vlad Mitric-Ciupe anlässlich der Präsentation von „Ani pierduţi“ („Verlorene Jahre“) im Kulturhaus „Friedrich Schiller“. Die Erinnerungen des Bukarester Architekten Jean Schafhütl sind nicht nur ein weiterer Beitrag zur Aufarbeitung der Deportationen der deutschen Minderheit in die ehemalige UdSSR, sondern gehen weit über die übliche Erinnerungskultur hinaus und liefern neue Aspekte.
Dass Schafhütl auch über schriftstellerisches Talent verfügt, zeigt sich schon beim Blick ins Inhaltsverzeichnis. Im ersten Kapitel, „Langer Weg in die Nacht“, beschreibt er die Fahrt ins Kohleabbaugebiet im heutigen ukrainischen Donezbecken in Viehwaggons bei klirrender Kälte: ein halber Quadratmeter Platz für jeden, ein Meter Länge und 50 Zentimeter Breite, wenn man im Sitzen die Füße ausstreckte, oder 70 mal 70 Zentimeter, wenn man wie Buddha im Lotussitz hockte. Es folgen fünf weitere Kapitel, eines für jedes Jahr: „1945 – Wie das Inferno von Dante im Vergleich als Paradies erscheint“, „1946 – Wie Hunger und Seuchen unaufhörlich dahinmähen“, „1947 – Wie die Sense des Todes zweimal daneben trifft und Zeit für die Liebe lässt“, „1948 – Wie die Hoffnung schrittweise schwindet und das Leben einfach weitergeht“, „1949 – Wie sich endlich der lang ersehnte Traum erfüllt“.

Bestechend an Schafhütls Erinnerungen ist seine akribische Beobachtungsgabe, die ein fotografisches Gedächtnis verrät. So werden Details wiedergegeben, die dem Erlebten erst die gebührende dramatische Tiefe verleihen. Mit dem ständigen Versuch des Haupthelden Jan Schäffer (der natürlich Jean Schafhütl verkörpert), das Geschehene im jeweiligen Augenblick zu verstehen und einzuordnen, gelingt es dem Autor, die Unfassbarkeit und Ungeheuerlichkeit der Ereignisse hautnah zu vermitteln. Der Kunstgriff der Verwendung der dritten Person in den eindeutig autobiografischen Schilderungen versteht sich als Selbstschutz.

Beschreibt Schafhütl doch unter anderem intimste Details, von der Beobachtung der eigenen Fäkalien aus Angst vor der grassierenden Dysenterie, die einen Großteil der Lagerinsassen hinwegraffte, über den sexuellen Drang der Lagergenossen, der aus Platzmangel hautnah miterlebt wurde, bis hin zu erschütterndsten Bekenntnissen über versuchte Schwangerschaften, in der Hoffnung, dann heimgeschickt zu werden, Abtreibungen aus Verzweiflung und ihre gravierenden seelischen Folgen. Keineswegs wird dabei auf Sensation abgezielt, vielmehr werden die Verunsicherung der durch Schwerstarbeit und Hoffnungslosigkeit getrübten Gemüter sowie der krasse Gegensatz zu den moralischen Werten der Gesellschaft zuhause nachfühlbar gemacht. Briefe ins und aus dem Lager waren all die Jahre zensiert oder abgefangen worden, sodass über den getrennten Verheirateten die ständige Frage schwebte: Lebt der andere überhaupt noch? Und: Werden wir jemals zurückkehren?

Bestechend sind auch die Reflexionen des jungen Studenten: Die Tragödie ist eine andere als die der Sklaverei in der Antike, vergleicht Schafhütl treffend. Da waren die Sklavenhalter oft gebildete, kultivierte Menschen, die Sklaven hingegen von simplem Gemüt, von Klein an schwere Arbeit gewöhnt. Im Lager war es genau umgekehrt: Studenten galten als unqualifizierte Arbeitskräfte, erhielten die schwerste Arbeit und den schlechtesten Lohn. Rückblickend erinnert er sich auch an den heimischen Komfort, an die Unfähigkeit zur Empathie mit den Ängsten anderer, trotz Informiertheit. „Es war ihr Problem, nicht unseres. Wir haben nichts unternommen, den Terror zu beseitigen, die Angst, die die Welt beherrscht.“ An einer Übersetzung ins Deutsche wird gearbeitet, erklärt Herausgeber Vlad Mitric-Ciupe.

Nina May




Jean Schafhütl: „Anii pierduţi – Amintirile unui arhitect deportat in URSS“ (Verlorene Jahre – Erinnerungen eines in die UdSSR deportierten Architekten), Vremea Verlag, Bukarest 2015, ISBN 978-973-645-729-6

Schlagwörter: Buchvorstellung, Deportation, Russland, Bukarest

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