18. Juni 2016

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Aussiedler als Beispiel gelungener Integration in Nürnberg gefeiert

Wir können das: Als Siebenbürger Sachsen mehrheitlich in der Gemeinschaft sozialisiert, können wir uns mit Horst Göbbel freuen, der bei der Eröffnung der Aussiedlerkulturtage der Stadt Nürnberg am 10. Juni im Haus der Heimat (HdH) erfuhr, dass er im Juli von der Stadt Nürnberg die Bürgermedaille verliehen bekommt. Und wir sind stolz, dass einer aus unseren Reihen so überzeugend Ehrenamt geleistet hat. Wir dürfen das, die wir Teil unserer Gemeinschaft sind, weil unser landsmannschaftliches Handeln gerade im Miteinander solch reife Früchte ermöglicht!
Das erkannten auch die Politiker, die in ihren Grußworten das Zitat von Horst Göbbel aufgriffen, nämlich den Satz des Bundespräsidenten Joachim Gauck „Wir haben gute Gründe, uns Zukunft zuzutrauen!“ und sich außerdem darüber freuten, dass heuer gezielt auch Flüchtlinge zu den Aussiedlerkulturtagen eingeladen worden sind. Christian Vogel, zweiter Bürgermeister und Vertreter des Schirmherrn Oberbürgermeister Dr. Ulrich Maly, sagte am Freitag: „Ich bin stolz, dass eine große Mehrheit der Nürnberger sich für Menschen in Not engagiert!“

Bezirksrat Peter D. Forster, CSU, brachte auch Grüße vom Bezirkstagspräsidenten Richard Bartsch und meinte anerkennend, es sei „ein gutes Beispiel, dass auch die Aussiedler sich einbringen“. Monika Krannich-Pöhler, Stadträtin der Grünen, betonte: „Von Ihnen, die eine neue Heimat gefunden haben, können wir lernen, dass es funktionieren kann!“ und SPD-Stadträtin Gabriele Penzkofer-Röhrl blickte auf die letzten Jahre zurück und würdigte die Zusammenarbeit der Aussiedlergruppen besonders auch dafür, „dass Wege gemeinsam begangen werden“ und getreu dem heurigen Motto „Heimat gemeinsam gestaltet wird“. In diesem Sinne fand auch der gemütliche Teil des Freitags statt: Inmitten der Bilderausstellung von russlanddeutschen Malkursschülern genossen die Gäste ein schmackhaftes Buffet von jungen Damen aus Armenien und der Ukraine, die als Flüchtlinge im HdH einen ehrenamtlich geführten Sprachkurs besuchen.

1000 Jahre Breslau – Europäische Kulturhauptstadt 2016

Eine weitere gemeinsame Gestaltungsmöglichkeit ergriffen die Aussiedler, indem sie die Europäische Kulturhauptstadt Breslau in ihr Freitagsprogramm aufnahmen. Der gebürtige Breslauer Joachim Lukas, Vertriebener aus Schlesien, brachte nicht nur beeindruckende Bilder aus Breslaus tausendjähriger Geschichte mit, sondern auch seine drei Enkel Monika, Christoph und Michael Stadelmaier, die für vielseitige musikalische Begleitung sorgten: Von Telemann (Altblockflöte) über Schubert (Klavier) bis zu Klängen des kubanischen Gitarristen Leo Brouwer Mesquida reichte die Spannweite der beeindruckenden Auftritte der jugendlichen Geschwister. Doris Hutter moderierte den Abend und zeigte dabei den neuen Film „Blickwechsel. Deutsche im östlichen Europa – Eine Entdeckung“ des Deutschen KULTURFORUMs östliches Europa. Monika Krannich-Pöhler findet den thematischen Freitag immer sehr informativ: „Durch die Vorträge wird man etwas mehr verbunden mit Ihnen, mit Ihrer Geschichte und mit Integrationsthemen.“ Siebenbürgisch-sächsische Gruppen bei den ...Siebenbürgisch-sächsische Gruppen bei den Aussiedlerkulturtagen in Nürnberg. Fotos: Inge Alzner, Collage: Doris Hutter „…uns Zukunft zuzutrauen“ hatte Horst Göbbel jedoch auch im Hinblick auf den Sonntag gemeint. Der Gottesdienst in der Dietrich-Bonhoeffer-Kirche in Langwasser wurde von der Siebenbürger Blaskapelle (Ltg. Michael Bielz) eingeleitet und umrahmt vom gemischten Aussiedlerchor, der aus dem Siebenbürgischen Chor Fürth, dem russlanddeutschen Chor „Heimatklänge“ und der Singgruppe der HdH-Sprachschüler bestand und sowohl unter der Leitung von Rosel Potoradi als auch von Charlotte Kirchmeier sang. Passend zum Chorlied „Im schönsten Wiesengrunde“ hatte Pfarrerin Dr. Griet Petersen in der Predigt den „verlorenen Sohn“ in den „schönsten Wiesengrund“ eingebettet. Freilich ging es da auch wieder um das Thema, Menschen aufzunehmen, die aus welchem Grund auch immer nichts mehr haben. Karl Freller, MdL, CSU, findet es klasse, „dass der Gottesraum für solche Veranstaltungen zur Verfügung gestellt wird, die Gotteshäuser sind früher auch dafür gedacht gewesen!“, und hieß die anwesenden Flüchtlinge willkommen. Stadtrat Werner Henning, CSU, Vertreter des Oberbürgermeisters am Sonntag, sprach u.a. von der „Vielfalt, die auch stets die Herausforderung in sich trägt, einander tolerant und respektvoll zu begegnen. Deshalb bieten sich auch die Aussiedlerkulturtage als Gelegenheit an, unsere Erfahrungen aus der alten und neuen Heimat einzubringen und diese Menschen zu unterstützen“. Diese Gedanken aufgreifend, erweiterte Petra Guttenberger, CSU-Landtagsabgeordnete, das Spektrum, indem sie auf das „miteinander Europa Gestalten“ hinwies und die Aussiedler als vorbildlich lobte: „…weil Sie sich ans Grundgesetz gehalten, dabei aber die Traditionen aus den Herkunftsländern mitgebracht haben und weiter pflegen!“

Dieses Generationen Übergreifende

Mitgebracht haben wir aber nicht nur Traditionen, sondern auch lieb gewordene Gewohnheiten oder fehlende Sachkenntnisse, die uns den Anfang in Deutschland erschwerten. Im Gottesdienst ließ die Pfarrerin einige Klagen aus der Anfangszeit von den Aussiedlern Inge Alzner (Siebenbürger Sächsin), Andreas Schneider (Russlanddeutscher) und Anna Steinbinder (Sathmarer Schwäbin) vortragen und las die Aussage eines jetzigen Flüchtlings vor, wonach später auch das Lob seinen Platz bekam.

Nach dem Gottesdienst waren dann alle einstigen Sorgen vergessen, weil die rund 60 Trachtenträger (darunter auch Oberschlesier und Egerländer) zu den Klängen der Kapelle ihre Trachten vorführten und Festtagsstimmung aufkam. Nach einem Imbiss, organisiert und verabreicht vom Jugendreferat der Siebenbürger Sachsen, trudelten auch die über 50 jugendlichen Tänzer ein, die das künstlerische Programm bestritten.

Geführt durch das Programm von den Banater Schwaben Melanie Kling und Alexander Zimmermann, die treffend sagten: „Wenn wir Aussiedler in Nürnberg unsere Kulturtage feiern, dann sind wir bestrebt, das Beste, und Wertvollste, das unsere Kultur zu bieten hat, zu präsentieren“, erlebten die über 200 Gäste eine Folge erfrischender und abwechslungsreicher Darbietungen von Volkstanz bis HipHop, von wunderbaren Trachten bis zu frechen oder koketten Kostümen. Eine wahre Schau unterschiedlicher Ausdrucksformen, zu denen passend Helga Schäferling zitiert wurde: „Darf ich bitten zum Tanze des Lebens?/ Tanzt du als Single, tanzt du als Paar-/ nie ist es vergebens,/ nimmst du den Rhythmus des Lebens/ mit all deinen Sinnen wahr“. Es tanzten von den Siebenbürger Sachsen die Tanzgruppe Nürnberg (Roswitha Bartel), JugendTG (Kathrin Kepp) und KinderTG (Karline Folkendt), von den Deutschen aus Russland „White Shadows“ und Tanzschule Franz Hof sowie die Banater Trachtentanzgruppe.

Bei Kaffee und Kuchen und netten Begegnungen endete der Sonntag. Doris Hutter, Leiterin des Organisationsteams, dankte allen Teilnehmern und Gestaltern, ganz besonders Pfarrerin Dr. Petersen für die herzliche, äußerst angenehme Zusammenarbeit. Die Pfarrerin zeigte sich sehr angetan von dem Tag: „Ich finde es super, wie bei Ihnen grade beim Tanzprogramm traditionell und modern nebeneinander stehen dürfen und gleichermaßen beklatscht werden, dieses Generationen Übergreifende ist schon ein echter Schatz.“ Hätte sich der Schlesier Dietrich Bonhoeffer zu seinem 100. Geburtstag ein schöneres Fest in und um seine Kirche wünschen können?

Doris Hutter

Schlagwörter: Nürnberg, Aussiedler, Kulturtage

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