23. August 2016

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Überlegungen zur Auswanderung und ein Buch-Tipp

Catalin Dorian Florescu: „Der Mann, der das Glück bringt“, Verlag C. H. Beck, München, 2016, 327 S., 19,95 Euro, ISBN 978-3-406-69112-6
Florescus Romanthema ist die Auswanderung. Die Sehnsucht nach dem gelobten Land, in die neue Welt, für die – wie kann es anders sein – exemplarisch New York steht. Wer könnte das besser nachempfinden als jene, die ähnliche Erfahrungen gemacht haben, die ihr ureigenes Zuhause hinter sich ließen, um einem verlockenden Ruf in eine ungewisse Zukunft zu folgen. Florescu weiß um die Tücken der Fremde; um auf sicherem Boden zu gehen, hält er sich eng an die eigene Erfahrung. So ist es eine Rumänin, die von der besseren Welt träumt und aus einem Teil Rumäniens kommt, den wohl die Mehrzahl der Siebenbürger Sachsen nicht gesehen haben, aus dem Donaudelta. Wenn das allein schon ein Versprechen auf Exotik und damit auf Fremde ist, weiß der Autor das durch solide Recherche und seine Beschreibungen der Straßenkultur im New York zu Beginn des 20. Jahrhunderts noch dramatisch zu potenzieren.

l ...Catalin Dorian Florescu, geboren 1967 in Temeswar, sagt von sich, er sei ein Schweizer mit rumänischer Seele. Nachdem er im Sommer 1982 mit seinen Eltern in die Schweiz geflohen war, studierte er dort und wurde zum Schriftsteller, der deutsch schreibt und publiziert. Er schreibt Romane – und das mit Erfolg. Seit drei Jahren ist er korrespondierendes Mitglied der Bayerischen Akademie der Schönen Künste. Florescu lebt als freier Schriftsteller in Zürich.

Ein bisschen verwirrt und geleitet von linguistischer Neugierde, kaufte ich mir seinen letzten Roman „Der Mann, der das Glück bringt“. Ich war neugierig auf den Menschen hinter dem fremden Namen, der deutsche Gegenwartskultur mitgestaltet.

Wenn man eine Sprache erst mit 15 Jahren lernt, sollte man meinen, dass es nahezu unmög­lich ist, muttersprachliche Kompetenz zu erwerben. Nachdem ich selbst im Besitz eines Übersetzerzeugnisses Rumänisch-Deutsch für schöngeistige Literatur bin, wollte ich herausfinden, ob seine „rumänische Seele“ sprachlich nicht doch (noch) durch die geglättete Oberfläche deut­scher Lektorenarbeit durchscheint. Kann ein 15-Jähriger mit der Umstellung seines Wohnorts auch seine bisherige Identität abgeben wie einen Mantel in der Garderobe und dann beim Rausgehen vielleicht einfach einen anderen Mantel umwerfen, um eine neue Identität zu erhalten? Nein, Sprache ist kein Mantel, den man an- und auszieht bzw. einfach einen anderen überstreift. Wie geht man also vor? Florescu musste zunächst nicht nur eine neue Sprache lernen, sondern in einer Qualität, die es ihm selbst wie seiner gesamten Leserschaft erlaubt, davon überzeugt zu sein, dass er in der deutschen Sprache seine neue Heimat gefunden hatte. Denn schließlich wurde er mit 35 Jahren publizierender und mehrfach preisgekrönter Schriftsteller der deutschen Sprache! In der Welt der Worte gilt es bei Übertragungen in eine andere Sprache als ungeschriebenes Gesetz, dass man als Kenner von zwei oder mehreren Sprachen in die Muttersprache und nicht in eine Fremdsprache übersetzt. Ein Schriftsteller, der nicht in seiner Muttersprache schreibt, kann aber nicht bloß in die neue Sprache übersetzen.

Dabei denke ich an einen anderen deutschsprachigen Schriftsteller, Ilija Trojanow, nur zwei Jahre älter als Florescu, der aus Bulgarien stammt und als einer der besten Übersetzer aus dem Englischen ins Deutsche gilt. Deutsch muss also die Rolle „seiner Muttersprache“ erfüllen. Allerdings verließ er Bulgarien im Alter von sechs Jahren. Und obwohl er mit seiner Familie aus Deutschland bald nach Afrika emigrieren musste, besuchte er deutsche Schulen im Ausland und sagt von sich, seine Heimat sei die deutsche Sprache. Nun lernt ein Kind jede Sprache spielend – auch ohne Grammatik. Aber im Alter von ca. 15 Jahren gibt es eine neurobiologische Zäsur: die beiden Gehirnhälften „trennen“ sich; fortan muss Sprache einerseits über Grammatik, Regeln und Strukturen, andererseits über Wortschatz und Idiomatik gelernt werden. Ein untrügliches Sprachgefühl erwirbt man daher früher. Trojanows Roman „Der Weltensammler“ wurde 2006 mit dem Preis der Leipziger Buchmesse ausgezeichnet; Trojanow wurde Mitglied des Pen-Zentrums Deutschland. Beide schreiben auf Deutsch. Ihre Gestalten sind fremd in einem fremden Land. In diese Fremdheit Florescus möchte ich nun sprachlich ein bisschen hineinleuchten. Denn beim Lesen seines Romans empfand ich sprachlich etwas, das ich eine „leichte“ Fremde nennen möchte. Auf die von ihm niedergeschriebene Frage „wer war das?“ würde eine sprachlich korrekte deutsche Antwort lauten: „Es war ein ... (griesgrämiger Deutscher)“. Er aber antwortet: „Er war ein...“. Er schreibt: „Vielleicht hatten bei ihm auch die Menschen Schuld“. Er meint wohl: „aus seiner Sicht“. Er schreibt: „ ... sie hatten einen Teil Europas für ein Stück mehr Leben verlassen. Der Aberglaube war mit ihnen gereist“. Aber ist das wirklich Aberglaube? Ist das der passende Begriff?

Florescu benutzt viele idiomatische Wendungen, als wollte er sich und seinen Lesern immer wieder in Erinnerung rufen, dass er die deutsche Sprache unter Kontrolle hat: „mit dem Tod auf Tuchfühlung gehen“, „einen Strich durch die Rechnung machen“, „mit den Schultern zucken“, „er kriegte eins auf die Rübe“, „wer hatte hier das Sagen“, „übers Ohr gehauen“.

Dann aber lese ich: „Er saß auf dem Kutschen­bock“ und „die Seemänner“ statt die Seeleute. Er schreibt: „Die Luft war so dick, als ob man sie mit dem Messer schneiden könnte“ oder „sie führten ihr Vieh zum Tränken“. Natürlich darf ein Dichter auch mit Worten spielen. Aber ist das gewollt, wenn er seinen Großvater beschreibt, er sei „einfach schnell entflammbar“ gewesen? Spricht man seine (Florescus) Muttersprache, drängt sich mancherorts die Vermutung auf, dass er (rumänische) Sprachbilder im Kopf hat und es sich um eine Übersetzung handeln könnte. Seine eingehende Beschäftigung mit der deutschen Sprache, kann auch mal eine veraltete Form hervorholen: „Ob der Eintönigkeit der Landschaft wäre ich beinahe eingenickt.“

Nett finde ich dann allerdings den Schreibfehler „eine Angelroute aus Nylon“. Als Immigrant muss ihm die Route natürlich vertrauter sein als die Rute.

Ich würde mich freuen, wenn es mir gelungen wäre, Sie auf diesen Roman, neugierig gemacht zu haben. Er ist dicht, bewegend, fesselnd, ein Generationenroman, seine Personen fordern unsere Sympathie, unsere Anteilnahme, unsere Empathie ein. Der Roman spricht uns manchmal so unmittelbar an, als würde er unsere eigene Erfahrung wiedergeben.

Es ist wie mit dem Kennenlernen einer fremden Kultur. Wir sind Getriebene oder zumindest Verlockte unserer intellektuellen Neugierde, und in dem Maße, in dem wir die Fremde entdecken, wird sie zum Bekannten, wird sie aufgenommen in den Korb unserer Erkenntnisse und Erfahrun­gen. Neugierige Auseinandersetzung mit dem Fremden ist immer Bereicherung, während blinde Auseinandersetzung Angst und Ablehnung erzeugt.

Auf dem Hintergrund der größten Migrationsbewegungen in der Geschichte der Menschheit sollten wir so früh wie möglich erkennen, dass die falsch verstandene Grundsätzlichkeit des „Entweder-Oder“ längst durch das „Sowohl-als-Auch“ zu ersetzen ist, denn Vielfalt ist Programm sowohl in der Natur als auch in der Kultur.

Richard Lang

Schlagwörter: Rezension, Roman, Auswanderung

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