28. November 2016

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Zum 220. Jahrestag der Geburt Stephan Ludwig Roths

Stephan Ludwig Roth (1796-1849) gehört neben dem Humanisten und Reformator Johannes Honterus, dem Gubernator Siebenbürgens Samuel von Brukenthal, dem Bischof und Historiker Georg Daniel Teutsch sowie dem Vater der Weltraumfahrt Hermann Oberth zu den bekanntesten siebenbürgisch-sächsischen Persönlichkeiten. Er war Schulmann, Pfarrer, Publizist, Volkswirtschafter, Politiker. Über keinen anderen Siebenbürger Sachsen gibt es ein so umfangreiches Schrifttum wie über ihn. Es zählt annährend tausend Titel. Sein pulsierendes Leben und Werk hat dichterische Gestaltung gefunden in zahlreichen Gedichten und Liedern, in Erzählungen, in zwei Romanen und drei Dramen und Festspielen.
Roths Schriften und Briefe liegen, soweit sie bekannt sind, in einer siebenbändigen Ausgabe, herausgegeben von Otto Folberth, auf. 2016 jährt sich Roths Geburtstag zum 220. Mal. Das ist der Anlass für eine von mir verfasste umfangreiche Monographie über sein Lebenswerk, die im Schiller Verlag in Hermannstadt erschienen ist. Wir folgen aber auch dem ersten Biographen Roths, Andreas Gräser, der Roth gekannt hat und seine Würdigung 1852 wie folgt beendete: „So lebte und starb St. L. Roth, im Leben und Tode gleich groß. Die Geschichte seines Volkes wird seinen Namen laut verkünden und so lange deutsche Gesinnung noch im Sachsenvolke lebt, wird es ihn in seinem Herzen treu bewahren, das Bild eines seiner größten Männer.“

Stephan Ludwig Roth gilt nicht nur für die Siebenbürger Sachsen als hervorragende Persönlichkeit, er wird auch von Nichtsiebenbürgern als eine „Figur europäischer Größe“ betrachtet. Der wichtigste Aspekt aus seinem Werk, dem mehrere Forscher und Politiker ihre Aufmerksamkeit schenken, bezieht sich auf seine Projekte und Bemühungen, ein friedliches Nebeneinanderleben verschiedensprachiger Völkerschaften auf der Grundlage völliger Gleichheit zu verwirklichen. Hans Mieskes (1915-2006), Professor der Universität Gießen, sieht beispielsweise in Roths Ansichten und in seinem Eintreten für Humanität und Duldung eine Vorwegnahme der Charta der Menschenrechte unserer Tage, während Theodor Heuss, erster deutscher Bundespräsident, Roth „eine Figur von europäischer Größe“ nannte. Auf derselben Linie bewegt sich das Lexikon „Große Männer der Weltgeschichte. Tausend Biographien in Wort und Bild“ (Murnau, München, Innsbruck, Basel 1969), das Roth unter die tausend großen Männer der Weltgeschichte einordnet. Zur Begründung heißt es: „Seine Schriften sind Bekenntnisse und praktische Vorschläge zur Lebensgestaltung eines von Menschlichkeit, Gottesliebe und Volkstreue geleiteten Gewissens: sie haben noch aktuelle Bedeutung, da sie zum einträchtigen Zusammenleben benachbarter Völker anleiten. Sie können Lehrbücher für jenes europäische Verantwortungsgefühl sein, um das sich heute die Völker bemühen.“

Die in Israel erscheinende Zeitschrift „Freiheit“ weist 1961 in der Rezension von Folberths Buch über den „Prozess St. L. Roth“ darauf hin, dass Roths Schriften jene politisch Interessierten ansprechen dürften, die Ausschau halten nach einem Rezept für die Lösung der arabischen Minderheitenfrage in Israel. Der Rezensent fährt dann fort: „Wenn die behandelte Geschichte auch mehr als 100 Jahre zurückliegt und sich im südöstlichen Raum Europas abspielte, hat sie nichts an ihrer Aktualität und Universalität eingebüßt.“

Wir möchten in vorliegendem Gedenkaufsatz auf diesen Schwerpunk in Roths ersprießlichen Schaffens eingehen, der ihm die größte Anerkennung, aber auch Feinde und den Tod gebracht hat, auf seinen Einsatz für soziale und nationale Gleichheit der Völkerschaften Siebenbürgens.

Reformversuche nach der Pestalozzischen Methode

Stephan Ludwig Roth wurde am 24. November 1796 in Mediasch als Sohn des Gottlieb Roth, damals Rektor des Gymnasiums von Mediasch, und der Maria Elisabeth, geborene Gunesch, geboren. Nach Abschluss des Gymnasiums in Hermannstadt studierte er von 1817 bis 1818 Theologie in Tübingen und lernte anschließend während eines zweijährigen Aufenthalts als Mitarbeiter und Lehrer am Institut des berühmten Schweizer Pädagogen Johann Heinrich Pestalozzi dessen pädagogische Grundsätze kennen. Mit einer Dissertation über „Das Wesen des Staates als eine Erziehungsanstalt für die Bestimmung des Menschen“ erwarb er 1820 in Tübingen den Doktor- und Magistertitel, kehrte dann heim und versuchte, seine pädagogischen Erfahrungen umzusetzen. Dem sächsischen Volksschulwesen mangelte es vor allem an qualifizierten Lehrern. Roth wollte daher, nach dem Vorbild der Pestalozzischen Armenschule für die Ausbildung von Lehrern, ein siebenbürgisches Pestalozzianum gründen. Er veröffentlichte 1821 seinen Plan in einer Broschüre mit dem vielsagenden Titel „An den Edelsinn und die Menschenfreundlichkeit der sächsischen Nation in Siebenbürgen. Eine Bitte und ein Vorschlag für die Errichtung einer Anstalt für die Erziehung und Bildung armer Kinder für den heiligen Beruf eines Schullehrers auf dem Lande“, die er auf eigene Kosten herausgab und an verschiedene Personen verschickte, vom evangelisch-sächsischen Bischof bis zu Freunden im Ausland und an Zeitungen. Trotz aller Bemühungen fand das Vorhaben, zu Roths Enttäuschung, keine Unterstützung. Es entsprach eigentlich nicht den sächsischen Gegebenheiten. Stephan Ludwig Roth. Ölbild von Samuel Herter, ...Stephan Ludwig Roth. Ölbild von Samuel Herter, 1850er Jahre, 75 x 64 cm, signiert über der Schulter rechts „S. Herter in Kronstadt.“ Das bislang unveröffentlichte Bild gehörte der jüngsten Tochter von Roth und war danach im Besitz ihres Sohnes Dr. Heinrich Siegmund. Seit 1999 hängt es im Pfarrhaus in Meschen. Herter entstammte einer württembergischen Familie, die Roth 1846 nach Siebenbürgen gefolgt war. Foto: Tatiana Buha, Bildtext: Konrad Klein Im Jahre 1821 nahm Roth eine Stelle als Professor am Mediascher Gymnasium an und rückte 1831 zum Rektor auf. Als Lehrer war er bemüht, die pädagogischen Grundgedanken Pestalozzis in den Unterricht einzuführen. Er hat ferner als Gymnasiallehrer Maßnahmen getroffen zu einer praxisnahen Ausbildung der zukünftigen Gewerbetreibenden an der Bürgerschule sowie für die am Gymnasium studierenden Lehrer, ebenso hat er Turnen und Gesang in den Unterricht eingeführt. Roth geriet aber durch sein strenges Amtieren, seine neuen schulischen Reformversuche und die Forderung, die Lehrer besser zu entlohnen, in Konflikt mit der weltlichen und kirchlichen Stadtobrigkeit, mit einigen einflussreichen Eltern, die sich in Schulangelegenheiten einmischten, und sogar mit einigen Kollegen. Das führte zu seiner erzwungenen Aufgabe des Schuldienstes und dem Wechsel ins geistliche Amt. Man staunt, wenn man das liest: Der bedeutendste Pestalozzianer Südosteuropas wurde aus der Schule verbannt und ins geistliche Amt verdrängt.

Als Geistlicher war Roth von 1834-1837 Stadtprediger in Mediasch, 1837 wurde er zum Pfarrer von Nimesch und 1847 zum Pfarrer von Meschen gewählt. Obwohl Roth auch als Pfarrer Beachtliches leistete, wurde er vor allem aufgrund anderer Leistungen und seiner Reformvorschlägen als Publizist und Volksmann bekannt.

Roth hat sich schwerpunktmäßig mit folgenden Projekten und Reformen beschäftigt: Reformvorschläge zum Schul-, Gesellschafts- und Wirtschaftsleben der Siebenbürger Sachsen, Empfehlungen für ein friedliches, gleichberechtigtes Zusammenleben der siebenbürgischen Nationen, Vorschläge zur nationalen und sozialen Emanzipation der rechtlosen Rumänen, zur Aufhebung der Hörigkeit und Konzepte für die ethnische Sicherung der Siebenbürger Sachsen als deutsche, nationale Minderheit. Außer zahlreichen Zeitungsartikeln hat er seine Projekte und Reformvorschläge in folgenden Schriften veröffentlicht: „Die Zünfte. Eine Schutzschrift“, 1841; „Der Sprachkampf in Siebenbürgen. Eine Beleuchtung des Woher und Wohin?“ 1842; eine nicht gezeichnete Artikelserie „Mitteilungen aus Siebenbürgen. Die Sprachfrage“ in der in Pest erscheinenden Zeitung Der Ungar, 1842; „Untersuchungen und Wohlmeinungen über Ackerbau und Nomadenwirtschaft“, 1842; „Wünsche und Ratschläge. Eine Bittschrift fürs Landvolk“, 1843; „Der Geldmangel und die Verarmung in Siebenbürgen, besonders unter den Sachsen“, 1843.

Das gesamte Schrifttum ist, soweit bekannt ist, in sieben Bänden als „Gesammelte Schriften und Briefe“ (1927-1939, 1964) erschienen, von denen 1970 ein Nachdruck folgte, jeweils herausgegeben von Otto Folberth. Durch die in den 30er und 40er Jahren des 19. Jahrhundert veröffentlichten Schriften und Aufsätze in der Presse wurde Roth zum bedeutendsten sächsischen Publizisten und Schriftsteller seiner Zeit. Sein erster Biograph Andreas Gräser schrieb 1852. „Er ließ kein Ereignis, das auf das Nationalleben seines Volkes, auf den Bestand seines siebenbürgischen Deutschtums Bezug hatte, unbeachtet vorübergehen. Entschieden für einen vernünftigen, naturgemäßen Fortschritt, sprach er in Wort und Schrift unumwunden und mit männlicher Freimütigkeit, ohne jedoch den Rechten eines Andern zu nahe zu treten, seine Wünsche und Ansichten aus. Nimesch, ein sonst unbedeutendes Dörfchen des Mediascher Stuhls, wurde bald durch den guten Klang des Namens St. L. Roth einer der meist genannten Orte im Sachsenlande. Roths Aufsätze in den deutschen Zeitschriften Siebenbürgens erregten bald die Aufmerksamkeit ausgebreiteter Kreise und das Sachsenvolk fühlte ein gewisses Bedürfnis, in Nationalangelegenheiten Roths Stimme zu hören. In Wahrheit hatte er ein Hauptaugenmerk auf sein Volk gerichtet, dies wollte er in geistiger, sittlicher und materieller Hinsicht gekräftigt wissen, damit es eine desto sicherere und schönere Zukunft zu erwarten habe. ‚Die Grundlage unseres Nationaldomes‘, pflegte er zu sagen, ‚ist unser Volk, das sächsische Gewerbe und der Bauernstand‘. Er betätigte, diese seine patriotische Gesinnung nicht bloß als Pfarrer, indem er unter seinen Kirchenkindern einen echt kirchlichen und vernünftigen religiösen Sinn verbreitete, die Schuljugend mit besonderem Eifer überwachte, sondern umfasste das ganze Sachsenvolk mit seinem deutschen Herzen, mit seinem männlich starken Willen. So wurde er ein wahrer Volksmann, ein wahrer Volksfreund, nicht dadurch, dass er nach solchem Namen gestrebt, sondern dass er ihn durch Wort, Schrift und Tat wirklich verdiente. Und eben brauchte die Zeit, in der er öffentlich für sein Volk auftrat, Männer von solch entschiedenem Charakter.“

Das Familienleben Roths ist zur selben Zeit durch schwere Schläge getroffen worden. Roth war zweimal verheiratet: in erster Ehe (1823) mit Sophie Auner und in zweiter Ehe (1837) mit Karoline Henter, die jeweils vier Kinder gebaren. Beide Ehefrauen sind, die erste 1831 und die zweite 1848, vor ihrem Ehemann verstorben und hinterließen jeweils unmündige Kinder. Von den acht Kindern aus beiden Ehen haben nur vier ihren Vater überlebt, die andern sind als Kinder zum Teil sehr früh verstorben, das Töchterchen Friederike Josepha an der „Abzehrung“.

„Der Sprachkampf in Siebenbürgen“

Die nationale Gleichheit der Völkerschaften Siebenbürgens war eine der wichtigsten Fragen, die die siebenbürgischen Nationen in den Vormärzjahren beschäftigte. Roth meldete sich erstmal öffentlich dazu im Jahr 1842, nachdem auf dem siebenbürgischen Landtag die 275 Abgeordneten des ungarischen Adels und der Szekler gegen die 35 Stimmen der sächsischen Vertreter ein Sprachgesetz verabschiedet hatten, welches das Magyarische zur allgemeinen und einzigen öffentlichen Landes- und Unterrichtssprache einzuführen beabsichtigte und die Vereinigung/Union Siebenbürgens mit Ungarn vorsah. Den Sachsen wurde bloß das Recht zugestanden, auf dem Königsboden die deutsche Sprache zu gebrauchen. Die rumänische Sprache wurde ganz verdrängt. Diesem nationalistischen Gesetz, das noch der Genehmigung des Kaisers bedurfte, lagen offensichtliche Assimilierungstendenzen mittels der magyarischen Sprache zugrunde. Roth veröffentlichte noch im selben Jahr in Kronstadt die Schrift „Der Sprachkampf in Siebenbürgen. Eine Beleuchtung des Woher und Wohin?“ und eine nicht gezeichnete Artikelserie „Mitteilungen aus Siebenbürgen. Die Sprachfrage“ in der Pester Zeitung Der Ungar. Er lehnte darin das Sprachgesetz ab und äußerte sich auch in den folgenden Jahren immer wieder zur Nationalitätenpolitik mit der Forderung nach staatsbürgerlicher und nationaler Gleichberechtigung der Magyaren, Sachsen und Walachen, wie man damals die Rumänen nannte.

Die Veröffentlichungen St. L. Roths erregten großes Aufsehen, auf der einen Seite erfuhr er Zustimmung, anderseits zog er sich den Hass und die Bedrohung ungarischer Kreise zu, die eine Pressehetzkampage gegen ihn eröffneten. In seiner Auseinandersetzung mit dem projektierten Sprachgesetz bemühte sich Roth, ein Konzept für die Regelung der nationalen und sozialen Beziehungen zwischen Ungarn, Rumänen und Sachsen zu entwickeln. Auf die Entstehung der gemischten, ethnischen Bevölkerung Siebenbürgens eingehend, schrieb Roth: „Als der magyarische Schwarm sich in Pannonien niederließ, drängten sie (sic) die slawischen (eigentlich rumänischen) Ureinwohner nach links und rechts und machten sich Platz. Da aber noch unbewohnter Raum zwischen ihnen entstand, beriefen sie Kolonisten aus Deutschland, diese Plätze anzubauen. Von hier schreibt sich die Verschiedenheit der Landesbewohner her. Die Slawen/Rumänen sind die Ureinwohner – die Magyaren die Eroberer – die Deutschen berufene und verbriefte Einwanderer. Diese drei Volksstämme haben in demselben Lande nun seit geraumer Zeit gelebt. An Reibungen hat es nicht gefehlt ... Bei all dem gab es auch ziemlichen Frieden, und die Zeit hat manches Eck und manche Spitze abgebrochen und abgeschleift. Das mütterliche Land war gesegnet, diese drei Nationen in Pannonien an ihren Brüsten zu säugen, und alle drei haben im Innern gebaut und die Haushaltung betrieben ... Die neue Lehre unserer Tage, dass man magyarisch sprechen muss, um der Heimat würdig zu sein, ist bisher nicht erhöret worden. Der Magyare aß das Brot, wenn in die Furchen auch walachischer Schweiß getropft; der Magyare kleidete sich in deutsche Erzeugnisse, wenn sie auch nicht von magyarischen Händen gewebt waren, und wenn das Schwert zu ziehen war, stieß der Magyare den Walachen nicht vom Schlachtplatz, weil er Gott nicht Isten hieß, noch verschmähte er die Burg, wenn ein deutscher Mund ihn Willkommen hieß.“

Für Stephan Ludwig Roth waren die Völker beziehungsweise die Nationen göttliche Geschöpfe und Existenzformen der Menschheit (Humanität) und daher beschützenswürdig. „Der einzelne Mensch und jedes Volk kann ... immer nur in der besonderen Form einer Nationalität zum Vorschein kommen“, schrieb er im Jahre 1848. „Wir wollen zwar Magyaren, Deutsche, Italiener, Franzosen, Engländer usw. sein, denn das eine Abstractum kann nur als Concretes, das Wesen nur als Form in der Welt erscheinen. Aber obgleich die Humanität nur als Nationalität erscheinen kann, so hat doch jede Nationalität zur Aufgabe, in die Humanität zurückzukehren.“ Die Humanität wiederum wird in ihrer höchsten Potenz vom Christentum repräsentiert, ergänzte Roth. Die verschiedenen Konfessionen seien nur konkrete Äußerungsformen des einheitlichen Christentums, so wie die Nationen Existenzformen der Menschheit darstellten. Man könne nicht Christ sein, ohne zugleich einer besonderen Konfession anzugehören, so wenig wie man Mensch sein könne, ohne entweder Franzose, Engländer, Deutscher, Ungar, Walache oder Sachs zu sein. Roth hoffte, dass die Zeit kommen werde, da es einen einzigen Hirten und eine einzige Herde gibt, wo nicht eine Konfession die andere beherrscht, wo durch Weltverkehr die „Isolierung der Völker gesprengt“ wird, so dass kein Volk mehr aus einer „gesonderten Wurzel wächst, sondern „alle Bildung Gemeingut“ wird, „und nicht eines Volkes sondern der Menschheit, damit Frieden auf der Erde herrscht“. Entsprechend dieser ökumenischen Auffassung waren nach Roth alle Menschen, unabhängig ihrer nationalen und konfessionellen Zugehörigkeit, als göttliche Schöpfung untereinander Brüder. Unter Berufung auf den ungehinderten Gebrauch der Muttersprache als ein Menschenrecht, wurden die Magyarisierungsbestrebungen als naturwidrig und unhaltbar zurückgewiesen.

Roth sprach sich ferner für die Aufhebung der Leibeigenschaft und die soziale Befreiung der untertänigen Bauern aus. Die feudalen Zustände seien nicht mehr haltbar, es müssten im ganzen Land bürgerliche Verhältnisse wie auf dem Königsboden geschaffen werden. Die Sachsen boten sich als Vermittler an.

Die Forderungen Roths sind besonders den Rumänen zugutegekommen, die seine Nähe suchten und seine Bestrebungen unterstützen. Für seine rumänischfreundliche Fürsprache und Freundschaft mit rumänischen Zeitgenossen genießt er auch heute große Anerkennung.

Neue Siedler aus Württemberg

Um die Landwirtschaft zu modernisieren, beschloss der Landwirtschaftsverein, deutsche Bauern anzusiedeln, die durch Musterbetriebe die sächsischen Bauern (Michael Vorurteil und Hans Schlendrian) zur Befolgung anregen sollten. Sie sollten auch das siebenbürgische Deutschtum stärken. Roth übernahm den Werbungsauftrag und begab sich nach Württemberg. Seiner Werbung folgten etwa 1800 Schwaben, von denen nur rund 1000 in Siebenbürgen verblieben, da die Aufnahme nicht für so viele Siedler vorbereitet worden war. Roth wurde dafür von Freund und Feind, vor allem von Ungarn beschuldigt. Die Kolonisation misslang, aber nicht zuletzt darum, dass unter den angesiedelten Schwaben höchstens ein Viertel Bauern waren, die etwas von moderner Wirtschaft verstanden. Roth erkannte in der „Verwalachung“, wie er die Rumänisierung oder nationale Assimilierung durch Rumänen nannte, eine akute Gefahr für die Sachsen. Die Rumänen hatten als Folge ihrer großen Zahl die sächsischen Siedlungen unterwandert und die Sachsen waren in Gefahr, assimiliert zu werden. Diese Gefahr war besonders groß, nachdem am 3. April 1848 die Rumänen auf dem Sachsenboden als gleichberechtigte Bürger anerkannt worden waren. Da die Privilegien, die den Sachsen des Königsbodens bisher Schutz gewährt hatten, nun aufgehoben worden waren, mussten sie sich für ihr Fortbestehen als deutsche Minderheit neue nationale Schutzwehren suchen. Roth stellte fest: „Die durchgängige Vermischung der Walachen und Sachsen auf Sachsenboden ist nun eine vollendete Tatsache. Der Geist der heutigen Zeit, die eine verschiedene ist, verlangt keine Absonderung mehr: sie wäre übrigens auch eine Unmöglichkeit ... Durch die Gleichstellung aller Bewohner des Königsbodens haben wir Sachsen als ein besonderes Volk in politischer Hinsicht aufgehört. Zu allen Ämtern der Dörfer, Märkte und Städte können und werden Walachen gelangen ... Belässt uns der ungrische Reichstag unsere Munizipalverfassung und gibt es auch künftig eine (Nations)Universität auf dem Königsboden, so können unter den 7 und 2 Richtern auch Walachen sein: wählt das Volk sogar zum Komes einen Walachen, so kann ers sein, so darf ers sein, und – wenn er mehr dazu geeignet ist, als die andern Bewerber – so soll ers auch sein, in Gottes Namen.“

Und er fügt hinzu: „Gefällt uns, in Bezug auf uns das Wort Gleichheit, so müssen wir bedenken, dass es auch den Romänen ebenso gut gefällt. Sind wir beieinander, müssen wir nun miteinander leben, ob gern oder ungern – gleichviel – die Notwenigkeit ist da und nicht zu leugnen noch wegzublasen. Humanität und Christentum sprechen auch dafür.“ Dr.

Michael Kroner




(Fortsetzung folgt auf SbZ-Online)


Michael Kroner: „Stephan Ludwig Roth – Lebenswerk eines namhaften Siebenbürger Sachsen“, Schiller Verlag, Hermannstadt-Bonn, 206 Seiten, 14,80 Euro, ISBN 9-783-94452-998-1, zu bestellen im Buchhandel oder beim Schiller Verlag, deutsche Telefonnummer: (0228) 90919557, E-Mail: Erasmus[ät]schiller.ro, Internet: www.schiller.ro

Schlagwörter: Stephan Ludwig Roth, Jubiläum, Pädagoge, Politiker, Publizist, Pfarrer, Geschichte, Siebenbürgen

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