13. März 2017

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Ideologische Kontaminierung der Geschichtsschreibung in Rumänien

Der umfangreiche Band von Martin Jung „In Freiheit. Die Auseinandersetzung mit Zeitgeschichte in Rumänien (1989 bis 2009)“, erschienen im Frank & Timme Verlag in Berlin, mit 470 Textseiten und 40 Seiten Quellen und Literatur ist, wie der Titel angibt, eine Auseinandersetzung mit der Zeitgeschichte Rumäniens in den zwei Jahrzehnten nach dem Umbruch von 1989, als das Land und damit die Historiographie nach den vorher bestehenden ideologischen Zwängen der kommunistischen Ära Forschungsfreiheit erhielt. Der Umbruch eröffnete Spielräume und Handlungsmöglichkeiten, die zuvor undenkbar erschienen. Die Menschen in Rumänien fanden sich plötzlich in Freiheit wieder.
Fortan konnte all das offen ausgesprochen werden, was im Kommunismus nicht thematisiert werden durfte. Damit wurde auch die Möglichkeit geboten, die jüngste Vergangenheit des Landes öffentlich neu zu dokumentieren und zu werten. Im vorliegenden Buch wird vor allem gezeigt, wie die Absage der aufgezwungenen Geschichtsdarstellung in Geschichtslehrbüchern und Museen erfolgte. Dazu sei von Anfang an vermerkt, dass sowohl Fachleute, zum Teil auch die Öffentlichkeit sich schwer von der national-kommunistischen Sicht lösten. Die kommunistische Geschichtsschreibung Rumäniens hatte sich nämlich, um das national gesinnte Volk nicht abzustoßen, in der Präsentation der Geschichte nicht auf die Interpretation im Sinne des historischen Materialismus beschränkt, sondern war eine Symbiose mit der traditionell national ausgerichteten Geschichtsdeutung eingegangen. Die marxistische Darstellung erfolgte meistens so, dass dem nationalen Gewand der Geschehnisse materialistische, klassenkämpferische Floskeln hinzugefügt wurden, ohne die Fakten zu ändern. Die kommunistische Zeit wurde als geradlinige Fortsetzung der historischen Ereignisse und handelenden Personen, von der Steinzeit bis zum „goldenen Zeitalter Ceaușescus“ dargestellt. Nach M. Jung wurde dabei das bestehende Geschichtsbild von der kommunistischen Ideologie zwar „kontaminiert“, als Zugabe mit bürgerlichen Nationalismus „gesponsert“, und zwar so, dass die Eckpunkte und Koordinaten des traditionellen Geschichtsbildes weiterhin beibehalten wurden. Diese Konstanten bezogen sich auf das angebliche Streben „der Rumänen“ nach nationaler Einheit, in einem fortwährenden Kampf für Unabhängigkeit, Souveränität und Eigenständigkeit gegen äußere Bedrohung. Die Geschichte wurde als ein heroisierender Kampf des rumänischen Volkes, mit überladenem Faktenmaterial von der Steinzeit bis in die Gegenwart beschrieben. Die Kommunisten missbrauchten das im Volk vorherrschende, verklärte Verständnis der Geschichte zu kommunistisch-nationalistischen Propaganda- und Manipulationszwecken. Die unter Ceaușescu verfestigte kommunistisch-nationalistische Geschichtsschreibung wurde nach dem Umbruch lediglich von ihren kommunistischen Komponenten bereinigt, besaß ansonsten aber weiterhin Gültigkeit. Historiker, die sich im Kommunismus mit Zeitgeschichte befasst hatten, bereinigten ihre Arbeiten von „ideologischen Zipfeln“, dem Lippenbekenntnis zur Partei, ohne sonst wesentliche inhaltliche Änderungen vorzunehmen. Es gab viel Streit um den Inhalt der Geschichtsbücher und die neue Ausstattung der Museen.
Im Falle Rumäniens kam die Entkoppelung der Geschichte vom Kommunismus auch bei der größten Architektur-Hinterlassenschaft der 1980er Jahre zum Ausdruck, bei Ceaușescus „Haus des Volkes“, dem heutigen Palast des Parlaments. In der Presse wurde eine breite Diskussion über den Kunstwert und die Nutzung des Palastes geführt. Schließlich kam man zum Schluss, das Gebäude sei eine Meisterleistung rumänischer Ingenieurs- und Architektenkunst, es sei vom ganzen Volk finanziert, von vielen hochqualifizierten Arbeitern errichtet worden und dabei sei Material aus allen Provinzen des Landes verbaut worden. Das Gebäude sei somit ein Kunstwerk, auf das jeder Rumänen stolz sein könnte.
Auch bei einer Reihe von kommunistischen Denkmälern, vor allem Statuen, befand man, es handle sich um rumänische Kunstwerke, die nicht zerstört werden sollten.
Was dem Umsturz von 1989 betrifft, wurde lange darüber gestritten, ob es eine Revolution oder ein Staatsstreich war, ob unter dem Regime von Ion Iliescus die Revolution „unvollendet“ geblieben und teilweise „gestohlen“ worden sei. Es erfolgte 1989 zwar eine Entkopplung vom Ceaușescu-Kult und der kommunistischen Sicht, es blieb aber noch vieles vom Alten erhalten, oder wurde nur leicht umgeformt, so die Schilderung der Ereignisse vom 23. August 1944. „Der Umbruch von 1989 forderte in Rumänien“, so der Verfasser Martin Jung, „keine Neudefinition der Geschichte, der eigenen Identität und des Selbstverständnisses und eine veränderte Sichtweise heraus. Die rumänische Nation blieb als verbindendes Element zur kommunistischen Zeit als positiver Wert- und Bezugspunkt, der nicht in Frage gestellt wurde.“ Dem kommunistischen Regime wurde andererseits verbal eine klare Absage erteilt, es wurde als antirumänisches, importiertes Produkt gewertet, das 45 Jahre den sowjetischen Interessen gedient habe und von der Securitate geschützt wurde. Der Kommunismus und die Securitate hätten einen erbarmungslosen Krieg gegen das eigene Volk geführt.
Zu den untersuchten Schwerpunkten der Arbeit zählen die volksfeindliche Tätigkeit der Securitate, die Stellung Rumäniens zum Holocaust und seine Teilnahme am antisowjetischen Krieg. Man versucht dabei Rumänien als unschuldiges Opfer fremder Mächte darzustellen. Der Holocaust soll Rumänien von Nazi-Deutschland aufgezwungen worden sein und seine Kriegsteilnahme an der Seite Deutschlands die Möglichkeit geboten haben, die verlorenen Gebiete (Bessarabien, Nordbukowina, Nordsiebenbürgen) zu befreien. Diese Einschätzung habe zum zeitweiligen Antonescu-Kult geführt, der diesen Krieg geführt hatte.
Der Holocaust wurde verleugnet. Erst jüngst ist unter dem Druck bei der Aufnahme Rumäniens in die NATO zugegeben worden, dass auch in Rumänien die Juden davon betroffen waren und es etwa 280 000 bis 300 000 jüdische Opfer gegeben hat.
Was die Rechtslage der nationalen Minderheiten betrifft, übernahm das kommunistische Regime die offizielle Version der Regierungen der Zwischenkriegszeit, wonach Rumänien ein demokratischer Staat war, in dem die nationalen Minderheiten gleichberechtigte Entfaltungsmöglichkeiten besaßen. Die wirkliche Behandlung der deutschen Minderheit und ihrer Geschichte in den Jahren der kommunistischen Diktatur wird nicht thematisiert. Bekannt ist indessen, dass die Rumäniendeutschen als angebliche Kollaborateure Hitler-Deutschlands nach dem 23. August 1944 kollektiv, ohne nach individuellen Vergehen zu fragen, verfolgt, interniert, deportiert und enteignet wurden. Ihre Existenz als rumänische Staatsbürger wurde zum Teil ganz ignoriert, ihre Geschichte entweder übergangen oder negativ beurteilt und ihre Kulturdenkmäler als rumänische Werke präsentiert. Das kommunistische Regime machte keinen Hehl daraus, dass es die Assimilation der nationalen Minderheiten und die Bildung einer rumänischen Einheitsnation verfolgte. Diesem Zweck diente die demagogisch propagierte „Verbrüderung“ der Rumänen mit den nationalen Minderheiten, in Wirklichkeit wurde ihre Assimilation verfolgt.
Die Geschichte Rumäniens wurde an den deutschen Schulen in rumänischer Sprache unterrichtet auf Grund von Einheitslehrbüchern, die die Geschichte der nationalen Minderheiten ignorierte. Die Bestrebungen der Siebenbürger Sachen zur Pflege und Erhalt ihrer nationalen Eigenart wurden als staatsfeindliche Haltung und Handlung verfolgt und in Einschüchterungsprozessen in den 1950er Jahre zum Teil mit lebenslänglichen Gefängnisstrafen geahndet. Diese minderheitenfeindliche Politik ist einer der Hauptgründe der Aussiedlung der Rumäniendeutschen in die Bundesrepublik Deutschland. Der kommunistische Umsturz von 1989 konnte den Entschluss, als Deutsche unter Deutschen zu leben, nicht stoppen.
Zur Erforschung und Neuwertung der Geschichte wurden im postkommunistischen Rumänien eine Reihe von zentralen Forschungseinrichtungen geschaffen. Im hier rezensierten Buch werden die Arbeiten folgender Stätten genannt: Nationalinstitut für das Studium des Totalitarismus, Gedenkstätte für die Opfer des Kommunismus, Memorial Sigeth, Nationalrat für die Erforschung des Securiate-Archivs, Internationale Kommission und Nationalinstitut „Elie Wiesel“ zur Erforschung des Holocaust in Rumänien, Institut der rumänischen Revolution von Dezember 1989, Institut zur Untersuchung der Verbrechen des Kommunismus in Rumänen, Präsidiale Kommission zur Analyse der kommunistischen Diktatur. Nach jahrlanger Zurückhaltung wurden die Archive der Securitate geöffnet.
Die Tabus über die Geschichte der nationalen Minderheiten wurden aufgehoben und ihre Geschichte ist zum Teil Unterrichtsfach, so in der 4. Klasse und auf Grund von freiwilliger Teilnahme an den Lyzeen. Dafür gibt es auch spezielle Lehrbücher.
Martin Jung zieht folgende Schlussbetrachtung zu seinen Ausführungen: Die Geschichtskultur Rumäniens wurde zwischen 1989 und 2009 maßgeblich von Akteuren geprägt, die im Kommunismus aufgewachsen waren und den Großteil ihres Lebens in dieser Zeit verbrachten. Diese Prägung trug als ein Aspekt unter anderen zu den vielfältigen Kontinuitäten zwischen der kommunistischen und postkommunistischen Zeit bei und verhinderte eine tiefgehende Auseinandersetzung mit der Ceaușescu-Zeit. Mittlerweile sorgt ein Generationswechsel in Rumänien bereits für Veränderungen auf dem Felde der Geschichtsschreibung. Die Grabenkämpfe, die seit dem Umbruch die Auseinandersetzung mit der Zeitgeschichte prägten, verlieren an Bedeutung. Damit erfolgt auch eine Versachlichung in den Debatten.

Dr. Michael Kroner

Martin Jung: In Freiheit. Die Auseinandersetzung mit Zeitgeschichte in Rumänien (1989 bis 2009), Forum Rumänien, Bd. 32, Frank & Timme Verlag, Berlin 2016, 510 Seiten, 59,80 Euro. ISBN: 978-3-7329-0258-3.

Schlagwörter: Rezension, Zeitgeschichte, Rumänien

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