1. Juni 2017

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Das Filmdebüt des Herrn Sigerus

Es gibt nicht mehr viele, die Emil Sigerus (1854-1947) noch „live“ erlebt haben. Eine neue DVD enthält Filmszenen, die den munteren Greis als fidelen Stummfilmprotagonisten inmitten eines Kinderreigens, beim Wandern im Heltauer „Paradies“ und bei einem Kirchgang in Stolzenburg zeigen. Nicht nur wegen dieser Szenen ist Karl Dennerts 20-minütiger Dokumentarfilm „Zu den Sachsen im schönen Siebenbürgen“ von 1928 eine kleine Sensation.
Dokumentarstreifen über Siebenbürgen aus den frühen Jahren des Films lassen sich an den Fingern einer Hand abzählen. Umso erfreulicher, dass jetzt der Renninger Diplomingenieur Erwin Kraus, 77, mit diesem Kulturfilm – so der alte Begriff – einen weiteren historischen Filmschatz als DVD herausbrachte. Es ist zugleich der älteste, den der gebürtige Kronstädter digitalisierte. Als er erwähnte, dass darauf auch Emil Sigerus zu sehen sei, war mein Interesse sofort geweckt.

Die Filmspule hatte noch sein Schwiegervater, der bekannte Agronom und Heimatforscher Kurt W. Stephani – vielen als Mitverfasser der Monographie „Marienburg im Burzenland“ ein Begriff – ausfindig gemacht. Mit jahrelangem Rechercheaufwand hatte dieser in den 1980ern bei Landesbildstellen und anderen einschlägigen Institutionen nach historischem 16-mm-Filmmaterial zu Siebenbürgen gefahndet und davon Super-8-Kopien (für seinen Heimprojektor) ziehen lassen. Bei Stummfilmen erstellte er sachkundige Kommentare und ließ seinen Schwiegersohn sogar eine zweite Tonspur für musikalische Untermalung anlegen. Natürlich sind die DVD-Kopien nicht in hochauflösender HD-Qualität. Alte Flimmerfilme (nach 8-mm-Kopien) elektronisch zu reinigen und zu stabilisieren, ist eine extrem zeit- und kostenaufwendige Profiarbeit, die Digitalisierung von Erwin Kraus kann sich dennoch sehen lassen. Stummfilmstar und landeskundiger Begleiter des ...Stummfilmstar und landeskundiger Begleiter des Operateurs: Emil Sigerus in Karl Dennerts Kulturfilm „Zu den Sachsen im schönen Siebenbürgen“ (1928). Hier ein Standbild aus Michelsberg. Und vor allem: Erst mit der Herausgabe der DVD-Reihe wurde man auf Stephanis bzw. Kraus’ gesammelte Filmschätze aufmerksam. Was freilich auch eine Flut von Korrespondenz zu Urheberfragen mit sich brachte, etwa mit dem Jonas-Verlag, der Kraus auch den Kontakt zur damals noch lebenden Hans-Retzlaff-Tochter Johanna vermittelte. Was ihm beispielsweise 2011 zunutze kam, als die Geschichtsredaktion des WDR wegen Ausschnitten aus dem Hans-Retzlaff-Film „Werktag und Fest der Siebenbürger Sachsen“ anklopfte, einem stark volkskundlich ausgerichteten Dokumentarfilm von Anfang der dreißiger Jahre.

Mit dem vorliegenden Film hat Erwin Kraus nun alle Super-8-Filme seines Schwiegervaters digitalisiert. Er trug noch die professionelle Filmdosenbeschriftung des Kopierlabors: „Titel: Zu den Sachsen im schönen Siebenbürgen. Super-8-Film, Magnetton-Randspur: Stereo, Bildfrequenz: 18 B./S., Herst.-Jahr: vor 1930, 100 m. Autor: Landesverein Sächsischer Heimatschutz [Dresden], Original war auf Gelatinebasis hergestellt“. Doch wer hatte den Film überhaupt gedreht? Ich erinnerte mich, im Siebenbürgisch-Deutschen Tageblatt (SDT) vom 4. August 1928 einen Bericht über den Dokumentarfilmer Karl Dennert gelesen zu haben, der sich in jenem Sommer zu Dreharbeiten in Großrumänien aufgehalten hatte. Der Meldung zufolge hatte der ehemalige Korvettenkapitän Anfang der zwanziger Jahre für die Ufa gearbeitet, war nun aber seit einigen Jahren selbstständig. In Rumänien drehe er jetzt aus eigener Initiative und auf eigene Kosten. Wie Dennert dem SDT verriet, hatte er zum Zeitpunkt seines Aufenthalts in Hermannstadt bereits 8000 m im Kasten. 1925 habe er als erster Deutscher den Kilimandscharo mit der Filmkamera bestiegen (der Ertrag dieser Exkursion war der UfA-Film „Zum Schneegipfel Afrikas“ – Anm. K.K.). Auch sei es ihm damals als ersten gelungen, Löwen in freier Wildbahn zu filmen. Ein frischer Wind durchweht auch die ...Ein frischer Wind durchweht auch die Farbaufnahmen Karl Dennerts, hier von Kronstädter Mädchen in neusächsischer Tracht. Die offensichtlich mit Agfacolor-Kornrasterplatten 9 x 12 cm aufgenommenen Bilder dürften die ersten gedruckten Farbaufnahmen mit siebenbürgischen Motiven sein (Velhagen & Klasings Monatshefte, 1933, S. 175) Überraschenderweise stellte sich ein Beitrag, den Karl Dennert im SDT vom 5.8.1928 veröffentlichte („Löwen vor der Filmkamera“), auch als biographisch aufschlussreich heraus, was auch darum von Interesse ist, weil über seine Vita nichts in Erfahrung zu bringen ist. Diesem zufolge habe sich beim Filmen in Deutsch-Ostafrika eine Löwin etwa ein halbe Minute lang fünf Schritte vor ihm und seinem Jägerfreund aufgebaut. Trotz „intensivster Nerven-Anspannung“ habe er weitergedreht, selbst als die 80 Meter Film zu Ende gewesen seien. „Das war mein größtes und schönstes Erlebnis, nicht nur im afrikanischen Busch und beim Film, sondern überhaupt. Und ich habe 27 Jahre lang auf dem blauen Wasser und in allen Weltteilen schon so viel Großes und Schönes erleben und schauen dürfen“, schließt Dennert seinen Reisebericht. In Hermannstadt dürfte er bereits gut über fünfzig gewesen sein.

Beim Betrachten der DVD wurde mir nicht zuletzt aufgrund der angeführten Drehorte klar, dass es sich um seine Aufnahmen von 1928 handelt. Merkwürdig dabei, dass gerade diese Filmbilder bei mir eine nahezu wundersame Wirkung auslösten. Menschen, die ich bislang nur von Schwarzweißfotos kannte, werden plötzlich lebendig und gehen ihren Beschäftigungen nach. Was zweifellos dem Einfühlungsvermögen des ­Kameramanns und seinem Gespür für typische Alltagsszenen geschuldet ist. Hier einige Zwischentitel mit Szenen vom Hermannstädter ­Wochenmarkt (die Urfassung war ja ein Stummfilm): Die Pilzfrau, Frische Blumen (Neppendorfer Landlerinnen beim Blumenverkauf, im Kommentar ist – unpassend zur Sequenz – von Zigeunerinnen und Rumäninnen die Rede), Zigeuner verkauft Holzlöffel, Frische Bratwürste (ein Glaser mit Rückentrage beim Bratwurstessen).

Doch Dennert verliert auch die Umgebung nie aus dem Auge. Nicht nur aus filmdramaturgischen Gründen lässt er seine Siebenbürgen-Reise im Rotenturmpass beginnen, damals noch wegen der Karpatenkämpfe in frischer Erinnerung. Anschließend geht es nach Hermannstadt mit seinen Altstadtwinkeln („eine echt deutsche Stadt“) und dem multiethnischen Markttagsgewimmel auf dem Großen Ring, ins „reiche Sachsendorf“ Heltau, das „malerische“ Michelsberg und zuletzt nach Stolzenburg mit seinen gewaltigen Ruinen, die von einem freundlichen Burghüter mit einem ebensolchen Hund „gehütet“ werden. In Heltau wird der innere Kirchhof mit seinem Wehrgang besichtigt, danach wird Emil Sigerus von einem robusten Herrn mit Oberlippenbärtchen (Kirchenkurator?) durch die berühmte, mit alten ­Sichelblättern beschlagene Tür geleitet (eine Richtigstellung: Sigerus war nie Lehrer am Brukenthalgymnasium). Wasserbüffel im Alt-Land und Bilder aus den „Siebenbürgener Bergen“, darunter der Bulea-Wasserfall, vervollständigen das siebenbürgische Panorama. Die Stolzenburger Kirchenväter beim „Heimgeleit“ ...Die Stolzenburger Kirchenväter beim „Heimgeleit“ von Pfarrer Dr. Julius Hann v. Hannenheim ins Pfarrhaus (1928). Der ältere Kirchenvater (Kurator) trägt das noch aus vorreformatorischer Zeit stammende Prozessionskreuz, der jüngere die Abendmahlskelche (Standbild aus dem Dennert-Film). Besonders eindrucksvoll die teils langen Einstellungen von einem Kirchgang in Stolzenburg mit seinen schönen Trachten. Einmal mehr sehen wir „unseren freundlichen Helfer“ Emil Sigerus mit Bortenmädchen angeregt plaudern, ebenso Pfarrfrau Marie Hann von Hannenheim geb. Bergleiter im modischen Ausgehkostüm im Zug der verheirateten Frauen. Wohl einmalig sind die Filmaufnahmen vom Brauch des „Heimgeleits“ in Stolzenburg, eine Prozession, bei welcher der Pfarrer von den Kirchenvätern, allen voran der Kurator mit dem berühmten gotischen Vortragekreuz, zum Gottesdienst und danach wieder zurück ins Pfarrhaus geleitet wird (Mitte der 1930er Jahre dem Brukenthalmuseum zur Aufbewahrung übergeben. Für die Osterfeiern mit dem „Oisterbegloit“ musste das Kreuz ausgeliehen werden, ehe das Depositum 1944 endgültig im Museumsdepot verschwand). Damit ist Dennerts Filmdokument von besonderem historischem Wert, weil der noch aus katholischer Zeit stammende Brauch wohl nicht ein weiteres Mal gefilmt wurde. Dass die Filmaufnahmen noch von 1928 stammen, wird auch dadurch bestätigt, dass Pfarrer Dr. Hannenheim 1929 in den Ruhestand ging (weitere, nicht nur schmeichelhafte Gottesdienst-Interna sind nachzulesen im Büchlein von Hannenheims Amtsvorgänger Johann Plattner Stolzenburg. Skizzen aus seiner Vergangenheit, 1907, S. 65-66).

Erst für jenen denkwürdigen Festgottesdienst vom 24. August 1980 beim Besuch des Leiters der Evangelischen Landeskirche des Rheinlandes, Präses D. Karl Immer, des Kölner Oberbürgermeisters u.a. wurde das wertvolle Kreuz erstmals wieder für einige Stunden ausgeliehen. Vielleicht wollte Bischof Albert Klein seinem Freund Dr. Immer und den anderen hohen Gästen etwas Besonderes bieten, zumal dieser seit seiner Jugend Siebenbürgen verbunden war. 1932 hatte er am Arbeitslager in Henndorf teilgenommen, Juli 1933 brachte er mit 16 weiteren Jugendlichen eine vom Evangelischen Jugendbund Deutscher Bibelkreise gespendete Gefallenengedenkglocke nach Ludwigsdorf bei Bistritz (filmisch festgehalten von Otto Kast im Reportagenfilm Großfahrt „Deutscher Jugenddienst in Siebenbürgen“) und in kommunistischer Zeit organisierte er erhebliche Geldmittel für die Restaurierung der Schwarzen Kirche. Näher an den Stolzenburger Bedürfnissen war die Evangelisch-Lutherische Kirche in Hamburg, deren Vertreter der Gemeinde 1985 ein Bronzekreuz als Ersatz für das alte Vortragekreuz stifteten.

1930 weilte Karl Dennert ein weiteres Mal in Rumänien. Monatelang bereiste er es mit seiner Kamera kreuz und quer, diesmal im Auftrag des Vereins für das Deutschtum im Ausland bzw. dessen Landesverband Sachsen-Anhalt, damals unter der „tatkräftigen und liebevollen Führung“ (Csaki) von Studienrat Dr. Schleicher. Kein Geringerer als der bereits erwähnte nachmalige Leiter des Deutschen Auslandsinstitutes Richard Csaki lobte den damals entstandenen VDA-Film Auf dieser Erde ist ein Land als „den ersten wahrhaft monumentalen, technisch vollendeten auslandsdeutschen Film“ (Ostland, Heft 1 u. 2, 1931, S. 32-33). Zu sehen sind darauf eine Hochzeit im Nösnerland, Bilder aus den siebenbürgischen Weinbergen, Michelsberg und sicher auch weitere Highlights. Leider gelang es mir bislang nicht, eine Kopie des Streifens aufzutreiben. Im Netz ist lediglich ein anderer Kulturfilm des umtriebigen Filmemachers erwähnt („Unter den Indianern Südamerikas“, 1930).

Kaum bekannt ist, dass Dennert um die gleiche Zeit auch Farbfotos von siebenbürgisch-sächsischen, banatschwäbischen und slowakischen Trachtengruppen aufnahm – die ersten siebenbürgischen dieser Art, die in Farbdruck erschienen. Kein geringerer als der bereits erwähnte nachmalige Leiter des Deutschen Auslandsinstitutes Richard Csaki schrieb dazu eine essayistische Betrachtung, die unter dem Titel „Deutsche Gegenwart in Siebenbürgen“ in Velhagen & Klasings Monatsheften erschien (8. Heft, April 1933, S. 169-175).

Ach ja, wirklich stumm ist der hier vorgestellte Film nicht. Bereits die Super-8-Kopie wurde musikalisch untermalt und mit einem sachkundigen Kommentar aus der Feder von Kurt Stephani unterlegt, gesprochen von dessen Enkelin Inge Kraus. Beim Retzlaff-Film war es noch Tochter Hannelore. Eine nicht nur medial sehr engagierte Familie.

Konrad Klein

Zu beziehen ist die neue DVD bei Erwin Kraus, Keltenstr. 28, 71272 Renningen, Telefon: (07159) 9483589, E-Mail: kraus-erwin@t-online.de. Preis: 12 Euro, zzgl. 1,80 € Versand. Ein Teil des Erlöses geht als Zustiftung an die Siebenbürgische Bibliothek Gundelsheim. Weitere lieferbare DVDs: 1. „Siebenbürger Sachsen“ (= Heinrich Zillichs Kulturfilme „Die Heimat der Siebenbürger Sachsen im Karpatenbogen“ und „Sitte und Brauch der Siebenbürger Sachsen“ von 1961, mit Schwarzweißmaterial von Hans Retzlaff aus den 1930er Jahren; Text: H. Zillich),
2. „Werktag und Fest der Siebenbürger Sachsen“ (1933 gedrehter Hans-Retzlaff-Film, Kommentar: Kurt Stephani),
3. „Kronstadt“, historische Fotografien der beiden bedeutendsten Kronstädter Fotografen Leopold Adler und Oskar Netoliczka (Fotos aus der Sammlung Gh. Corcodel im Landesarchiv Baden-Württemberg, mit Musikuntermalung, Laufzeit 34 Min.)

Schlagwörter: Dokumentarfilm, Film

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