25. August 2017

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Edith Ottschofskis Roman „Luftwurzeln“

Ein Schmelztiegel verschiedener Kulturen, Sprachen und Dialekte wie Temeswar bringt besondere Menschen hervor. Dieser biographische Hintergrund, kombiniert mit herausragendem Feingefühl für das geschriebene und gesprochene Wort, ergibt einen Menschen, in dessen Gedanken ein wahrer Sturm von Reimen, Rhythmen und Sprachen toben muss. Einen Menschen wie Edith Ottschofski.
Die gebürtige Temeswarerin lebt heute in Berlin und ist Autorin, Journalistin und Übersetzerin. Bisher hat sie Gedichte veröffentlicht, zuletzt 2010 den Lyrikband „der schaum der wörter“. Nun hat sie mit „Luftwurzeln“ ihren ersten Roman vorgelegt. Auch dieses neue Werk zeichnet sich aus durch ihren ganz eigenen Umgang mit Sprache: Nicht die Handlung steht im Vordergrund, sondern Klangfarben, Rhythmen, das Ausprobieren von Begriffen in verschiedenen Sprachen. Die Ich-Erzählerin Noe-Mi, wie die Autorin mit rumäniendeutschem Hintergrund, reist nach Rom. Ausgehend von den Erlebnissen bei dieser Reise, schildert sie Impressionen, Erinnerungen, Begegnungen. Dabei bleibt die Grenze zwischen im Außen Erlebtem und innerem Dialog verschiedener Persönlichkeitsanteile fließend.

In Noe-Mis Erzählen vermischen sich ganz selbstverständlich die Sprachen. Leser, die nicht gleichermaßen Deutsch, Rumänisch, Französisch und Italienisch beherrschen, müssen sich durch unzählige Fußnoten mit den jeweiligen Übersetzungen arbeiten. „Luftwurzeln“ ist ein Buch, das seiner Leserschaft Sprachverliebtheit und eine ganz eigene Herangehensweise abverlangt. Hier gilt es weniger, eine Handlung mitzuverfolgen, sondern vielmehr, sich auf das Spielen und Jonglieren mit der Sprache beziehungsweise mit verschiedenen Sprachen einzulassen – ein erzählendes Gedicht im XXL-Format also. Und wie auch in Ottschofkis Gedichten zeigt sich nicht nur die Begeisterung für die Ausdrucksmöglichkeiten von Sprache, sondern auch ein gewisses Misstrauen. Oft ist sich Noe-Mi nicht sicher, ob das Gesagte wirklich so gemeint ist oder ob sich nicht vielleicht eine weitere Botschaft darin versteckt. Sprache kann bei Ottschofski alles, sie kann zärtlich sein, aber auch grausam.

Doch trotz dieser vielfältigen Herangehensweise an die Ausdrucksmöglichkeiten von Erlebtem bleibt eine zentrale Frage unbeantwortet, nämlich die nach Heimat und Verwurzelung – was vielleicht die rumäniendeutschen Leser dieses Buches auf besondere Weise nachvollziehen können. Einer der Charaktere im Roman formuliert es so: „Ach, Sprache, meine stumme Braut, sag mir, wo ich zu Hause bin.“

Luise Frank




Edith Ottschofski: „Luftwurzeln“, Pop Verlag, Ludwigsburg, 2016, 276 Seiten, 16,90 Euro, ISBN 978-3-86356-137-6

Schlagwörter: Roman, Neuerscheinung, Besprechung, Ottschofski

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