2. Oktober 2018

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70 Jahre Künstlergilde: Festakt in Esslingen

Bei der 70-Jahr-Jubiläumsfeier der KünstlerGilde Mitte September in Esslingen am Neckar hielt die Germanistin Tina Stroheker die Festrede. „Gegründet wurde die Künstlergilde Esslingen hier als Selbsthilfeorganisation von Künstlern aus dem deutschen Osten nach Krieg und Vertreibung“, so die letztjährige Andreas-Gryphius-Preisträgerin der „KünstlerGilde“, wie der Verein sich jetzt nennt.
Tina Stroheker war viel im deutschen Osten auf den Spuren dortiger Dichter unterwegs und ist selbst eine erfolgreiche Lyrikerin. Die Kennerin ostdeutscher Literatur erläuterte im prächtigen Bürgersaal im Alten Rathaus zu Esslingen, die KünstlerGilde habe immer die drei Sparten Literatur, bildende Kunst und Musik vereint, in denen sie auch Preise verleiht. Die Gilde sei zwar einerseits ein „Club der toten Dichter“, so Stroheker, andererseits jedoch – trotz des Entzugs staatlicher finanzieller Förderung im Jahr 2000 – auch eine Vereinigung von lebenden, aktiven Kunstschaffenden. Die KünstlerGilde hat gegenwärtig etwa 370 Mitglieder, besonders bildende Künstler, Schriftsteller und Musiker, aber auch Wissenschaftler, darstellende Künstler, Publizisten und künstlerisch tätige Fotografen.

Die Festrednerin erinnerte an große Ereignisse in der Geschichte der Gilde mit Ausstellungen, Konzerten und Veranstaltungen mit prominenten Gästen wie dem Bukowina-Dichter Paul Celan, der 1954 aus Paris, oder dem Prager Schriftsteller Max Brod, der mehrmals aus Tel Aviv nach Esslingen angereist kam. Auch Preisverleihungen als „glanzvolle Events“ hätten die Geschichte der Gilde geprägt, wie die des Andreas-Gryphius-Preises für Literatur an Andrzej Szczypiorski im schlesischen Glogau 1995 und an Jiří Gruša 1996 auf der Prager Burg oder des Nikolaus-Lenau-Preises für Lyrik, der nach dem Banater Dichter benannt ist, an den Siebenbürger Sachsen Franz Hodjak in Temeschburg 1996. Bei der Preisverleihung, von links: Hansjürgen ...Bei der Preisverleihung, von links: Hansjürgen Gartner, der Esslinger Kulturamtsleiter Benedikt Stegmayer, Nikolaus-Lenau-Preisträgerin Dr. Helga Unger und Rainer Goldhahn. Fotos: Susanne Habel Den Lenau-Preis, der seit zehn Jahren von der Künstlergilde gemeinsam mit der Stadt Esslingen vergeben wird, überreichte Rainer Goldhahn, der Gildenfachgruppenleiter für Literatur, an die 1939 im mährischen Brünn geborene Lyrikerin Helga Unger. Zur Einführung las Goldhahn drei Gedichte von Nikolaus Lenau, der als Nikolaus Franz Niembsch Edler von Strehlenau 1802 in Tschadat (oder Lenauheim) im Banat geboren wurde und nach seiner Amerika-Reise und großen schriftstellerischen Erfolgen 1850 in Oberdöbling bei Wien in einem Pflegeheim starb.

Die lyrische Leistung der Lenau-Preisträgerin Helga Unger und besonders ihre letzte Anthologie „Tänzer wir auf dem Kraterrand“ (2017) würdigte der Germanistikprofessor Hans Unterreitmeier: „In ihren Gedichten hört man den Helga-Unger-Ton, der in dem scheinbar Nebensächlichsten oder dem scheinbar nicht mehr Lebendigen – das können Pflanzen oder Buchstaben sein oder auch Buchstaben neutestamentlicher Erzählungen – das Lebendige entdeckt“. Die Lenau-Preisträgerin habe sich als Mediävistin auch intensiv mit der Literatur des Spätmittelalters und der Frauenmystik beschäftigt, und dies auch neben ihrer jahrzehntelangen Tätigkeit im höheren bayerischen Bibliotheksdienst, so der Laudator. Professor Heinz Acker und Tim Lucas präsentieren ...Professor Heinz Acker und Tim Lucas präsentieren „Kalendersprüche“ von Sieglinde Bottesch. „Mit Nikolaus Lenau verbindet mich die Liebe zur Lyrik“, betonte Helga Unger in ihren Dankesworten. Ihre Bücher lagen im Bürgersaal aus, wie auch die Jubiläumsnummer der Zeitschrift „Die Künstler Gilde“. In dieser „Festschrift“ kommen auch der in Marienbad geborene Musiker Dietmar Gräf und der Siebenbürger Sachse Heinz Acker zu Wort, die bei der Feier den wunderbaren musikalischen Rahmen lieferten: Gräf hatte schon zur Begrüßung auf seiner Trompete „Andacht“ geschmettert, ein Trompetensolo von der rumänischen Stamitz-Preisträgerin der KünstlerGilde von 2012, Violeta Dinescu. Der 1942 in Hermannstadt geborene Musikprofessor Heinz Acker präsentierte als wohlklingendes Finale mit dem aus Siebenbürgen stammenden Jung-Tenor Tim Lucas selbstvertonte „Kalendersprüche“. Die Texte stammten von der 1938 in Hermannstadt geborenen Grafikerin und Lyrikerin Sieglinde Bottesch, einem weiteren Mitglied der KünstlerGilde.

Vor dem Festakt besichtigten die Gäste die Jubiläumsausstellung der Künstlergilde „20 x 20“ in ihrem derzeitigen Sitz am Hafenmarkt in Esslingen. Dort gab es unter 40 Werken auch je zwei Bilder der gebürtigen Temeschburger Ingo Glass und Johanna Obermüller sowie der Ungarndeutschen Manfred Karsch und Janos Wagner. Die Besucher konnten durch Punktevergabe ihre Lieblingsbilder unter den 20 mal 20 Zentimeter kleinen Bildchen auswählen und im Schaukasten die Skulptur des 1916 im mährischen Troppau geborenen Kunsthistorikers Ernst Schremmer bewundern, der die Gilde 1948 gründete und jahrzehntelang als Geschäftsführer leitete und vor 20 Jahren in Stuttgart starb.

Susanne Habel

Schlagwörter: Künstler, KünstlerGilde, Heinz Acker, Esslingen

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