8. November 2018

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Literatur als "sagbare Melange": Jahrestagung des Exil-P.E.N. in Frankfurt am Main

Unter dem Titel „Interkulturelle Literatur im Schmelztiegel der deutschen Sprache – Lebensweltliche Erfahrung und literarische Umsetzung in Werken von Autorinnen und Autoren, die in die Bundesrepublik Deutschland eingewandert sind“ tagte der Exil-P.E.N. deutschsprachiger Länder vom 26.-28. Oktober 2018 in Goethes Geburtsstadt Frankfurt am Main.
„Kultur als Melange“ war eine der Schlagzeilen, stammend von Konrad Köstlin, die der Präsident des Exil-P.E.N., Prof. Dr. Wolfgang Schlott anführte – in einem Input-Referat, wie das – sprachlich meliert – wohl heißen müsste. Neben Autoren, die aus den ehemaligen Sowjetrepubliken, Ostmitteleuropa und Südosteuropa vor den kommunistischen Regimen oder wegen antisemitischer Hetze geflohen waren, sind in dem Verein auch Schriftsteller aus dem Iran, Syrien, Vietnam und Togo vertreten, deren Verfolgungsgründe vielschichtig sind.

Eine ganze Gruppe von Autoren aus Rumänien zählt zu den Mitgliedern des Exil-P.E.N. Nicht wenige unter ihnen waren bei der diesjährigen Tagung dabei, darunter Ilse Hehn, Kira Jorgoveanu-Mantsu, Katharina Eismann, Iris Wolff, Hans Bergel, Horst Samson, Hellmut Seiler, Balthasar Waitz, Traian Pop und der Kulturmanager Erwin Ţigla. Teilnehmer der Jahrestagung des Exil-P.E.N. in ...Teilnehmer der Jahrestagung des Exil-P.E.N. in Frankfurt am Main am 27. Oktober 2018, jeweils von links nach rechts, erste Reihe: Thuy Hoang-Truong, Ilse Hehn, Ngo Nguyen Dung, Heidrun Hamersky, Herbert Somplatzki, Edita Koch, Hans Bergel, Tatjana Kutschewskaja, Shahla Agapour, Slavica Mastikosa; zweite Reihe: Wolfgang Schlott, Malgorzata Ploszewska, Barbara Zeizinger, Ursula Jetter, Horst Samson, Hellmut Seiler, Tamara Labas-Primorac, Balthasar Waitz, Aleksandar Jovanovic, Erwin Josef Ţigla, Zlata Ikanovic, Kira Jorgoveanu-Mantsu; dritte Reihe: unbekannt, Ljubiša Simić, Iris Wolff, Katharina Eismann, Marius Koity, Edith Ottschofski, Boris Schapiro, Hella Schapiro, Corneliu Dimovici, Nisveta Grabovac und Traian Pop. Foto: DFBB Bei einem Besuch der Frankfurter Allgemeinen Zeitung zum Auftakt der Tagung wurde von Hella und Boris Schapiro mehr Lyrik und von Ilse Hehn auch vielfältigere in der FAZ angemahnt. Nicht zuletzt, weil „die Lyrik das Unsagbare und Nicht-Wahrnehmbare ins Sagbare verwandelt“, so die diskurstheoretische Definition von Boris Schapiro. Abends referierte Edita Koch, die seit 37 Jahren die Zeitschrift Exil herausgibt, in der sie mit viel Eifer und Hingabe vergessene Autoren publiziert, die nach 1933 aus dem nationalsozialistischen Deutschland geflohen waren. Von Universitäten aus Deutschland und den USA abonniert, trägt sich die Zeitschrift bis heute. Edita Koch hofft allerdings auf eine jüngere Leserschaft. Sachkundig führte Präsident Schlott danach in die interkulturelle Tagungsthematik ein.

Anderntags begab man sich frühmorgens ins Goethe-Geburtshaus, um zu erfahren, dass dieses zerstört und wieder aufgebaut wurde und nur die Möbel im Originalzustand waren. Ljubiša Simić, serbischer Autor und Mitorganisator der Tagung in seiner Wahlheimatstadt, führte nicht nur durch das Dichterhaus, sondern auch anschließend durch das Stadtzentrum. Danach wurde die Tagung in den Stadtteil Bornheim verlegt, wo ein wahrhaftiger Lesemarathon begann, in Konkurrenz zum gerade stattfindenden Marathon in der Stadt, der nur von der Jahresversammlung unterbrochen wurde. Man stellte neue Bücher vor, las auch aus älteren solchen, neue Mitglieder wurden aufgenommen, darunter Marius Koity, Banater Dichter und jetzt Thüringer Journalist, und Johann Schuth, Chefredakteur der Budapester Wochenschrift Neue Zeitung. Die erste Leserunde, moderiert von Wolfgang Schlott, bestritt Alexej Makushinski mit einem Fragment aus seinem Roman, der nach Argentinien führte. In der zweiten Leserunde, moderiert von Horst Samson, präsentierte Kira Jorgoveanu-Mantsu Gedichte in Deutsch und in ihrer Muttersprache, Aromunisch. Sie läutete den Reigen fremdsprachlicher Melodien ein. Balthasar Waitz aus Temeswar amüsierte sein Publikum mit schelmischen Geschichten aus dem Banat; Edith Ottschofski stellte ihren Lyrikband vor, bevor Horst Samson kurzerhand noch zwei eigene Texte las. Gruppenfoto der Autoren und Autorinnen aus ...Gruppenfoto der Autoren und Autorinnen aus Rumänien vom letzten Tag der Jahrestagung des Exil-P.E.N. in Frankfurt am Main, 28. Oktober 2018, von links nach rechts: Erwin Josef Țigla, Horst Samson, Ilse Hehn, Marius Koity, Hans Bergel, Kira Jorgoveanu-Mantsu, Hellmut Seiler, Iris Wolff, Edith Ottschofski, Balthasar Waitz und Traian Pop. Foto: DFBB Der Lesereigen wurde vom „Gastgeber“ Ljubiša Simić fortgesetzt, der in seinem Gedicht die Dichotomie zwischen „hier“ und „dort“ zur Sprache brachte. Boris Schapiro hingegen schilderte bewegend die Verletzlichkeit durch Antisemitismus. Im Gegenzug brachte Herbert Somplatzki seine Versehrtheit zur Sprache, indem er Fluchterfahrungen aus den Masuren thematisierte, wo die direkte Frage: „Haben Sie auch jemanden unter dem Eis?“ fürchterliche Geschicke verbarg. Persische Klänge der Wahlberlinerin Künstlerin und Autorin Shala Agapour verzauberten dann die Runde, ihr Gedicht „Teheran-Berlin“ rezititierte sie auch auf Deutsch. Einen Hauch ostasiatischer Kultur verbreitete die Prosa von Ngo Nguyen Dung. Er war aus dem Vietnam zum Chemie-Studium nach Chemnitz gekommen.

Das eingefärbte Deutsch sollte auch die Abendlesung bestimmen, die von den lokalen serbischen Autoren bestritten wurde – übrigens in einem eigenen Frankfurter Literaturverein, „Die Sieben“, organisiert. Prosa und Lyrik wurden auf Serbisch und in deutscher Übersetzung verlesen, die leider noch nicht immer ausgefeilt war. Milorad Milenkovic las vier Gedichte. Ausdrücklich patriotisch verband Aleksandar Jovanovic das Schicksal in seinem Gedicht mit Serbien, ließ aber Raum für andere Interpretationen. Slavica Mastikosa, die zwischen Deutschland und Serbien pendelt, las ihr Romanvorwort, Zlata Ikanovic spürte dem Duft der Kindheit in ihrem gleichnamigen Prosastück nach, Ljubiša Simić trug ein Kindergedicht vor. Am bewegendsten hallte die litaneiartig wiederholte Frage aus Nisveta Grabovacs Prosastück „Zeiten der Unschuld“ nach, in dem eine serbisch-orthodoxe Schwiegermutter die Enkelin des Imams, die ihren Sohn geheiratet hatte, fragt: „Wo werdet ihr begraben Kinder? “ Und trotz gelebter Multikulturalität bleibt auch nach dem Tod kein Platz für die ewige Ruhe, der versöhnend wäre, nach dem Krieg der 1990er Jahre.

Charlotte Jugel-Olszewski machte mit ihrem Anagramm und dem an Ernst Jandl angelehnten Gedicht noch einen kleinen Ausflug ins Lautpoetische. Etwas außer der Reihe las zum Abschluss der aus Aserbaidschan stammende Autor Vougar Aslanov.

Am Sonntag wurde der Lesemarathon mit Ursula Jetters gerettetem Buch – vorgetragen von Hella Schapiro – fortgesetzt. Das war dem braunen bekrakelten Packpapier nachempfunden, auf dem ihr Vater ursprünglich seine Kriegserlebnisse notiert hatte. Tatjana Kuschtewskaja rückte erfreulicherweise die meist vergessenen Frauen hinter den großen Männern ins rechte Licht, und Traian Pop stellte Gedichte aus seinem neuen Band vor, darunter eines, das den Kronstädter Schriftstellerprozess 1959 thematisierte. Horst Samson sprach mit Moderatorin Ilse Hehn über den von Katharina Kilzer herausgegebenen Band von Ana Blandiana, dessen Gedichte er mitübersetzt hatte. Und Wolfgang Schlott nahm die Tagungsrunde in seiner Lyrik auf einen beschwingten Ausflug nach Irland mit. Schließlich besann man sich aber mit Hellmut Seilers Vortrag auf die frühe Lyrik von Goethe, um mit prometheischer Hybris: „Und dein nicht zu achten,/ Wie ich“, zum Ende zu kommen.

Und so war es in Zeiten der „Flüchlingskrisen“ und „Migrantenmärsche“ ein optimistisches Bild von einer beachtlich durchmischten Tagung, ein Kaleidoskop von mannigfach koloriertem Deutsch, eine „sagbare Melange“ aus vielfältigen Kulturen, die zeigte, wie bunt deutsche Literatur auch sein kann, und – selbst wenn sie nicht immer an das große Vorbild heranreichte – wie bereichernd anders!

Edith Ottschofski

Schlagwörter: Tagung, Literatur, Exil-P.E.N.

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