31. Dezember 2019

"Stille Sätze mit Pupille": Neue Collagen von Herta Müller

Etwa auf ein Dutzend Bücher ist die Sammlung der Collagen von Herta Müller mittlerweile angewachsen. Seit 2009 und der Atemschaukel hat die Nobelpreisträgerin keine Romane mehr veröffentlicht. Nun ist aber ein weiteres Collagen-Buch im Hanser Verlag erschienen, mit dem poetischen Titel „Im Heimweh ist ein blauer Saal“. Außerdem ist der Katalogband „Wo man nicht reden darf“ zu der Ausstellung von Herta Müller in Krakau ebenfalls veröffentlicht worden.
Erstaunlich oft ist im ersten Collagen-Band mit dezent grauen Seiten ohne Seitenzahlen über die Heimatthematik die Rede, oft auch im Negativen, über das „Heimwehgift“, das wie der Geruch einer toten Katze in der Luft hängt, über die Heimat als zärtlichem Gespenst, über das Land, das wie eine Klette am Verstand hängt, das einem ins Gesicht wächst, oder über das Fremdsein. Auf knappstem Raum zusammengefasst, klingt etwa ein Gedicht über das Fremdsein so: „beim Wolkenzählen war/ das Fremdsein so groß/ beim Kartoffelschälen klein/ und grenzenlos“. Dazu ist eine Frau mit Kaffeetasse im Bild, ein Mann ohne Gesicht und ein abgeschnittenes Paar Beine mit Stöckelschuhen; die Bildausschnitte widerspiegeln nicht den Text, aber sie beziehen sich interaktiv darauf und regen zum Nachdenken an. Herta Müller verlagert im Gedicht das Gefühl des Fremdseins ins Sinnliche, verbindet es mit den Wolken, den Träumen vielleicht, wobei die Wolken ins Bürokratische verlegt werden, sie werden inventarisiert. Und dann verbindet sie das Fremdsein subversiv mit der banalen Tätigkeit des Kartoffelschälens. Gerade bei dieser Tätigkeit, die einem ein Gefühl von Sicherheit und Geborgenheit vermitteln könnte, bricht das Fremdsein in seiner Grenzenlosigkeit aus.
Herta Müller schneidet ihre Wörter aus Zeitungen aus, ordnet sie in Schubladen und klebt sie dann auf einzelne Blätter zusammen mit Bildern auf. Im Vorwort „Das Echo im Kopf“ erzählt sie, wie es dazu kam und wie fasziniert sie ist von einzelnen Wörtern und deren Geschichte. Heute besitzt sie hunderttausende Wörter und dieser Überfluss stellt für sie das Gegenteil von Zensur dar.

Und tatsächlich entwickeln die Wörter in ihren Collagen eine besondere Strahlkraft, sei es in den Wortschöpfungen wie: „Aprikosenschalter“ oder „Fuchsbriefe“, sei es in der „wachsnasigen Zeit“, im „Seidenfrost“, im „Fruchtdurchsichtigen“ oder aber im „Koffertier“. Selbst der Zucker wird mit der Schuld verbunden im „Schuldzucker“. „Fremdbekannt“ scheinen diese, oder das Land kommt einem so vor, in dem man wohnt. Immer wieder überraschen surreale Bilder, etwa wenn der Sommer ein Büro hat, die Kaffeetasse mit Stroh gefüllt ist, die Wespe eine Drahthüfte hat, wenn die Sonne Milch trinkt, die Melone ein Zahnfleisch hat oder der Himmel mit der Zitrone jongliert. Herta Müller lädt den Leser in ihre Bilder- und Metaphernwelt ein, in der oft von Flucht, Angst und Fremdsein die Rede ist, was auch viel mit ihrer Autobiografie zu tun hat. Das Land, das dem lyrischen Ich davonläuft, besteht aus Milizmützen und Beton, das Vaterland ist ein Apfelkern zwischen Sichel und Stern, da denkt man selbstverständlich an Rumänien in der Zeit der Diktatur. So scheint dieser Gedichtband auch ein ganz persönlicher zu sein. Die Gefühle werden mit Bildern vom Schnee, vom Apfel- und Kirschkern oder der Zitrone verbunden, in Reime gegossen und oft surreal und spielerisch ins Gegenteil verkehrt, etwa wenn der Fehler beim Verlieren das Addieren heißt oder wenn man mit vierundneunzig Grassamen befreundet ist. In einem berührenden anderen Gedicht wird das Auswandern mit dem Taschenabstellen verglichen: „der Wind stellt seine/ Tasche in ein anderes Land“; und selbst der Tod wird in dieses Bild integriert: „der Tod [stellt] seine Tasche ins Leben“.

Die meist gereimten Gedichte klingen zuweilen wie Limericks, ohne sich streng an das Reimschema zu halten, manchmal hören sie mit einem letzten gereimten Halbvers fast in der Schwebe auf. Leicht und humorvoll kommen sie daher: „zeitweise kroch/ das schlüsselloch/ die tür hoch es war/ eine karierte Ameise“. Dass sich das lyrische Ich selber aufs Korn nehmen kann, beweist schon das Auftaktgedicht: „und in der ersten Person/ Singular wohnt der/ durchsichtige Narr,“. Auch die hölzerne Sprache der Bürokratie wird im Gedicht selber performativ ins Lächerliche gezogen: „Es gab stille Sätze mit/ Pupille und müde mit/ Kaderschmiede und die hölzernen/ Sätze fingen an mit/ einem Umgehungsplan“. Politisch wird Müllers Lyrik dadurch auch, doch ohne eine vordergründige Botschaft zu vermitteln, sie suggeriert sie eher subtil, etwa wenn ein Hasenfälscher ins Gesicht des Präsidenten kommt.

Sparsam geht die Autorin mit ihrem Wortmaterial um, jede Collage beschränkt sich auf ein einzelnes Blatt und steht für sich. Die Wörter erstrahlen darin in neuem Licht; Angst, Fremdsein und Heimweh werden plötzlich schwerelos und selbst der Tod passt in eine Tasche.

Edith Ottschofski

Herta Müller: Im Heimweh ist ein blauer Saal, Carl Hanser Verlag, München 2019, 128 Seiten, Preis: 22 Euro, ISBN-13: 9783446261754

Herta Müller: Wo man nicht reden darf, Carl Hanser Verlag, München 2019, 295 Seiten, Preis: 28 Euro, ISBN-13: 9783446265516

Schlagwörter: Herta Müller, Besprechung, Banat

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