8. März 2020

AKSL-Tagung in Landau zum Fürstentum Siebenbürgen im 17. Jahrhundert

„Das Fürstentum Siebenbürgen im 17. Jahrhundert im Kontext des Transottomanica-Beziehungsgeflechts“ lautete das Thema einer Tagung des Arbeitskreises für Siebenbürgische Landeskunde, die vom 5. bis 7. Oktober 2019 in Landau stattfand. Dass Siebenbürgen in weiten Teilen seiner Geschichte eine vernetzte und in überregionale Zusammenhänge eingebundene Region war, scheint unter Forschenden unstrittig. Insofern bietet sie einen geeigneten Anknüpfungspunkt, von ihr ausgehend transosmanische Verflechtungen aufzuzeigen. Im Zentrum stehe dabei – so Stefan Rohdewald (Gießen) – eine Trias aus Mensch, Wissen und Objekt, wodurch das Fürstentum mit dem Osmanischen Reich, Persien, Russland und Polen-Litauen verknüpft war.
Das erste Panel leitete MichalŁ Wasiucionek (Bukarest) ein. In seinem Vortrag erläuterte er an den Beispielen von Dubrovnik sowie der Moldau und der Walachei die Versuche osmanischer Einflussnahme auf lokale Eliten und wies daran unterschiedliche Strategien der Beeinflussung nach. Anschließend richtete Alexandr Osipian (Leipzig) den Blick auf das Fürstentum und auf die darin lebende und arbeitende armenische Bevölkerung. Als Handelnde und Professionelle standen sie in engem Kontakt zur siebenbürgischen Nobilität und gerieten so in Konflikt mit dem Bürgertum des Landes. Diesem Bürgertum wandte sich Julia Derzsi (Hermannstadt) zu. Sie stellte die ökonomischen Herausforderungen des sog. Langen Türkenkriegs für die siebenbürgischen Städte dar, weil neben die höheren Steuern zusätzliche Posten für Aufnahme und Bewirtung verschiedener Gesandtschaften und der Ausbau der Verteidigungsanlagen traten.

András Péter Szabó (Budapest) vertiefte diesen Einblick am Beispiel von Bistritz. Denn die Stadt stand in einem spannungsreichen Verhältnis zu den Fürsten durch konfessionelle Differenzen und deren Anspruch, von der Stadt beherbergt zu werden, was mit der Anschaffung einer größeren Menge an Luxusgütern verbunden war.

Vom siebenbürgisch-sächsischen Kontext aus richtete Taisiya Leber (Mainz) den Blick auf die orthodoxe Konfessionsbildung und die Rolle des Buchdrucks. Während in Polen-Litauen die polemische Abgrenzung sowohl gegen die protestantischen als auch gegen die römisch-katholischen Positionen erfolgte, blieb eine solche in Siebenbürgen aus. Mit einem Beitrag zur konfessionellen Gemeinschaft der Habaner beschloss Robert Born (Leipzig) das Panel. An ihrer Vertreibung aus den Böhmen nach 1621 und der Ansiedlung in Siebenbürgen stellte Born den Transfer von technologischem Wissen dar. Dadurch war die Gemeinschaft in der Lage, ihren Bestand ökonomisch abzusichern.

Sándor Papp (Szeged) eröffnete das zweite Panel der Tagung und veranschaulichte am Beispiel Johann Zápolyas (1487-1540) die Einflussnahme des Sultans auf die Situation in Ungarn und Siebenbürgen. Er erläuterte, ob im Fürstentum eine freie Fürstenwahl stattfand und welche Rolle eine osmanische Urkunde bei dieser Deutung spielte.

Gábor Kármán (Budapest) führte die Tagung nach Istanbul und widerlegte die Annahme, dass sich das Haus der siebenbürgischen Gesandtschaft (Erdel Sarayı), nur deswegen im Istanbuler Balat-Viertel befinde, weil die Hohe Pforte dieses nicht als autonomen Staat, sondern als Teil des osmanischen Herrschaftsgebietes ansah. Den Vortrag rundete Kármán mit einem Bericht über die aktuellen Untersuchungen zum Gebäude ab.

Sich dem Fürstentum zuwendend, wies Zsuzsanna Cziráki (Szeged / Wien) die Einflussnahme Siebenbürger Sachsen auf die Hohe Pforte am Beispiel der Stadt Kronstadt nach – sowohl an der Beeinflussung der Fürstenbestätigung in Istanbul als auch an dem Vorgehen des Kronstädter Magistrats bei dessen Geschenkpraxis im Besuchsfall.

Auf Basis der Zolleinnahmen der Städte stellte Mária Pakucs (Bukarest) einen Rückgang des Gewürzhandels und eine Zunahme des Stoffhandels infolge der veränderten Situation als osmanischer Tributärstaat fest. Daraus ergab sich ein Abstieg des siebenbürgisch sächsischen Handels und dessen Substitution durch aromunische Händler.

Am Beispiel des Siebenbürger Sachsen Martin Hauptmann beschloss Zsófia Szirtes (Budapest) das zweite Panel. Daran stellte sie gemeinsame Interessen von Teilen des siebenbürgischen Adels um Imre Thököly (1657–1705) und der Hohen Pforte dar.

Um die Bedeutung religiöser Gemeinschaften im transosmanischen Kontext drehte sich das dritte Panel, wobei zunächst Martin Armgart (Landau) auf Basis der Synodalprotokolle des 17. Jahrhunderts der sächsischen Superintendentur die Aufgaben der ihr zugehörigen Pfarrer in den Außenbeziehungen des Fürstentums exemplifizierte.

Die Haltung der Antitrinitarischen Konfession zwischen Habsburg und der Hohen Pforte erläuterte Edith Szegedi (Klausenburg / Kolozsvár). An Stephan Báthory (1533–1586) und Gáspár Bekes (1520-1579) zeigte sie, dass ein Katholik pro-osmanisch, ein Antitrinitarier hingegen pro-habsburgisch gesinnt sein konnte.

Die theologische Evaluation der Osmanen in der Superintendentur der Siebenbürger Sachsen präsentierte Ulrich Wien (Landau). Im Gegensatz zum 16. Jahrhundert konnten die Geistlichen des 17. Jahrhunderts die Herrschaft der Osmanen trotz allem auch als Gottes Werkzeug zur Erneuerung der Kirche interpretieren.

Diese Sicht ergänzte Astrid von Schlachta (Regensburg) mit der Theologie der mährischen Täufer. Für diese fungierte die Gefahr durch das Osmanische Reich als fester Referenzpunkt des eigenen Glaubens und wurde als Beweis der nahen Endzeit gewertet.

Eine letzte Perspektive brachte Stephan Rohdewalds (Gießen) Blick auf den zum sunnitischen Islam Konvertierten Klausenburger Ibrahim Müteferrika ein. Dieser kann in seiner Konversionsschrift (Risale-i Islamiyye) auch auf transreligiöser Ebene als ein wichtiges Beispiel der Verbreitung frühneuzeitlicher Praktiken durch wenige, vermittelnde Akteure im transosmanischen Zusammenhang gelten.

Die Tagung beschlossen Anja Kregeloh und Stephanie Armer (Nürnberg) mit einem Beitrag aus dem Forschungsprojekt des Germanischen Nationalmuseums. Anhand von Teppichen der Bistritzer Stadtpfarrkirche warfen sie die Frage auf, wie und ob mit dem An- und Verkauf dieser Teppiche auch deren kulturelle Dimension, etwa als Imitation einer Gebetsnische einer Moschee, vermittelt wurde. Da es sich aber meist um für den Fernhandel produzierte Waren handelte, stellten die beiden Referentinnen ein solches Wissen infrage.

Was bleibt von einer solchen Tagung? Mit Sicherheit die Einsicht, dass die transosmanische Perspektive, die sich besonders das DFG-Schwerpunktprogramm 1981 in seinen Titel eingeschrieben hat, auch für Forschende aus dem Fürstentum Siebenbürgen eine lohende sein kann. Die zahlreichen Netzwerke, die die einzelnen Beiträge auf je eigene Weise ausgeleuchtet haben, weisen darauf hin, dass sich durch den Blick auf translokale Gefüge ein weiterer Aspekt menschlichen Zusammenlebens historisch plausibilisieren lässt: das Eingebunden-Sein in weitere Kontexte.

Frank Krauss

Schlagwörter: AKSL, Tagung, Landau, Geschichte, Fürstentum, Siebenbürgen

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