12. Mai 2020

Studienband zum 80. Geburtstag Joachim Wittstocks

Drei Germanisten und Wissenschaftspublizisten haben mit Unterstützung des Donauschwäbischen Instituts einen Studienband mit Beiträgen von Wegbegleitern, Forschern und Berufskollegen als Ehrengabe für den am 28. August 1939 geborenen Jubilar herausgebracht, der Person, Werk und Bedeutung des Schriftstellers beleuchtet.
Die genannten Themenkreise sind in drei Abteilungen gegliedert und umfassen 21 Beiträge. Im ersten Teil „Zur Person – Porträts und Erinnerungen“ schildern die in der deutschen und rumäniendeutschen Literatur- und Wissenschaftspublizistik bekannten Autoren Nora Iuga, Wulf Kirsten, Alexander Ritter, Walter Engel, Horst Samson, Hellmut Seiler und Carmen Elisabeth Puchianu Begegnungen und Gespräche mit Joachim Wittstock im Laufe mehrerer Jahrzehnte, beginnend mit den frühen 1970er Jahren in Rumänien bis in die jüngste Gegenwart. Die unterschiedlichen Zeitpunkte ihrer Begegnungen werfen Schlaglichter auf unterschiedliche Phasen politischer, sozialer und vor allem literarischer Entwicklungen während der Ceauşescu-Diktatur in der rumäniendeutschen Literaturszene, die ihre Widerspiegelung im Werk des Schriftstellers gefunden haben und finden.

Die Erinnerungen gehen oft von Wittstocks Habitus und Gestus aus, verbinden diese auch mit stilistischen Eigenheiten seiner Werke und gleichen zuweilen kleinen Charakterstudien. Als hochgewachsener, schlanker, vornehm wirkender, zurückhaltend höflicher, freundlicher, hilfsbereiter und „spendabler“ Mann wird er gezeichnet. Als „Gentleman der erlesenen Kategorie“ wirkt er bei Begegnungen, an eine „konspirative“ erinnert sich Wulf Kirsten (Weimar) in Zeiten allgegenwärtiger Bespitzelung. Einstimmig werden die umfassende Bildung, sein Wissen, die genaue dokumentarische Recherche geschätzt, die Schilderungen, die in weit zurückliegende Historie führen, mit der der Schriftsteller gegenwärtige Verhältnisse unterlegt. „Poeta doctus“ nennt ihn Walter Engel, Nora Iuga, die mehrere seiner Werke ins Rumänische übersetzt hat, „einen tanzenden Philosophen“ und großen Phantasten, als siebenbürgischer Chronist, als bodenständig und zugleich weltoffen wird er bezeichnet.

Die zweite Abteilung des Bandes „Zum Werk – literarhistorische Darstellungen und Analysen“ enthält Beiträge von neun deutschen, rumäniendeutschen und rumänischen Wissenschaftlern. Exemplarisch untersuchen sie mittels unterschiedlicher Methoden und interpretatorischer Herangehensweisen „die Machart“ Wittstock‘scher Werke, ob anhand kürzerer Erzähltexte oder seiner beiden Romane. Auf seine „Erzählgedichte“ gehen die Beiträger bloß am Rande ein. Einhellig unterstreichen sie die hoch komplexe und konzentrierte Arbeitsweise des Schriftstellers, bestimmen seinen Standort und Stellenwert innerhalb der Regionalliteratur oder größerer postmoderner Kunstrichtungen. Von „Dokufiktion“ spricht Carmen E. Puchianu (Kronstadt), „rhizomatisch“ nennt Olivia Spiridon (Tübingen) Wittstocks Gestaltungsweise am Beispiel der Erzählung „Honterus“, in die die gesamte Kulturgeschichte Siebenbürgens und Europas einfließe. Mit dem ursprünglich aus der Botanik stammenden und in die Literaturwissenschaft übertragenen Begriff interpretiert Spiridon die künstlerische Auseinandersetzung des Autors mit Geschichte und Gegenwart durch die Projektion auf eine rhizomatische Textstruktur, bei der beispielsweise über einer bereits verkümmerten Hauptwurzel „die Vielheit und das Geflecht der Luftwurzeln“ den Reiz darstelle. Matthias Bauer (Flensburg) weist anhand von zwei Erzählungen nach, dass das Hinüberwechseln von der Lebenswelt in die Welt der Dichtung als selbstreflexive Operation eine „dezente Magie“ bewirke trotz konsequenter Selbstdistanzierung und scheinbarer Historisierung. Ergebnisse einer eingehenden Analyse der Erzählung „Herr Gryphius und der gefangene Dichter. Phantasie über den geringen Beistand“ (1994) von Markus Fischer (Bukarest) führen zu einem ähnlichen Ergebnis, wenn er die Barockfiktion als verschlüsselten Gegenwartskommentar zum Kronstädter Schriftstellerprozess von 1959 mit der Erzählung „Das Treffen in Telgte“ von Günter Grass vergleicht. Dumitru Chioara (Hermannstadt) untersucht in der Erzählung „Peter Gottliebs merkwürdige Reise“ Anspielungen auf Chamissos „Peter Schlemihls wundersame Geschichte“. Als „subtil gewebtes Gefüge“ historisch belegbarer Ereignisse und Personen mit Elementen literarischer Fiktion bezeichnen Sunhild Galter (Hermannstadt), als „Fiktionalisierung des Faktischen“ Graziella Predoiu (Temeswar) Wittstocks Gestaltungsprinzip. Einem anderen, dem musikalischen Strukturierungsprinzip im Roman geht Ioana Craciun (Bukarest) nach und untersucht Wittstocks Sprachkunst. Auf die Bedeutung der Rekonstruktion des historisch-kulturellen Ursprungskontextes bei Werken des Autors weist Maria Sass (Hermannstadt) hin.

Ausgangspunkt und Inspirationsquelle der meisten Werke Wittstocks ist die Geschichte der „Heimat“, jenes Raumes, den der Autor am besten kennt. Bei gleichzeitiger Selbsterkundung, „Er-Innerung“ und trotz archaisch wirkender Lexik bleibt „Siebenbürgen als deutschsprachige Region in Zeiten drohender Vergessenheit präsent im kollektiven Gedächtnis“ und „siebenbürgische Regionalliteratur genuiner Bestandteil der gesamten deutschsprachigen Literatur“, behautet Jürgen Lehmann (Freiburg). „Heimat als Stellvertreterin Europas und der übrigen Kontinente“ sei nicht zu unterschätzen, schreibt Matthias Bauer in seiner Interpretation zweier Erzählungen. Hinter aller scheinbaren Historisierung finden die Wissenschaftler chiffrierte politische Botschaften in den Texten, verhaltenen Nonkonformismus durch deutliche Absetzbewegung zum Konventionellen. Insgesamt ergeben die Beiträge das Bild eines solitären Schriftstellers, der seit rund 60 Jahren unverrückt seinen Platz in der angestammten Heimat behauptet, ohne ein „Heimatschriftsteller“ geworden zu sein.

Die dritte Abteilung des Bandes „Zum Umfeld – biografische und weitläufige Zusammenhänge“ enthält fünf Beiträge. Der Literaturhistoriker Stefan Sienerth (Pfaffenhofen a. d. Ilm), der seit der Einrichtung der rumänischen „Gauck“-Behörde (CNSAS) die über rumäniendeutsche Autoren und Kulturschaffende angelegten Securitate-Akten durchforstet und drüber bereits mehrere Arbeiten in Studienbänden sowie Artikel veröffentlicht hat, berichtet aus der Akte des Schriftsteller-Vaters Erwin Wittstock, die über tausend Seiten enthält. Sienerths Vermutung, dass der politische Druck auf den Vater bei der Sozialisation des Sohnes eine Rolle gespielt habe, dürfte begründet sein. Eine „Ehrengabe“ für den Jubilar liefert auch der Literaturwissenschaftler Peter Motzan (Augsburg) mit seiner erweiterten Laudatio auf die mit dem Siebenbürgisch-Sächsischen Kulturpreis 2018 ausgezeichneten Germanisten Michael Markel und Horst Schuller, wobei er Joachim Wittstock als Dritten im geistigen Bunde feiert. Drei weitere Beiträge mit weitläufigen Bezügen zu Wittstock stammen von Sigurd Paul Scheichl (Innsbruck) und Volker Hoffmann (München). Da der mit Kronstadt verbundene Joachim Wittstock auch mehrfach als Übersetzer hervorgetreten ist, ist diesem dritten Teil ein von Horst Schuller erstellter Ausschnitt aus dem Übersetzerlexikon mit zehn Kronstädter Übersetzern aus dem Rumänischen und Ungarischen beigegeben.

Die drei Herausgeber haben eine niveauvolle, interessante Aufsatzsammlung zusammengestellt, die nicht nur den Jubilar ehrt, sondern auch Exegeten und potentiellen Lesern seiner Werke vielfältige Anregungen bieten kann.

Gudrun Schuster

„Rumäniendeutsche Seinszusammenhänge und weitläufigere Bezüge“. Literarische Kommunikation in der deutschsprachigen Literatur Rumäniens – das Fallbeispiel Joachim Wittstock. Herausgegeben von Maria Sass, Stefan Sienerth, Olivia Spiridon. Verlag Peter Lang, Berlin, 2019, 298 Seiten, 77,95 Euro, ISBN 978-3-631-80368-4.

Schlagwörter: Rezension, Literaturkritik, Wittstock, Stefan Sienerth

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