31. Juli 2020

Ein Siebenbürgen-Roman der Extraklasse

Autorin, Journalistin, Bloggerin Moderatorin. Alles künstlerische und kreative Berufe, die einen fordern, aber auch erfreuen, Spaß machen und manchmal auch innehalten lassen. Schon während ihres Studiums hat Ruth Eder als Autorin gearbeitet. Das Schreiben war also schon länger einer ihrer Wegbegleiter. Ihr erster Roman, „Die Glocken von Kronstadt“, der zum ersten Mal 1991 erschien, wurde nun bei Frank & Timme in Berlin neu aufgelegt.
Schlägt man den Roman auf, fällt dem Leser folgendes Zitat ins Auge: „Für meine Tochter Martyna und meine Großeltern“. Die Widmung zeigt an, dass die Familiensaga auf Anfrage ihrer Tochter Martyna entstanden ist, die ihre Wurzeln kennen lernen wollte. Ruth Eder ist in Deutschland geboren und aufgewachsen, hat aber siebenbürgische Wurzeln. Ihr Roman ist eine Hommage an ihre Großmütter Ida und Malvine. Zwei Frauen, die unterschiedlicher nicht sein können, aber eine große Stärke besitzen. Sie sind die Hauptprotagonisten im Roman, erleben beide Weltkriege, überleben ihre Männer und wandern nach Deutschland aus.

Der Einstieg in den Roman ist ungewöhnlich! Er beginnt mit der Beschreibung der Natur, des Frühlings, in Weidenbach bei Kronstadt. Natur- und Ortsbeschreibungen finden immer wieder Anwendung im Roman. Sie gehören zum Handwerk eines Schriftstellers und verleihen dem Werk Intensität und nehmen den Leser so wunderbar auf die Reise mit, dass er manchmal meint, mitten drin zu stehen.

Die Autorin ist chronologisch vorgegangen, hat den Roman in zwanzig Kapitel aufgeteilt, deren Titel immer eine Ortschaft und die entsprechende Jahreszahl ist. Eder packt fünfundvierzig Jahre in diesen Roman. Der Zerfall des Habsburger Reichs, zwei Weltkriege und die Flucht sowie Auswanderung nach Deutschland im Jahre 1958. Es ist das Leben und Geschehen einer Familie, generationenübergreifend! Und stellvertretend für so manche siebenbürgische Familie. Eder hat für diesen Roman eine intensive Recherche-Reise betrieben, die über ein Jahr gedauert hat, was der Leser deutlich merkt. Um eine Vielzahl von Informationen in einen Roman zu packen, die sich über vier Jahrzehnte erstrecken, braucht man diese Zeit, wenn nicht sogar mehr.

Der Erzählton der ersten Kapitel ist unterschiedlich. Mal ist er schwerer, dann wieder etwas leichter, mal recht holprig und abgehackt. Er hängt mit den Personen Ida und Malvine zusammen, die sehr unterschiedliche Neigungen und Talente haben. Die Spannung wird allmählich im Roman aufgebaut. Flüssiger wird die Erzählweise erst ab Kapitel sechs. Eine gute Dramaturgie, die anhand von lebendigen gefühlvollen Dialogen einige Protagonisten charakterisiert. Andere wiederum erhalten eine ganz normale Charakteristik, sowohl das Äußere als auch das Innere der Personen. Manchmal ist die Dramaturgie aber auch sehr gefühlvoll, emotional und dezent erotisch, etwa im Kapitel 8.

Die Personen entwickeln sich, werden älter, haben Kinder und Enkel. Und das macht es schwer, der Familienbande zu folgen. Der Leser läuft Gefahr, sich zu verheddern. Obwohl es sehr überzeugende Charaktere gibt, mit all ihren Schwächen und Stärken. Ob es nun der Maler Johannes Greysing ist, der keinen bürgerlichen Beruf hat (Kapitel 4), oder Karl Held der Schauspieler (Kapitel 17), beide erfüllen nicht die Erwartungen ihrer Väter. Beide tanzen aus der Reihe, sind anders, sensibler, verschlossener, manchmal auch entrückt von dieser Welt. „Die Glocken von Kronstadt“ ist ein Titel, der sich erst gegen Ende des Romans erklärt. Allmählich setzen sich alle Puzzleteile zusammen und es ergibt sich ein großes Familienbild, ein Familienstammbaum.

Auch die Deportation der Siebenbürger Sachsen findet hier einen Platz. Dieses traurige und ungerechte Kapitel in der Geschichte der Siebenbürger Sachsen darf im Roman nicht fehlen. Ebenso wenig die Sage von Kronstadt. Hier erfährt der Leser, wie Kronstadt entstanden ist und woher der Name kommt.

Ein Siebenbürgen-Roman, heißt es im Untertitel. Zu recht. Denn alles, was einen Siebenbürgen-Roman ausmacht, hat er. Die wundervolle, einmalige und fast magische Natur, die Sitten und Bräuche der Siebenbürger Sachsen, welche eine große Rolle spielen. Ja sogar die kulinarische Kultur ist vertreten. Auch weil Eder die Geschichte der Siebenbürger Sachsen als Hintergrund genommen hat. Es ist die Heimat ihrer Großeltern, es sind also auch ihre Wurzeln. Siebenbürgen-Roman auch weil Siebenbürgen schon immer ein Vielvölkerstaat war. Auf den Seiten 176-177 schreibt die Autorin in Kapitel 8 „Kronstadt 1929“: „Siebenbürger Sachsen, Szekler und Ungarn leben friedlich nebeneinander, jeder durfte seine Religion und Kultur pflegen. Man respektierte sich und sprach gelegentlich höflich miteinander.“

Der Roman „Die Glocken von Kronstadt“ ist aktueller denn je. Denn Flucht, Vertreibung, Krieg und Familienzusammenführung erleben wir im 21. Jahrhundert wieder hautnah mit. Der Roman ist interessant, wissenswert, gut zu verstehen und mit Spannung aufgebaut. Er fesselt nicht, er macht neugierig. In manchen Kapiteln möchte man unentwegt weiterlesen, in anderen wiederum erkennt man sich oder die eigene Familie wieder. Es ist ein Buch, das in jedem siebenbürgischen Haushalt zu finden sein sollte.

Malwine Markel

Ruth Eder: Die Glocken von Kronstadt, Ein Siebenbürgen-Roman, Edition Noack & Block, Berlin, 2020, 394 Seiten, gebunden, 16,80 Euro (als eBook 4,99 Euro), ISBN 978-3-86813-092-8

Schlagwörter: Rezension, Roman, Kronstadt, Ruth Eder

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