12. September 2020

Ausstellung über Siebenbürger Sachsen in sowjetischen Arbeitslagern in Dinkelsbühl eröffnet

Wenn auch der Kulturbetrieb in Deutschland in weiten Teilen ruht, so ist doch der Besuch von Ausstellungen und Museen vielerorts wieder möglich. In Dinkelsbühl konnte am 5. September sogar eine Vernissage stattfinden. Noch bis zum 4. Oktober beleuchtet die Ausstellung „Skoro damoi! Hoffnung und Verzweiflung. Siebenbürger Sachsen in sowjetischen Arbeitslagern 1945-1949“ eines der schwersten Kapitel der Geschichte der Siebenbürger Sachsen.
Dass die Ausstellung mit Publikum eröffnet werden konnte, ist der Existenz der Freilichtbühne des Landestheaters zu verdanken, wo selbst bei 50 Besuchern die nötigen Abstände problemlos gewahrt werden. Begrüßt wurden die Anwesenden von Ute Heiß vom Haus der Geschichte Dinkelsbühl, die ihrer großen Freude Ausdruck verlieh, dass die Ausstellung dieses Jahr doch noch stattfinden konnte. Sie dankte den Musikern Lars Groeneveld (Klarinette) und Fred Munker (Akkordeon) für die musikalische Umrahmung der Veranstaltung. Mit Stücken von Victor Young und Astor Piazolla trafen sie auf eindrucksvolle und gefühlvolle Art genau den richtigen Ton, sie ließen Hoffnung und Verzweiflung musikalisch greifbar werden.

Rainer Lehni, der Bundesvorsitzende des Verbandes der Siebenbürger Sachsen in Deutschland, unterstrich in seinem Grußwort die Bedeutung, die die Russlanddeportation für die siebenbürgisch-sächsische Gemeinschaft hatte. Er erachtet die Erinnerung an diesen Schicksalsschlag als äußert wichtig, weshalb er der Stadt Dinkelsbühl, dem Haus der Geschichte, Dr. Irmgard Sedler, dem Siebenbürgischen Museum, der Kulturreferentin des Verbandes sowie der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien ganz herzlichen dankte, bevor er Frau Sedler das Mikrophon für einige einleitende Worte überließ.

Imgard Sedler ist es, die die Ausstellung in monatelanger, intensiver Arbeit erstellt hat. Zurückgreifen kann sie dabei auf ihre Vorarbeiten aus den 1980er und 1990er Jahren, als sie zahlreiche Interviews geführt und Fotos gesammelt hat. 80 Interviewpartner lässt sie nun zu Wort kommen, knapp 100 Fotos, Zeichnungen, Briefe und gemalte Porträts sowie Dutzende Exponate (Essgeschirr, Kleidung, selbstgebastelte Erinnerungsstücke, ...) sind in der Ausstellung zu sehen. Die elf Themenabschnitte sind dem Verlauf der Geschehnisse, einzelnen Aspekten des Lagerlebens sowie der Lagerfotografie gewidmet.
Maria Gromayer aus Großau am Tag ihrer Heimkehr ...
Maria Gromayer aus Großau am Tag ihrer Heimkehr aus der Deportation im Donbass, 1949
Vor dem Publikum in Dinkelsbühl gab Dr. Sedler zunächst einen kurzen Überblick über die wichtigsten Zahlen und Fakten, sodass die Zusammenhänge klar wurden: Die Idee, fremde Arbeitskräfte beim „Wiederaufbau der UdSSR“ einzusetzen, sei bereits Ende 1943 erstmals artikuliert worden. Die Aushebung der arbeitsfähigen rumänischen Staatsbürger deutscher Volkszugehörigkeit begann dann am 13. Januar 1945 und betraf letztlich rund 30000 Siebenbürger Sachsen. Etwa 12% von ihnen überlebten die Verschleppung in die Bergbau- und Eisenhütten-Industrieregionen (Donbass, Ural und Kaukasus) nicht.

Wie Dr. Sedler ausführte und der Besuch der Ausstellung verdeutlicht, ist der historische Rahmen nur der Hintergrund für die anschaulich präsentierten und konkret ausgewählten Aspekte individueller Lebensschicksale. Die Objekte und Aussagen der Betroffenen und ihrer Kinder sollen nicht die „große Erzählung“ in Szene setzen, sie sollen nicht Symbolfunktion haben und nicht pauschalisieren. Sie liefern nur ein bruchstückhaftes Bild, bleiben persönlich-subjektiv und dadurch beeindruckend facettenreich. Sie sind auch widersprüchlich: Während die Tagebucheinträge den Hunger, das Heimweh und die unsäglichen Arbeitsbedingungen beschreiben, strahlen die Fotos lächelnder junger Leute häufig Optimismus aus und sind mitunter überraschend fröhlich. Verständlicher wird dieser Widerspruch, wenn man bedenkt, dass viele Deportierte in ihren besten Jahren nach Russland verschleppt wurden, dass sie eigentlich voller Lebensfreude waren und sich nach Schönheit und Lächeln sehnten. Bisweilen dienten die Bilder auch dazu, die Familie in Siebenbürgen zu beruhigen: „Macht euch keine Sorgen, mir geht es gut.“
Gruppenbild mit „Fufaika“ in der Mitte: Rainer ...
Gruppenbild mit „Fufaika“ in der Mitte: Rainer Lehni, Ute Heiß, Dr. Christoph Hammer, Dr. Irmgard Sedler, Dr. Markus Lörz und Nora Engelhard (von links nach rechts). Foto: Dagmar Seck
Als Besucher muss man in der Ausstellung immer wieder schlucken, die Zeugnisse gehen zu Herzen. Einmal, weil sie von Überlebenswillen und Einfallsreichtum zeugen, ein anderes Mal, weil sie eindringlich das Leid und die Entbehrungen beschreiben. Da ist eine Mutter, die die Wolle aus dem Kirchenpelz zupft, um daraus Wolle zu spinnen, aus der sie später ein Jäckchen für ihr Neugeborenes strickt. Dort ist aber auch ein Vater, der schier daran verzweifelt, dass er seine eigenen Kinder auf den Fotos nicht erkennt, die man ihm aus der Heimat zugeschickt hat. Diese persönlichen Geschichten erzeugen Emotionen – und sie erlauben einen niederschwelligen Zugang.

75 Jahre sind seit dem Beginn der Deportation nun vergangen. Nur noch wenige Zeitzeugen leben und damit drohen die Ereignisse in Vergessenheit zu geraten. Die Ausstellung und insbesondere der Katalog, der voraussichtlich im November erscheinen wird, halten dem entgegen. Ob man aus der Geschichte wirklich für die Zukunft lernen kann, ist fraglich. Die Vergangenheit nicht zu kennen, hilft aber auch nicht weiter. In diesem Sinne kann man die rege Beteiligung der privaten Leihgeber wie auch das große Interesse an der Vernissage nur äußerst wohlwollend zur Kenntnis nehmen. Manch ein Interessent nutzte gar den Livestream von Heike-Mai Lehni, um auch dabei zu sein. Das Video ist weiterhin über die Facebook-Seite des Verbandes abrufbar.

Als sehr erfreulich erwies sich bei der Vernissage am 5. September auch die Anwesenheit vieler nicht-sächsischer Freunde. Neben dem Oberbürgermeister der Stadt Dinkelsbühl, Dr. Christoph Hammer, hatten sich u.a. auch die Bürgermeisterin Nora Engelhard und der Altoberbürgermeister Prof. Dr. Jürgen Walchshöfer eingefunden. Dr. Hammer betonte in seinem Grußwort nicht nur, wie wichtig es sei, sich der Geschichte zu stellen und das Leid nicht zu vergessen. Er erinnerte auch daran, wie eng die Bindungen zwischen den Siebenbürger Sachsen und der Stadt Dinkelsbühl bereits seien. Dass diese Bindungen selbst im Corona-Jahr, in dem der Heimattag ausfallen musste, weiter gestärkt werden konnten, ist ein positiver Nebeneffekt der Deportationsausstellung. Die sehr gute und freundschaftliche Zusammenarbeit mit dem Haus der Geschichte wird hoffentlich noch lange Nachwirkungen haben.

Dagmar Seck

Schlagwörter: Deportation, Ausstellung, Dinkelsbühl, Arbeitslager, Sowjetunion, Rainer Lehni, Sedler, Hammer, Lörz, Siebenbürgisches Museum, Haus der Geschichte

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