14. Oktober 2020

Das innere Müssen: Annäherung an die Schriftstellerin Elisabeth Hering

Kennen Sie Elisabeth Hering? Oder vielleicht Frau Pfarrer Ackner? Oder ist Ihnen doch eher Lieschen Leicht ein Begriff, wie die spätere Schriftstellerin in ihrer Heimatstadt Schäßburg genannt wurde? Am 17. Januar 1909 bei ihrer „Thullner-Oma“ in Klausenburg geboren, wächst Elisabeth Leicht „am Fuße des Schulberges zwischen der Pfarr- und der Schulgasse“ im Haus der Schäßburger Bacon-Großeltern im Kreis der „Leichtischen“, der „Baconischen“ und der „Reinhardtischen“, wie sie selbst schreibt, auf. Dort genießt sie das gesellige Leben und besonders die Beziehung zu ihrem Großvater Dr. Josef Bacon, „Stadtphysikus und Armenarzt mit Ordination im eigenen Haus“ sowie Begründer des Museums „Alt-Schäßburg“ im Stundturm, der in ihr das zeitlebens anhaltende Interesse an Geschichte weckt. Diesem von frühester Kindheit an vielfältig geprägten und ausgeprägten Leben widmet Ulla Schäfer ihr 2019 erschienenes Buch „Lebenshunger und Wissensdurst. Annäherung an das Leben der Schriftstellerin Elisabeth Hering“.
Die Leicht-Schwestern Gerda, Elisabeth und ...
Die Leicht-Schwestern Gerda, Elisabeth und Irmgard (von links), aufgenommen im März 1933 in einem Fotoatelier in Schäßburg.
„Dass 2019 das Jahr des 110. Geburtstages und 20. Todestages der Schriftstellerin ist, mag als äußerer Anlass für diese Beschäftigung mit Elisabeth Hering gelten. Anliegen war und ist, eine Frau wieder in das Gedächtnis zu rücken, deren zahlreiche Werke vielen Leserinnen und Lesern emotionale, entspannende, bildende Stunden geschenkt haben.“ Das schreibt Ulla Schäfer im Vorwort ihres bewusst und respektvoll „Annäherung“ genannten Buches über eine Autorin, die als Tochter eines Rechtsanwalts und Hobbydichters schon als Schülerin Verse schreibt wie diese: „Heute in die Schule gehen, wo so schönes Wetter ist?/ Warum muss man immer lernen, was man später doch vergisst?“. Nicht vergessen hat sie, dass „Hermann Oberth, gewiss einer der bedeutendsten Männer, die das Sachsenvolk in unserem Jahrhundert hervorgebracht hat“, ihr Lehrer für Mathematik, Physik und Chemie war – was dem Verständnis dieser drei Fächer allerdings abträglich war, denn „seinen Unterricht aber konnte dieser gescheite Mann dem bescheidenen Fassungsvermögen seiner Schüler nicht anpassen“.

Achtzehn Jahre alt ist Elisabeth, als sie ihrem einstigen Lehrer, dem fast doppelt so alten Hermannstädter Pfarrer Johann Michael (Hans) Ackner, einen Heiratsantrag macht – und dieser ihn tatsächlich annimmt, obwohl er „spürte, dass unsere Temperamente nicht sehr zusammenpassten. (…) Am liebsten hätte ich mich wieder zurückgezogen, aber ihr kindliches Vertrauen und die Furcht vor dem Skandal hielten mich ab“, so berichtet Hans ­Ackner in seiner Erinnerungen. Geheiratet wird am 23. Juni 1927 in Schäßburg, Elisabeth „in schönstem Silberbrokat, altsächsischer Patriziertracht“. Aus dieser Ehe, die wohl nie eine glückliche war, gehen sechs Kinder hervor, das erste stirbt allerdings wenige Wochen nach der Geburt. Hans ist wenig zu Haus: Er wird von der Landeskirche zu einem mehrmonatigen Studienaufenthalt nach Deutschland geschickt, bevor seine Berufung nach Hermannstadt erfolgt und die Familie dorthin zieht; später leben sie in Hammersdorf. Während des Zweiten Weltkriegs wird Hans zunächst als Pfarrer in Transnistrien eingesetzt, dann in Galizien, wohin die Familie nachkommt; schließlich verschlagen die Kriegswirren sie nach Thüringen, wo sich die Eheleute 1951 scheiden lassen.

Für Elisabeth beginnt ein neuer Lebensabschnitt. Sie zieht nach Leipzig, wo sie bis zu ihrem Tod bleiben wird, und hat nach einigen Umwegen auch die drei jüngsten Kinder bei sich, während die beiden Großen schon erwachsen und aus dem Haus sind – und sie wird freie Schriftstellerin, kann also endlich dem „inneren Müssen“, wie sie den Drang zu schreiben nennt, nach- und eine Richtung geben. 1951 erscheint ihr erstes Buch „Der Oirol“, zugleich das einzige unter dem Namen Elisabeth Ackner, denn über die neue Arbeit ergeben sich auch neue Kontakte: Der Verlagsmitarbeiter und Korrektor Walter Hering wird im Oktober 1952 ihr zweiter Ehemann, mit dem sie bis zu dessen Tod 1972 zusammenbleibt.

Über Elisabeths Arbeitsweise und den Entstehungsprozess ihrer Werke berichtet Ulla Schäfer ausführlich, ebenso über die Konversion zum Quäkertum, das Elisabeth thematisch beeinflusst hat, und über die gesellschaftlichen und politischen Prozesse in der ehemaligen DDR, die untrennbar mit ihrer Arbeit verbunden waren. Deutlich wird dies zum Beispiel an der zeitweiligen Beobachtung durch das gefürchtete Ministerium für Staatssicherheit, in dessen Fokus sie wegen ihrer Quäkerzugehörigkeit rückte, sowie an dem sich über Jahre hinziehenden (und schließlich gelingenden) Aufnahmeverfahren in den Deutschen Schriftstellerverband, was einige Vorteile (Stichwort: Papierknappheit) mit sich brachte und von dem so mancher im Buch zitierte Brief zeugt. Überhaupt „stand für diese biografische Arbeit ein riesiges Archiv zur Verfügung“, wie Ulla Schäfer einleitend schreibt; dazu gehört auch die „intensive Korrespondenz mit sowjetdeutschen Schriftstellern“, besonders mit Nelly Wacker und dem Ehepaar Johann und Lili Warkentin, der Schäfer ein ganzes Kapitel widmet.

Zu Lebzeiten kann Elisabeth Hering 24 Bücher veröffentlichen, darunter elf historische Romane, ein populärwissenschaftliches Buch über die Geschichte der Schrift, Erzählungen für Kinder sowie Märchen, Sagen und Schwänke aus Rumänien und Ungarn, von Nordsee, Donau und Rhein. Ihre Memoiren, die sie auf Wunsch der Familie schreibt, erscheinen 1992 im Selbstverlag. Das 25. Buch, der Roman „Swarthmoor Hall – Die frühen Tage der Quäker“, wird postum veröffentlicht (2012 als E-Book, 2017 auch als Printausgabe). Möge Ulla Schäfers Buch, das übrigens auch etliche Schwarz-Weiß-Fotos aus dem Familienarchiv enthält, für viele Leser eine „Annäherung“ sein: an Lieschen Leicht aus Schäßburg, an Frau Pfarrer Ackner und an die Leipziger Schriftstellerin Elisabeth Hering und ihr Werk.

Doris Roth


Ulla Schäfer: „Lebenshunger und Wissensdurst. Annäherung an das Leben der Schriftstellerin Elisabeth Hering“, BUCHFUNK Verlag, Leipzig, 2019, 376 Seiten, 20 Euro, ISBN 978-3-86847-556-2.

Schlagwörter: Buch, Biographie, Schriftstellerin, Schäßburg, Leipzig, Quäker

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