24. April 2021

Pandemie vor Jahrhunderten

In diesen bewegten Zeiten, die uns durch den Corona-Virus auf unterschiedliche Weise in Atem halten, ist es verständlich, dass man sich darüber Gedanken macht, ob es das für uns „Nie-da-Gewesene“ auch in der Vergangenheit, wenn auch in einer anderen Form der Pandemie, gegeben hat. Dabei muss man unwillkürlich an die Chroniken der siebenbürgischen Ortschaften denken, die ab der Mitte des 15. bis ins 18. Jahrhundert immer wieder vermerken, wie die Pest, der so genannte „Schwarze Tod“, wütete und viele Menschen dahingerafft, ja manche Ortschaften nach Massensterben fast ausgelöscht und diese pandemische Seuche viele Spuren hinterlassen hat.
Das von Robert Offner und Thomas Șindilaru im Auftrag des Arbeitskreises für Siebenbürgische Landeskunde e.V. Heidelberg/Hermannstadt (AKSL) und des Demokratischen Forums der Deutschen in Siebenbürgen herausgegebene Buch „Schwarzer Tod und Pest­abwehr im frühneuzeitlichen Hermannstadt“ führt uns auf Spuren der Vergangenheit in die Zeit, in der Johann Salzmann (1510, 1521), Sebastian Pauschner (1530) und Johann Stubing (1761) als Stadtärzte in Hermannstadt tätig waren und in ihren Pestschriften Vorbeugungsmaßnahmen und Verordnungen zur Bekämpfung der „Pestilenz“ ausgearbeitet haben. Vorgestellt werden vier Pestschriften der genannten drei Mediziner. Wie die Herausgeber betonen, sind es Werke, die als „wenig bekannte Quellen der Kultur- und Medizingeschichte in Mitteleuropa gelten“. Die Schriften von Johann Salzmann (Ioannes Salius), die sowohl in deutscher als auch in lateinischer Sprache erschienen sind, zeigt das Buch als Faksimile-Abdrucke. Von Sebastian Pauschners Werk ist eine aus dem 17. Jahrhundert stammende Abschrift, die 1910 von Dr. Béla Révész (Hermannstadt) veröffentlicht wurde, im vorliegenden Buch abgedruckt. Dabei ging es Pauschner um „eine Unterrichtung“ darüber, „wie man sich verhalten soll in der Zeidt der ungütigen Pestilenz“. Von dem vierten der vorgestellten Werke, das aus der Feder von Johann Stubing (Ioannes Stubingus) stammt, ist ein Faksimile-Nachdruck seines lateinischen Vorwortes Praefatio „Für den mächtigsten König und berühmtesten Fürsten Maximilian, Erzherzog von Österreich …“ (1561) wiedergegeben, das auch in deutscher Übersetzung von Andrea Eigler-Haefele (Herrliberg/Zürich) zu lesen ist. Auch gibt es für Interessenten einen Hinweis auf das Gesamtwerk Stubings als Online-Ausgabe. Dieses Werk zählt – wie die Herausgeber betonen – zu den „umfangreicheren Pestschriften sowie zu den beachtenswertesten Quellen zur Seuchengeschichte von der Mitte des 16. Jahrhunderts“.

Die Einführungen zum Quellenteil bestehen aus drei medizingeschichtlich bemerkenswerten und sehr aufschlussreichen Beiträgen von Klaus Bergdolt (Köln): „Schwarzer Tod und ärztliche Pesttheorien im Laufe der Jahrhunderte“, von László András Magyar (Budapest): „Pestepidemien in Siebenbürgen“ (Übersetzung aus dem Ungarischen von der Philologin Éva Mária Papp/Klausenburg) und Robert Offner (Regensburg): „Hermannstädter Stadtärzte des 16. Jahrhunderts und die Pestordnungen von Johann Salzmann, Sebastian Pauschner und Johann Stubing“.
Faksimile aus Salzmanns Werk, Kapitel V, S. 146: ...
Faksimile aus Salzmanns Werk, Kapitel V, S. 146: „Von den pillulen“ (Von den Pillen)
Diese Beiträge geben einen Einblick in die medizinische Versorgung jener Zeit, aus denen man Erkenntnisse auch für die Corona-Pandemie unserer Tage gewinnen kann. Hygieneregeln sowie Abstand und Isolation gehörten damals schon zu den Maßnahmen der Seuchenbekämpfung, die der Stadtrat von Hermannstadt für außerordentlich wichtig hielt und dieses auch durch die Einstellung kompetenter Ärzte bewies. Das war jedoch nicht in allen Ortschaften möglich. In dieser Hinsicht weist Magyar auf den Mangel an Ärzten hin, der sich in vielen kleineren Ortschaften bemerkbar machte, und beschäftigt sich auch mit den Folgen der Pest, die demographische Veränderungen hervorgerufen hatte und zu gesellschaftlichen und kulturellen Veränderungen führte.

So wie durch die Pestepidemien manche historische Entwicklungen abbrachen und dafür andere Prozesse beschleunigt wurden und sich gesellschaftlich vieles veränderte, wird – so die Herausgeber – „die gegenwärtige, von dem neuartigen Corona-Virus ausgelöste Pandemie ebenfalls vergleichbare Spuren in der Weltgeschichte hinterlassen“ und zu gesellschaftlichen Veränderungen führen. Aus gelernten oder gelesenen Erkenntnissen der Vergangenheit, dargestellt in vorliegendem Buch, kann man im Umgang mit der Corona-Krise (SARS-CoV-2) heute erfahrener und sorgfältiger vorgehen.
Faksimile-Nachdruck Johann Salzmann: „Ein ...
Faksimile-Nachdruck Johann Salzmann: „Ein nutzliche ordnung und regiment wider die Pestilentz durch Doctor Hansen Salzman“, Wien 1521
Das Buch ist als Band 6 der vom AKSL herausgegebenen Schriftenreihe „Quellen zur Geschichte der Stadt Hermannstadt“ im Dezember 2020 im Schiller Verlag Hermannstadt/Bonn erschienen. Die neue Buchedition, als zweite verbesserte Auflage, bietet mit Sicherheit für Sozial- und Medizinhistoriker, Landeskundler, aber auch für kulturhistorisch interessierte Leser viele bemerkenswerte Aspekte und ermöglicht weiterführende vergleichende Untersuchungen. Dazu liefert das Buch als wahre Fundgrube auch ein ausführliches Quellen- und Literaturverzeichnis.

Abbildungen und Faksimiles dienen, mit Zitaten versehen, auch als Quellenmaterial. Ebenfalls beigefügt sind Zusammenfassungen des Werkes in drei Sprachen. Für die Übersetzung ins Rumänische zeichnet Ioana Constantin (Hermannstadt), für die in ungarischer Sprache Dr. Magyar András László (Budapest) und für die englische Fassung Kelly Lüdeking (Hamburg).

Die Umschlaggestaltung lag bei Robert Offner und Petra Henning unter der Verwendung einer alten Ansicht von Hermannstadt aus dem 17. Jahrhundert (aus Johannes Tröster, Nürnberg 1666). Den Druck besorgte die Honterusdruckerei Hermannstadt.

Das Projekt wurde gefördert durch finanzielle Unterstützung des Departements für Interethnische Beziehungen im Generalsekretariat der Regierung Rumäniens durch das Demokratische Forum der Deutschen in Rumänien und das Demokratische Forum der Deutschen in Siebenbürgen. Alle haben dazu beigetragen, dass dieses interessante und lehrreiche Buch entstehen konnte.

Erika Schneider


Robert Offner, Thomas Șindilariu (Hrsg.): „Schwarzer Tod und Pestabwehr im frühneuzeitlichen Hermannstadt“. Quellen zur Geschichte der Stadt Hermannstadt, Band 6. Schiller Verlag, Hermannstadt/Bonn, 2020, 231 Seiten, 19,90 Euro, ISBN 978-3-946954903.

Schlagwörter: Buch, Buchvorstellung, Rezension, Wissenschaft, Hermannstadt, Pandemie, Geschichte, Medizin

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