4. Mai 2021

„Ach, Pfähler! Herrscher! Kämst du doch!“/Dana Grigorceas neuer Roman „Die nicht sterben“

Eine junge rumänische Künstlerin kehrt nach ihrem Studium in Paris zurück in das Ferienparadies ihrer Kindheit, „eine kleine Ortschaft in der Walachei (…), südlich von Transsilvanien gelegen, am Fuß der Karpaten“. Dort, in der kleinen Stadt B., wohnt sie bei ihrer Großtante Margot, liebevoll Mamargot genannt, in deren einst enteigneter, nach 1989 zurückerstatteter Villa Aurora. „Es war nicht allein meine Sehnsucht nach der geliebten Großtante, die mich aus Paris direkt nach B. führte. Sie werden es sich nicht vorstellen können, aber für mich war B. ein Zuhause.“, so schreibt die Erzählerin in Dana Grigorceas neuem Roman „Die nicht sterben“. Der Erzählzeitpunkt, die jüngste Vergangenheit, ist klar definiert: „Ich gelangte mit dem Zug über Ungarn, das gerade Mitglied der Europäischen Union geworden war, nach Rumänien, das drei Jahre später aufgenommen werden sollte.“ Von hier aus werden Erinnerungen an die Sommer der Kindheit vor und nach der politischen Wende wachgerufen und dazu die Geschichte Rumäniens von der Antike an sowie das Werden und Wirken von Vlad Ţepeş erzählt.
Der geliebte Ferienort aber hat sich verändert. „Als es am späten Nachmittag [des ersten Tages in B.] zu regnen begann, entsprach das meiner Stimmung. (…) Und seltsame Schuldgefühle stiegen in mir hoch, darüber, dass ich so lange weg war und jetzt nicht mehr mit der nötigen Zuneigung auf diesen Ort schaute.“ Am nächsten Tag ist das Wetter besser, aber: „Ansonsten war mir B. auch jetzt bei strahlendem Sonnenschein fremd, fast unkenntlich geworden …“. Dieses Gefühl der Fremdheit verstärkt sich rasch, fantastische Ereignisse werfen ihre Schatten voraus: „Den Schrei, von dem später die Rede sein sollte, jenen blutgefrierenden Schrei hörte ich schon in der ersten Nacht.“ Und etwas später: „Und dann sah ich es, unverhofft, als ich mich über den Fenstersims beugte, um die Fensterläden zu schließen. Es huschte an mir vorbei, vom Dach her, eine Kreatur, menschenähnlich, die auf allen vieren die Hausmauer hinunterkletterte, den Kopf nach unten, wie eine Eidechse. Es war in Schwarz gekleidet, sodass ich unweigerlich auf die weißen Hände schaute, lange, blasse Finger, klauenhaft verbogen (…) es sah mich an und verzog das Gesicht zu einem wollüstigen Lächeln.“ Ziemlich bald nach der Ankunft der Erzählerin ereignet sich ein Unfall mit tödlichem Ausgang, eine verwandtschaftliche Verbindung zwischen ihrer Familie und der des Pfählers Vlad Ţepeş kommt zutage. „Sie können sich vorstellen, dass uns die Nachricht unvorbereitet traf. Was tun, wenn man in der eigenen Krypta das Grab eines berühmten Fürsten entdeckt, des berühmtesten rumänischen Fürsten überhaupt, und das just im Jahre des hundertjährigen Jubiläums unseres Landes, in einer Zeit also, da die Politiker allerlei Nationalhelden wiederbeleben müssen, vor allem solche aus ferneren Zeiten, um von ihrer Misswirtschaft und ihrer uferlosen Korruption abzulenken?“ Hier wird schon deutlich, dass in „Die nicht sterben“ nicht bloß eine Schauergeschichte erzählt wird, sondern dass eine Auseinandersetzung mit der Vergangenheit Rumäniens, mit Ursache und Wirkung von Misswirtschaft und Korruption, von den Machtverhältnissen zwischen Herrschenden und Beherrschten stattfindet, gekleidet in eine fantastische Story mit vielen Bezügen zu Musik, Literatur und Malerei. Die Planung eines Dracula-Erlebnisparks rund um das Grab des Wiedergängers in B. durch dessen Bürgermeister ist perfider Ausdruck dieses Geflechts aus Politik und Eigeninteresse, Machtstreben und egoistischen Wünschen nach Bereicherung – zuallererst im monetären Sinn, denn für solch ein Projekt fließen öffentliche Gelder in beträchtlicher Höhe.

Dana Grigorcea. Foto: © Mardiana Sani ...
Dana Grigorcea. Foto: © Mardiana Sani
Dana Grigorceas Ich-Erzählerin ist indes auch persönlich betroffen von den Vorgängen in B. Sie verändert sich, entwickelt übersinnliche Fähigkeiten und wird schließlich selbst zu einem verführerischen, blutsaugenden Wesen, das nächtens über die Berge fliegt und kein Spiegelbild mehr hat: „Ich kroch zum Spiegel hoch und schaute nochmals hinein. Doch ich hatte richtig gesehen, eine Ansammlung von Bibelots: Wiedehopf, Hase und ein betrunkener Mann mit hochgehaltener Flasche. Es war das Gerümpel hinter mir; im Licht noch der funkelnde Staub. Mich aber zeigte der Spiegel nicht!“

Am Ende der Geschichte – so viel darf verraten werden – kehrt sie zurück zu ihrem menschlichen Selbst und ist doch eine andere geworden, erfahrener und ein wenig weiser: „Das sei die Kunst des Lebens und die beste Art, das Leben zu feiern: die Freude am eigenen Blick.“ – so erklärt sie es Mamargots Haushälterin, nachdem sie sich im Spiegel wieder selbst sehen kann.

Dana Grigorcea, 1979 in Bukarest geboren, lebt seit vielen Jahren mit Mann und zwei Kindern in der Schweiz. Ihr erster Roman „Baba Rada“ erschien 2011, für einen Auszug aus dem Nachfolger „Das primäre Gefühl der Schuldlosigkeit“ (2015) wurde sie beim Ingeborg-Bachmann-Preis mit dem 3sat-Preis ausgezeichnet, 2018 folgte die Novelle „Die Dame mit dem maghrebinischen Hündchen“. Zwei Bilderbücher veröffentlichte sie ebenfalls: „Mond aus!“ (2016) und „Der Nase nach“ (2018). Der neueste Roman „Die nicht sterben“ ist ein ungemein dichtes Porträt der postkommunistischen Gesellschaft in Rumänien, eine Farce mit hintergründigem Humor, einer satten und dennoch angenehm schlichten, nicht überbordenden Sprache sowie illustrem Personal – allen voran Fürst Vlad III., einst vom Nationaldichter Mihai Eminescu herbeigerufen mit den Zeilen „Ach, Pfähler! Herrscher! Kämst du doch! Mit harter Hand zu richten!“. Ob es geholfen hat?

Doris Roth


Dana Grigorcea: „Die nicht sterben“. Penguin Verlag, München, 2021, 272 Seiten, 22,00 Euro, ISBN 978-3-328-60153-1

Schlagwörter: Literatur, Buch, Roman, Rumänien, Kommunismus, Gesellschaft

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