20. Dezember 2021

Nachlese zum Rumänischen Filmfest in München: Geburtstags-Special für König Michael I.

Mit einem Doublefeature-Abend zum 100. Geburtstag von Michael I., dem letzten König von Rumänien, ehrte das diesjährige Rumänische Filmfestival, das vom 12. bis 18. November in München stattfand, den letzten Monarchen hinter dem Eisernen Vorhang – er wäre am 25. Oktober 2021 hundert geworden. Die beiden aus diesem Anlass gezeigten Dokumentarfilme über die Persönlichkeit des Königs, die die Bukarester Firma Chainsaw Film Production unter der Leitung von John M. Florescu 2016 und 2021 nachzeichnete, stammen beide Male vom gleichen, höchst motivierten Team des Regisseurs und Drehbuchautors Trevor Poots und den Produzenten Dan Drăghicescu und Viorel Chesaru, was zwangsläufig auch zur Überschneidung von manchen Sequenzen führte: „Războiul Regelui“ (Der Krieg des Königs, 2016) sowie „Regele Mihai – Drumul către casă“ (Der letzte König hinter dem Eisernen Vorhang, 2021).
Festivalorganisatorin Brigitte Drodtloff mit dem ...
Festivalorganisatorin Brigitte Drodtloff mit dem Medienmann Dr. Ion Florescu beim Rumänischen Filmfest im Münchner Filmmuseum. Florescu war als Vertreter der Chainsaw Filmproduktion eingesprungen, weil der Bukarester Koproduzent Dan Draghicescu pandemiebedingt absagen musste. Foto: Konrad Klein
Dieselbe Firma, die sich mit ihren vielbeachteten Dokumentarfilmen der jüngeren rumänischen Geschichte verschrieben hat, produzierte auch den in dieser Zeitung besprochenen Film über Königin Maria („Maria, Inima României“, 1919, vgl. Eine Angelsächsin auf dem rumänischen Thron: Königin Maria im kulturellen Gedächtnis der Siebenbürger Sachsen). Der Fokus auf geschichtlichen Themen mag auch mit dem familiären Hintergrund von John M. Florescu zusammenhängen. Er ist der Sohn des bekannten Historikers Dr. Radu Florescu – jenes US-Historikers rumänischer Herkunft, der 1972 erstmals die Verbindungen zwischen dem historischen Vlad Țepeș und Bram Stokers Dracula-Figur beschrieben hatte (John und der nebenstehend abgebildete Ion sind Vettern).

Filmplakat des hier besprochenen Dokumentarfilms ...
Filmplakat des hier besprochenen Dokumentarfilms "The Last King" über König Michael I. von Rumänien. © Chainsaw Film Productions
Hier geht es freilich nicht um mittelalterliche Woiwoden, sondern um König Michael I., der nicht mal 23-jährig durch seinen vermeintlichen Befreiungsschlag an jenem schicksalhaften 23. August 1944 die sich abzeichnende Katastrophe der Besetzung Rumäniens durch die Rote Armee verhindern wollte, den hitlertreuen Marschall Antonescu verhaften ließ und sich auf die Seite der Alliierten schlug. Dass die westlichen Alliierten dennoch bald danach Rumänien dem Besatzungsregime der Sowjets überließen, konnte Michael bis an sein Ende nicht verwinden. Fast vergessen auch der Umstand, dass sein mutiges Handeln zur Verkürzung des Weltkrieges um geschätzt sechs Monate beitrug. „Eine Geschichte der Intrigen, der Täuschungen und des Mutes, mit aristokratischen Spionen, Erpressungen und Waffengewalt – vom Buckingham Palace bis Bukarest, von Moskau bis Washington“, wie der Filmfest-Flyer etwas reißerisch resümiert. Und trotzdem die reine Wahrheit, wie sich nun jeder überzeugen kann, denn was die Rechercheure alles zusammentrugen, verschlägt einem manchmal den Atem. Natürlich sind auch die in siebenbürgischen Printmedien schon behandelten Stationen drin, etwa die Ausritte des kleinen Prinzen mit seinem Vetter Prinz Philip an der Schwarzmeerküste, die für Michael eingerichtete Sonderklasse am Hof in Bukarest mit ihren sächsischen Mitschülern u.a.m.

Stellenweise gerät die Doku zum nervenzerreißenden Psychokrimi, Szenen wie die Fahrt ins Exil mit einem auf offener Strecke haltenden Zug nach Nirgendwo lassen erahnen, was in den Köpfen der Vertriebenen vorgegangen sein muss. Am schwersten erträglich schien mir indes die demütigende Behandlung des Monarchen und seiner Familie bei der versuchten Rückkehr am 25. Dezember 1990, als die Autokolonne des Königs auf dem Weg zu einer Weihnachtsfeier nach Curtea de Argeș mit der Grablege seiner Vorfahren von Soldaten mit Kalaschnikows stundenlang angehalten und zur Umkehr mit dem Flugzeug gezwungen wurde. Ein nachträgliches Lob für den Kameramann des französischen Fernsehens, der einfach draufhielt auf die verängstigten Gesichter ­drinnen und draußen. Erst 1992 konnte der König erstmals nach Bukarest reisen, wo er von einer Million Menschen wie ein Popstar bejubelt wurde.

Filmplakat des ebenfalls beim Rumänischen ...
Filmplakat des ebenfalls beim Rumänischen Filmfest gezeigten Dokumentarfilms "Războiul Regelui" (Der Krieg des Königs) von 2016. © Chainsaw Film Productions
Die beiden König-Michael-Porträts, die den Zuschauer mit ihrer englisch gesprochenen Infoflut geradezu überschütten, bestehen aus einem flotten Mix aus Experteninterviews, historischem Bildmaterial, Reenactment-Szenen (Dr. Groza mit einem argumentativ schnell überzeugenden Revolver in der Rocktasche, den Michael ertasten durfte) sowie animierten Grafiken und Dokumenten. Zweimal 45 Minuten, alles andere als zwei öde Geschichtsstunden. „Der Krieg des Königs“ von 2016 ist – mit rumänischen Untertiteln – auf YouTube abrufbar (https://www.youtube.com/watch?v=2rGT8-lehVQ), die Doku von 2021 ist noch bis Januar 2022 im rumänischen Kabelfernsehen auf History Channel România zu sehen. In München hatte „Der letzte König hinter dem Eisernen Vorhang“ am 13. November quasi Weltpremiere, nur herrschte unter den Maskenträgern im halbleeren Saal alles andere als Premierenstimmung.

Konrad Klein



PS. Zu der „wohl schwierigsten Epoche der rumänischen Geschichte“ nach 1940 und zur Persönlichkeit von Michael I., der „seine moralische Integrität, historische Identität, Modernisierung und Europäisierung“ auch überzeugend lebte, siehe Anneli Ute Gabanyis Nachruf: Herausragende politische Gestalt: König Mihai von Rumänien tot). Die Politologin kommt in den o.g. Dokus ebenfalls zu Wort.

Schlagwörter: München, Filmfest, König, Michael Rumänien, Geschichte, Politik, Gabanyi, Königin, Maria, Drodtloff, Antonescu

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