3. April 2026
Jürgen van Buer, Josef Balazs und ein Jahrzehnt fotografischer Erkundung Siebenbürgens
Zehn Jahre Schwarzweiß – ein Jahrzehnt konzentrierten Sehens, getragen von der fotografischen Handschrift Jürgen van Buers und begleitet von der kuratorischen Arbeit Josef Balazs’. Was 2016 mit einer ersten Ausstellung begann, wuchs zu einem europäischen Projekt, das Fotografie, Kulturgeschichte und persönliche Begegnungen miteinander verband. Die Kirchenburgen Siebenbürgens, die Städte Kronstadt und Hermannstadt, Performances, Bildbände und schließlich ein digitaler Vorlass: Aus einzelnen Stationen formte sich ein zusammenhängender Weg, der zeigt, wie sich aus Bildern Bedeutungen entwickeln – und wie Schwarzweiß zu einer eigenen Art des Blicks werden kann.

Die Kirchenburgen wanderten weiter: nach Nürnberg, Regensburg, Schloss Horneck, München und schließlich nach Hermannstadt. Jede Station öffnete einen neuen Resonanzraum. Die Schwarzweiß-Fotografie, die van Buer bewusst gegen die Verführung der Farbe setzt, erwies sich als präzises Instrument, um die Struktur dieser Bauwerke sichtbar zu machen: ihre Linien, ihre Schatten, ihre Stille. Schwarzweiß ist bei ihm keine nostalgische Geste, sondern eine ästhetische Entscheidung, fast eine Ethik. Farbe erzählt Geschichten, Schwarzweiß stellt Fragen. Farbe schmeichelt, Schwarzweiß widerspricht. Indem van Buer die Welt von ihrer Farbigkeit befreit, legt er ihre Struktur frei – und zwingt den Blick zur Konzentration.
Aus dieser Arbeit entstand 2018 der große Bildband „Der befestigte Glaube, Kirchenburgen in Siebenbürgen“, ein Opus, das die Kirchenburgen nicht nur dokumentiert, sondern neu verortet – als europäische Gedächtnisräume. Der Band wurde zum Fundament eines ersten Zyklus, der Fotografie und Kulturgeschichte miteinander verwob.
2017 erreichte diese fotografische Reise einen unerwarteten Höhepunkt in München. Im Generalkonsulat Rumäniens entwickelten van Buer und Balazs eine Performance, die zwischen Aktionskunst und konzeptueller Geste schwebte. Unter dem Titel „Keisd statt Kreisd – Die Eliminierung des R und die Wiederkehr der Farbe“ nahmen sie unmittelbar vor der Rede zur Vernissage ein Schwarzweiß-Foto aus der Hängung, ersetzten es durch ein Farbfoto und korrigierten eine fehlerhafte Beschriftung. Der Eingriff war präzise, fast chirurgisch – und er legte offen, wie sehr Schwarzweiß das Sehen ordnet. Erst in diesem Moment wurde sichtbar, dass Farbe verführt, während Schwarzweiß präzisiert; dass Farbe erzählt, während Schwarzweiß denkt. Die Performance war eine kleine Theoriegeschichte der Fotografie – und zugleich ein ironischer Kommentar auf die Erwartungen des Publikums.
Zwischenthema: „Corona, die Stadt im Osten“ – ein zweiter Blick, ein zweites Feld
Parallel zu den Kirchenburgen, die 2016 und 2017 in Nürnberg, Regensburg und München gezeigt wurden, öffnete sich ein zweites Feld im Werk Jürgen van Buers – ein Feld aus der urbanen Dichte einer Stadt im Osten: Corona, Kronstadt.Während in der Gustav-Adolf-Gedächtniskirche in Nürnberg die Kirchenburgen-Fotos zu sehen waren, eröffnete am 4. Februar 2017 in der Tiny Griffon Gallery eine weitere Ausstellung, die van Buers fotografische Handschrift in einen völlig anderen Zusammenhang stellte. Die Vernissage, eingerahmt von der Rede des Kurators Balazs, die die Entwicklung der Fotografie von ihren Ursprüngen bis heute nachzeichnete, zeigte eindrücklich, wie umfassend van Buer das Medium sowohl technisch als auch theoretisch durchdrungen hat. Die Fotografie, so wurde dort erinnert, begann als dienendes Medium der Malerei, als Abbild der Realität, gebannt in Brauntönen, später in Schwarzweiß. Farbe kam spät, und mit ihr die Emanzipation. Doch während die Welt sich an die Allgegenwart der Farbe gewöhnte und ihr frönte, kehrte van Buer zur Schwarzweiß-Fotografie zurück – nicht aus Nostalgie, sondern aus Überzeugung. Schwarzweiß zwingt zur Konzentration auf das Wesentliche: auf Formen, auf Schatten, auf Licht. Es ist eine Reduktion, die klärt. In dieser Rede wurde auch deutlich, wie sehr van Buer das Fotografieren als Akt des Denkens versteht. Für van Buer liegt die Qualität eines Bildes im Ausschnitt – in der Entscheidung, was gezeigt wird und was nicht; und zusätzlich, wie der Redner schmunzelnd hinzufügt, auch im Papier, im Druck, im Material. Es ist die Haltung eines Theoretikers, der abstrahiert, der reflektiert, der die Fotografie nicht nur ausübt, sondern befragt.
Der Weg des Fotografen Jürgen van Buer ist lang. Von Vancouver, wo er 1998 seine erste Ausstellung zeigte, über Damaskus, wo er 2008 die „Syrischen Impressionen“ präsentierte, bis nach Ungarn, Österreich und immer wieder Berlin. Ein Motiv begleitete ihn über Jahre hinweg: die Alhambra. Er kennt jeden Winkel, war unzählige Male dort, und sagt in aller Bescheidenheit, er sei wohl einer der zehn besten Fotografen dieses Ortes.

Doch „Corona, die Stadt im Osten“, blieb ein zweiter Pol seines Werkes. Er verbrachte dort mehrere Tage, fotografierte Straßen, Plätze, Fassaden, die nicht monumental, sondern alltäglich waren – und gerade darin eine stille Poesie entfalteten. Die Tiny Griffon Gallery zeigte diese Arbeiten als eigenständigen Zyklus, der die Kirchenburgen nicht ergänzte, sondern kontrastierte: Hier die Wehrhaftigkeit der Geschichte, dort die Lebendigkeit der Gegenwart. Beide Linien – die Kirchenburgen und die Stadt Corona, Kronstadt – liefen in diesen Jahren parallel und bildeten die Grundlage für das spätere große Projekt „fremd : vertraut“. Sie waren zwei Blickachsen, zwei Weisen, Siebenbürgen zu sehen: als Raum der Erinnerung und als Raum des Lebens.
Übergang zum zweiten Projekt „fremd : vertraut“.
Zur urbanen Fotografie der Stadt Kronstadt gesellte sich nun Hermannstadt, die Perle Siebenbürgens, und so entstand ein zweites großes Projekt: „fremd : vertraut. Hermannstadt : Kronstadt“.Zunächst erschien der Fotoband – ein Katalog im besten Sinne, mit Schwarzweiß Fotografien der beiden Städte und Texten von Carmen Elisabeth Puchianu und Josef Balazs. Die Ausstellung folgte im Januar 2022 im Haus des Deutschen Ostens in München. Die Beschränkung auf 24 Exponate war eine Herausforderung, die Pandemie eine zusätzliche. Doch die Fotografien – großformatig, als Acrylglas Premiumdrucke – behaupteten ihre Präsenz. Die Vernissage wurde von einem Rahmenprogramm begleitet, das dem Projekt Tiefe verlieh.
Die Finissage in der Allerheiligen Hofkirche der Münchner Residenz im April 2022 setzte einen festlichen Akzent, bevor die Ausstellung weiterzog. Im Mai erreichten die Fotografien Hermannstadt. Im Terrassensaal des Teutsch Hauses eröffnete Dr. Gerhild Rudolf die Ausstellung, begleitet vom Segen des Bischofs Reinhart Guib. Von dort aus wanderten die Bilder weiter nach Kronstadt, in das Multikulturelle Zentrum der Transilvania Universität, wo sie im November 2022 ein neues Publikum fanden. Jede Stadt, jeder Raum, jedes Publikum stellte neue Fragen an die Bilder – und die Bilder antworteten.
Am Freitag, den 13. Januar 2023, endete dieses zweite Projekt. Die 24 Fotografien wurden abgehängt, verpackt und nach München zurückgeschickt. Es war ein stiller Moment, ein symbolischer Schlusspunkt. Ein europäisches Projekt, das eine Brücke schlagen wollte – zwischen Siebenbürgen und der großen Welt, zwischen Deutschland und Rumänien, zwischen Fremdheit und Vertrautheit – fand seinen Abschluss. Und doch blieb etwas Dauerhaftes zurück: Die Fotografien, die während der Ausstellung im Haus des Deutschen Ostens zu sehen waren, wurden vom Künstler, Prof. Dr. Jürgen van Buer, dem Haus des Deutschen Ostens als Geschenk überlassen – eine Geste der Großzügigkeit, die das Projekt über seinen zeitlichen Rahmen hinaus fortwirken lässt.
Doch das Jahrzehnt endete nicht mit dem Abhängen der Bilder. 2023 übergab Prof. Dr. Jürgen van Buer seinen digitalen Vorlass der Siebenbürgischen Bibliothek. Wie Ingrid Schiel, die Leiterin der Bibliothek auf Schloss Horneck hervorhob, handelt es sich dabei um einen umfangreichen Bestand von Schwarzweiß Fotografien aus Siebenbürgen, die über einen langen Zeitraum entstanden sind und vor allem die Kirchenburgen aus ungewöhnlichen Perspektiven zeigen. Ausstellungen und Publikationen – darunter „Der befestigte Glaube“ – belegen die Qualität dieser Arbeiten. Großformatige Aufnahmen befinden sich bereits im Besitz der Evangelischen Landeskirche in Rumänien, weitere wurden für Gästezimmer auf Schloss Horneck vom Künstler gespendet. Mit dieser Schenkung, so Schiel, sei das Fotoarchiv der Siebenbürgischen Bibliothek um einen bedeutenden und wertvollen Bestand erweitert worden.
So schließt sich ein Zeitraum von zehn Jahren, in dem aus ersten fotografischen Annäherungen ein vielschichtiges europäisches Projekt geworden ist. Ausstellungen, Bücher, Gespräche, Reisen und schließlich die Übergabe des digitalen Vorlasses haben eine Spur gelegt, die über die einzelnen Stationen hinausreicht. Die Fotografien bleiben – in Archiven, in öffentlichen Räumen, in den Erinnerungen der Besucherinnen und Besucher. Was als reges Interesse an Siebenbürgen begann, hat eine Form gefunden, die Bestand hat. Damit findet dieses Kapitel seinen Abschluss, ohne dass es endet: Die Bilder wirken weiter.
Josef Balazs
Der befestigte Glaube. Kirchenburgen in Siebenbürgen. Jürgen van Buer, Josef Balazs (Hrsg.), ISBN 978-3-8325-4613-7fremd : vertraut. Hermannstadt: Kronstadt – zwei Städte in Siebenbürgen, fotografiert von Jürgen van Buer. Mit Texten von Josef Balazs und Carmen Elisabeth Puchianu. Josef Balazs (Hrsg.), ISBN 978-3-8325-5404-0
Schlagwörter: van Buer, Balazs, Fotografie
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