6. Mai 2026
Ausstellung Gertrud Hornung im Siebenbürgischen Museum
Die Ausstellung „,Aber du, Herr, machst mich frei …‘ Die Bildwelten der Künstlerin Gertrud Hornung“ mit Zeichnungen, Druckgrafiken und Aquarellen der Malerin wurde am 27. März in Gundelsheim am Neckar eröffnet. Begrüßt wurden die Gäste von Dr. Irmgard Sedler, Vorsitzende des Siebenbürgischen Museums e. V., und Dr. Markus Lörz, Kurator der Ausstellung. Helga Lutsch hielt die Einführungsansprache, die hier gekürzt wiedergegeben wird.

Wer war Gertrud Hornung?
Einen Einblick in das Leben und Wirken von Gertrud Hornung verdanken wir der erhalten gebliebenen Korrespondenz mit der mütterlichen Freundin Helene (Hella) Büker, deren Sohn Gerd Zikeli sowie Rolf Schuller, dem ehemaliger Kustos des Siebenbürgischen Museums in Gundelsheim, Initiator und Bearbeiter des Siebenbürgischen Künstlerarchivs.Gertrud Hermine Hornung wurde am 6. Oktober 1937 in Schäßburg als Tochter des Hans Heinrich Hornung und der Gertrud Elisabeth Cmoczek geboren. Der Vater, geboren am 4. Juli 1889 in Kronstadt, war Oberregierungsrat für Straßenbau in Schäßburg, wo er am 27. Januar 1959 starb. Die Mutter stammte aus Oberschlesien, wo sie am 10. November 1894 in Birawa (Bierawa), Kreis Cosel, zur Welt kam. Sie starb am 26. Februar 1964 in Quakenbrück, Niedersachsen. Gertrud war das jüngste der drei Kinder. Der Großvater väterlicherseits, Julius Hornung, war Apotheker, die Großmutter Hermine, geborene Neugeboren, entstammte der Familie von Daniel Georg Neugeboren (1759-1822), Bischof der evangelischen Kirche Siebenbürgens von 1806 bis 1822. Dessen Wurzeln liegen in Quedlinburg, nördlich des Harz, im heutigen Sachsen-Anhalt.
Über ihre künstlerische Begabung sagt Gertrud Hornung: „Welcher Art meine Begabung auch sein mag: Sie lässt sich mit ziemlicher Gewissheit bis zur ‚Neugeboren‘-Wurzel (das sind die Vorfahren väterlicherseits) zurückverfolgen. Nicht nur die Vertrautheit mit den kostbarsten Werken der Kammermusik verdanke ich meinem Vater, aber auch die ersten Anregungen zu bildhaftem Gestalten gingen von ihm aus, der selbst ein verhinderter Maler zu sein schien. Er war es, der mich in meinen bescheidenen und zögernden Anfängen bestärkte und mir die Wege zu einem Kunststudium ebnete.“ Ein Cousin des Vaters, Heinrich Neugeboren (1901-1959), besser bekannt unter seinem Künstlernamen Henri Nouveau, war Maler, Bildhauer, Komponist, Pianist, Schriftsteller und Kunsttheoretiker. In Kronstadt geboren, lebte und wirkte Nouveau in Budapest, Berlin und Paris, wo er auch starb.

Ihre erste berufliche Tätigkeit übte Gertrud Hornung im Harbachstädtchen Agnetheln aus. Sie unterrichtete am Lyzeum, als Zeichenlehrerin (profesoară de desen) an der „gemischten Oberschule“, in allen Klassen der rumänischen und deutschen Abteilung, künstlerisches Gestalten und technisches Zeichnen von 1960 bis 1962. Zusammen mit ihrer Mutter erhielt Gertrud Hornung 1962 die Ausreisegenehmigung in die Bundesrepublik Deutschland. Fand sie die erhoffte private, berufliche und künstlerische Freiheit?
Ist Gertrud im neuen Leben angekommen
Sie erlebte Höhen und Tiefen. Seit 1963 war sie Kunsterzieherin am Artland Gymnasium in Quakenbrück. Im Kollegium fand sie Anschluss in ganz „geringem Maße“. Sie vermisste „das freie und freundschaftliche Verhältnis zwischen Kollegen“, so wie sie es von Siebenbürgen her kannte. „Von dieser Seite aus gesehen also, könnte mir dieser deutsche, goldene Westen gestohlen bleiben.“ Gertrud versuchte sich anzupassen: „Ich lerne geheuchelte Höflichkeit und Freundlichkeit, ich lerne Angeberei (das ist ganz wichtig für das Prestige).“ Privat lief es für Gertrud auch nicht rund: „Ein Jahr habe ich auf eine Wohnung gewartet. Endlich war’s so weit! Und einen Monat nach Einzug stirbt plötzlich und unerwartet meine Mutter (1964).“ Allein in sieben Räumen, richtet sie sich nun ein Atelier ein und malt, wenn sie dazu Gelegenheit hat. In dem „Quaken-Nest“ denkt Gertrud Hornung gerne an die „goldenen Zeiten“ in „Agnethendorf“ zurück.Mit Hella tauschte Gerti auch politische sowie weitere Ansichten aus unterschiedlichen Lebensbereichen aus. Sie thematisierte „Rechts- und Linksfaschismus“ sowie „Jugendzersetzung: Sex, Rauschgift, Antiautoritäre Einstellung, Kriegsdienstverweigerung etc.“ Ein Hilferuf im März 1977 rüttelte die Freundin auf, Gertrud Hornung befand sich in einem Zentrum für psychische Gesundheit, sie fühlte sich „seitens eines Juso-Kollegen einem gnadenlosen psychischen Terror akustischer Art ausgeliefert“. Hella vermittelte ein Gespräch mit einem ihr bekannten Arzt für Psychiatrie. Gertrud Hornung hielt die Spannung zwischen ihrem geistigen und ihrem real existierenden Leben nicht aus. Am 30. Oktober 1977 flieht sie in die ewige Freiheit, in die Ewigkeit. Was bleibt? Entsetzen!
Zum Werk
Der Neuanfang in der Bundesrepublik Deutschland ist im Werk von Gertrud Hornung der absolute Nullpunkt und Start für eine künstlerische Befreiung und Neuorientierung. Dazu schreibt sie: „Meine Entwicklung läuft vom gegenständlichen Realismus der Ausbildungszeit über abstrakte, ungegenständliche Gestaltung zur inhaltlichen und formalen Krise, die zusammenhängt mit dem Umbruch auf allen Gebieten meines formalen Lebens …Letztlich hat jeder Gestaltungstypus seine Existenzberechtigung … Ich richte mich mehr nach Steinzeit als nach Wohnzimmerkonventionen. Das, was ich im Allgemeinen arbeite (+ womit ich mich recht eigentlich identifiziere) ist durchaus nicht mit einer Arbeit wie ‚Rhein bei Oberwesel‘ in Einklang zu bringen.“
Das Hauptanliegen ihrer Kunst sieht Gertrud Hornung in der konkreten Aufarbeitung des Themas Mensch und Menschlichkeit. „Es handelt sich in meinen Bildern nicht um eine Zerlegung des Menschen, auch wenn es (oberflächlich betrachtet) so scheint. Vielmehr versuche ich durch das ANTLITZ, seine Nähe und Gegenwart, durch HÄNDE seine innere Befindlichkeit, seine Absichten, sein Tun, durch seine FÜSSE die Richtung seines Weges und den Eifer seiner Schritte verständlich zu machen. Durch fragmentarische Zeichen – Unvollkommenheit, Vergänglichkeit, das Wandelbare – erfahre ich die Ganzheit, sowohl im Leben als auch in der Darstellung. Es geht mir darum, diese Erfahrung (die Erfahrung des Göttlichen) sichtbar zu machen, nicht aber darum, den ‚Gegenstand Mensch‘ abzubilden.“
Gertrud Hornung bedient sich zur Umschreibung menschlicher Aspekte auch der Mechthild von Magdeburg aus dem „Fließenden Licht der Gottheit“ 2/13 (Zwischent dir und got sol jemer mere die minne sin. Zwischen dir und Gott soll für immer die Liebe sein …).
Hornungs künstlerisches Werk ist beeinflusst von den bildhaften Elementen der Megalithkultur, der Bandkeramikkultur, dem keltisch-germanischen Erbe, Ägypten, der Mystik und Bildwelt des frühen Mittelalters, die kanonischen und außerkanonischen Hl. Schriften, Legenden, Ikonen, Hieronymus Bosch, Carl Gustav Jung, Johann Sebastian Bach, Paul Klee, Max Beckmann, René Magritte, der romanischen Plastik, Wüstenasketen, gregorianischem Gesang und ASKR (der erste Fragende).
Gertrud Hornung beteiligte sich in den Jahren 1973 bis 1976 an Gemeinschaftsausstellungen siebenbürgischer Künstler, die vom damaligen Kustos des Siebenbürgischen Museums, Rolf Schuller, organisiert wurden. Zu Lebzeiten hatte sie nur eine Einzelausstellung „Denkbilder zur Bibel“ (1975), ebenfalls von Rolf Schuller initiiert, in der Evangelischen Tagungsstätte in Löwenstein. Post mortem gab es eine Ausstellung mit ihren Werken 1986 in der Galerie Joos in Beuren, initiiert von ihrem Bruder Harald Hornung. Das Teutsch-Haus in Hermannstadt zeigte in der Ausstellung „Siebenbürgische Künstlerinnen sichtbar machen“ (2013) u.a. zwei Gemälde und zwei Grafiken von Gertrud Hornung.
Wenn man die Werke der heutigen Ausstellung betrachtet, kann man die Entwicklung der Malerin von den 1960ern bis 1977, ihrem Tod, nachvollziehen. Für mich sind die 1960er Jahre des Suchens nach einem neuen Stil, nach Orientierung im neuen Leben. Die Malerin distanziert sich von Blumen, Bäumen, Büffeln, Bergen, Burgen, auch von den Zwängen des sozialistischen Realismus und sucht ganz neue Gestaltungsmöglichkeiten. Die Frage WOHIN? drängt sich förmlich auf. Aber auch Sozialkritisches ist zu sehen, mit dem Hausgeist und mit Mayer-Schulze hat sie wohl ihre Kämpfe ausgetragen. Reicht der Horizont aller Menschen nur bis zur nächsten Kirchturmspitze?
Kann man die Werke Gertrud Hornungs und sie selbst in eine bestimmte „Kategorie“ einordnen? Eindeutig NEIN, obwohl manche Werke an Picasso, Braques, Paul Klee oder Henri Nouveau, den Cousin des Vaters, erinnern. In den 1970er Jahren bringt Gertrud Hornung eine neue künstlerische Gestaltungsform hervor. Auf der Suche nach sinnlicher Geborgenheit entwickelt sie einen bis heute einzigartigen Stil. Sie tritt aus der konstitutionellen Kirche aus und wendet sich dem kontemplativen Leben des Benediktinerordens zu. In den Ferien besucht sie das Kloster Dinklage, die Abtei vom Hl. Kreuz Herstelle und andere.
Die Werke werden abstrakter und mit Bibelsprüchen versehen, die zum Studium der Bibel einladen. Die Auseinandersetzung mit dem vorchristlichen Mittelalter, mit den frühen Weltkulturen und dem ägyptischen Totenbuch prägt Gertrud Hornungs letzte Schaffensperiode.
Helga Lutsch
Schlagwörter: Siebenbürgisches Museum, Ausstellung, Hornung
12 Bewertungen:
Noch keine Kommmentare zum Artikel.
Zum Kommentieren loggen Sie sich bitte in dem LogIn-Feld oben ein oder registrieren Sie sich. Die Kommentarfunktion ist nur für registrierte Premiumbenutzer (Verbandsmitglieder) freigeschaltet.