4. November 2004

Druckansicht

Hans Lienert: Meister der Dorfbühne

Der Schriftsteller und Pfarrer Hans Lienert (1885-1954) hat ein vielseitiges literarisches Werk hinterlassen. 50 Jahre nach seinem Tod erfreuen sich vor allem seine bühnenwirksamen Lustspiele in siebenbürgisch-sächischer Mundart großer Beliebtheit. Der Seelsorger stand seinem Volk besonders nahe und rückte vor allem die im Wandel begriffenen Sitten und Bräuche in den Mittelpunkt seines dichterischen Werks.
Von der bäuerlichen Gemeinschaft wurde Hans Lienert bereits im Elternhaus geprägt. Geboren wurde er am 24. November 1885 in Katzendorf bei Reps als drittes Kind des Bauern Michael Lienert (1855-1945) und dessen Ehefrau Katharina. Die ersten fünf Gymnasialklassen besuchte er in Schäßburg, 1904 legte er die Reifeprüfung am Evangelischen Gymnasium (Honterusschule) in Kronstadt ab. Von 1904 bis 1908 studierte er Theologie, Philosophie und Germanistik an den Universitäten Gießen, Berlin, Budapest und wieder Berlin. Das damals von Dr. Adolf Schullerus betreute Siebenbürgisch-Sächsische Wörterbuch bereicherte er mit Ausdrücken und Redewendungen, die er als Student gesammelt hatte.



Der siebenbürgisch-sächsische Schriftsteller Hans Lienert (1885-1954)
Der siebenbürgisch-sächsische Schriftsteller Hans Lienert (1885-1954)
Dem Dorfleben war Lienert auch als Seelsorger eng verbunden. Als Pfarrervikar wirkte er von 1909-1911 in Fogarasch und als Pfarrer von 1911-1916 in Draas und von 1916-1932 in Brenndorf. Stadtprediger war er von 1932-1954 in Kronstadt-Blumenau. Der 1911 geschlossenen Ehe mit Elfriede Fleischer (1889-1959), der Tochter des Fogarascher Pfarrers Samuel Fleischer, entstammen fünf Kinder. "Diese Ehe war eine sichere Grundlage seiner weitverzweigten Tätigkeit, ein Hort der inneren Ruhe, der Sammlung und der Kraft", schrieb Carl Corvin in der Siebenbürgischen Zeitung.

Lienert spielte mehrere Instrumente - in seinem Elternhaus stand eine von seinem Großvater gebaute Orgel, auf der er schon als Gymnasiast spielte. Zudem widmete er sich in jeder seiner Pfarreien dem Chorsingen mit der Jugend, bildete Gesangs- und Musikchöre heran und leitete jahrelang den Brenndorfer Männergesangverein.

Sein literarisches Wirken begann mit vom Naturalismus geprägten Erzählungen, die in verschiedenen Periodika veröffentlicht wurden. Einen Namen machte er sich bald mit seinen Theaterstücken, besonders Lustspielen. 1912 erschien das Schauspiel Die Wahrheit, ein Jahr später folgte das Lustspiel Hochzeit. 1920 kamen zwei weitere Komödien hinzu: Der Leicht und Et kitt him, ein Stück, das erst kürzlich von der Theatergruppe Augsburg unter der Regie von Maria Schenker aufgeführt wurde. Unter dem Titel Gift gab er die beiden Tragödien Im Kornsäen und Das dritte Kind (1923) heraus, ein Jahr später schrieb er Drä Fronjderkniecht. Dieses Lustspiel wurde im letzten Sommer von der Theatertruhe Nürnberg-Nadesch in Bad Bük (Ungarn) aufgeführt, wo bekanntlich viele Siebenbürger Sachsen zur Sommerfrische weilen. Die lebensnahen Pointen aus dem sächsischen Gemeindeleben rufen bei den Zuschauern oft wehmütige Erinnerungen an die vormals intakte Gemeinschaft wach.

Lienert widmete sich dabei weniger einer erstarrten, in sich ruhenden Welt, sondern vielmehr Situationen, in denen das Dorfleben vor neue Herausforderungen gestellt wird. Am gelungensten ist nach Ansicht des Literaturhistorikers Udo Peter Wagner das Stück Et kitt him. Das Motiv ist der Erzählung Der Hanklichrand von Traugott Teutsch entnommen und erinnert in manchen Zügen an Kleists Zerbrochenen Krug. Trotz dieser literarischen Verwandtschaft sei das Stück „von eigenem Leben“ erfüllt. Dieser Wesenszug lasse „manche Schauspiele Lienerts auch nach einem halben Jahrhundert einer Aufführung auf unseren Bühnen für wert erscheinen“, so Wagner.

Lienerts bekanntester Roman, Im heiligen Ring, entstand in zwei Etappen, und zwar 1913/14 und 1917/18, erschien aber erst 1925 in Buchform. Die erzieherische Absicht wird auch im vorangestellten Motto verdeutlicht: „Steh in deines Volkes Mitte / Was sein Schicksal immer sei / (...) Trittst du aus dem heil’gen Ringe /Wirst du ehrlos untergehen.“ (Michael Albert) Der sächsische Bauer Georg Barth aus Draas, die Hauptperson des Romans, wird nicht nur aus der Gemeinschaft ausgestoßen, weil er eine Szeklerin heiratet und ihr Grund und Boden vererbt. Vielmehr wird er auch Opfer seines eigenen Starrsinns. Sonderlinge und Außenseiter hat Lienert auch in Erzählungen wie Unheilbar, Schlagball, Der Fremde, Hopp, der Schneider u.a. thematisiert.

1925 unternahm Lienert eine dreimonatige Vortrags- und Besuchsreise zu den siebenbürgisch-sächsischen Auswanderern in Nordamerika. Das Reisetagebuch Nach Nordamerika (1925) weist Lienert als exakten Beobachter aus. 1929 und 1933 hielt er zahlreiche Vorträge für den VDA in Deutschland und las aus eigenen Werken in deutschen Rundfunkanstalten.

Lienerts literarisches Schaffen ist viel umfangreicher als die Romane, Novellen, Skizzen, Erzählungen, Kurzgeschichten, Gedichte und Schnurren, die in Buchform oder verstreut in Zeitungen und Zeitschriften erschienen sind. Seine abgeschlossene Auslese von Briefen sächsischer Kriegsteilnehmer aus dem letzten Kriege, mit der ihn das Landeskonsistorium beauftragt hatte, blieb unveröffentlicht, ebenso ein Tagebuch aus dem Ersten Weltkrieg und eine Autobiographie aus den beiden letzten Jahren des Zweiten Weltkrieges. Weitere Dichtungen sind nur in Hand- oder Schreibmaschinenschrift erhalten. Ein Großteil des Nachlasses des am 7. September 1954 in Kronstadt gestorbenen Schriftstellers wird von seiner Tochter Holde Heuer in Wolfenbüttel betreut.

Siegbert Bruss

Schlagwörter: Burzenland, Brenndorf, Theater, Pfarrer, Schriftsteller

Nachricht bewerten:

3 Bewertungen: ++

Noch keine Kommmentare zum Artikel.

Zum Kommentieren loggen Sie sich bitte in dem LogIn-Feld oben ein oder registrieren Sie sich.

Registrieren! | Passwort vergessen?