8. Juli 2007

Internationale EuroJudaica-Tage in Hermannstadt

Als Veranstaltung des rumänischen Ministeriums für Kultur und Kultus und der FCER, dessen Präsident Dr. Aurel Vainer ist, fand vor kurzem in Hermannstadt, der Europäischen Kulturhauptstadt 2007, das erste internationale EuroJudaica-Festival statt. Unter dem Titel „Jüdische Kunst, Kultur und Tradition“ wurden in einem weitgefächerten Programm fünf Tage lang Theater-, Ballettaufführungen, Konzerte mit symphonischer und synagogaler Musik, mit Jazz und Klesmer, Filmabende, Vorträge, Rundtischgespräche, Buchausstellungen und Lesungen zum Thema Judentum geboten.
Es waren eine Reihe international bekannter Musiker, Künstler, Kulturwissenschaftler, Kunsthistoriker, Filmregisseure und Schriftsteller, die seitens des Ministeriums und der Föderation Jüdischer Gemeinden Rumäniens (FCER) aus den USA, aus Frankreich, Belgien, Deutschland, Israel, Ungarn, Mazedonien, Serbien, Moldawien, der Slowakei sowie aus Bukarest, Kronstadt, Klausenburg und Jassy in die Kulturhauptstadt eingeladen wurden. Nach der Eröffnung von mehreren Kunstausstellungen am ersten Tag – „Das Jüdische Wien“, „Synagogen in Rumänien“, „Berühmte Meisterwerke aus der Sammlung der FCER, Bukarest“, „Die rumänische Avantgarde“, zu der einst, wie man sehen konnte, auch Hans Mattis-Teutsch gehörte – sowie einer Buchausstellung, wo auch je eine Neuerscheinung von Eginald Schlattner und Herta Müller und drei rumänische Buchtitel von Claus Stephani vorlagen, folgte das erste musikalische Highlight im Atrium-Saal am Kleinen Ring. Hier interpretierte die weltbekannte amerikanische Pianistin Lory Wallfisch (New York) zusammen mit Dan Mizrahi (Bukarest) Klavierstücke von Mozart, Schumann, Mendelssohn und Gershwin. Beide Musiker, obwohl über achtzig, begeisterten durch ihr virtuoses Spiel. Lory Wallfisch war 1946 von Yehudi Menuhim entdeckt worden, der ihr zur Ausreise aus Bukarest in die USA verhalf.

Am ersten Tag gab es drei weitere Konzerte, so in der Philharmonie, wo die berühmte, in Frankreich lebende Violonistin Silvia Marcovici, begleitet vom Pianisten Aimo Pagin (Straßburg), Sonaten von Beethoven, Bloch und Grieg interpretierte. Am Großen Ring traten bekannte Klesmerformationen aus der Slowakei („Pressburger Klezmer Band“), Ungarn („Pannonia Klezmer Band“), der Moldau („Slava Farber Band“) und aus Rumänien auf, wonach im Nationaltheater „Radu Stanca“ das israelische Ballettensemble „Kolben Dance Group“ (Tel Aviv) zur Musik der „Vier Jahreszeiten“ von Antonio Vivaldi tanzte.

Das fünftägige Programm umfasste 57 Veranstaltungen, die im Staatstheater, in der Philharmonie, im Senatssaal und in der Aula der Universität und in anderen Räumlichkeiten stattfanden. Dieses grenzenüberschreitende Projekt hatten die drei engagierten Organisatoren – Festival-Direktor Eduard Kupferberg und die beiden Kulturmanagerinnen Dr. Irina Cajal-Marin und Mirela Asman – in unermüdlichem Einsatz in nur sechs Monaten vorprogrammiert. Es ist nicht möglich, auf alle Ereignisse der Hermannstädter EuroJudaica-Kulturtage im Einzelnen einzugehen, doch sollte hier auf einige besondere Höhepunkte hingewiesen werden.

So fand im Atrium-Saal die Weltpremiere des Stückes „Vom Berg Sinai zum Berg der Venus“ mit der Hollywood-Schauspielerin Maia Morgenstern (Regie: Alexander Hausvater) mit Musik des amerikanischen Komponisten A. G. Weinberger (Las Vegas) statt. Das Bukarester Jüdische Staatstheater führte das Erfolgsmusical von Harry Eliad, „Roman eines Geschäftsmannes“ (nach Schalom Alechem), auf, und in der neu renovierten Synagoge traten Chöre und Kantoren aus Belgrad und Skopje mit alten sephardischen Kompositionen auf. Die meisten Vorträge zu Kultur, Kunst und Traditionen des Judentums wurden in rumänischer Sprache gehalten, doch es gab auch Veranstaltungen in englischer und französischer Sprache, darunter die Vorträge international bekannter Wissenschaftler aus Israel, wie Prof. Shalom Sabar, Prof. Jom Tow Asis, Prof. Moshe Idel und Prof. Ariela Aman von der Hebräischen Universität Jerusalem, Prof. Carol Jancou von der Universität Montpelier, das Einmannstück von Adolphe Nysenholc (Brüssel) u.a.; und selbst der Oberrabbiner Rumäniens Dr. Menchaem Hacohen sprach zweimal in der Aula der Universität auf englisch zu religionsphilosophischen Themen.

Als einziger Gast aus Deutschland war der siebenbürgische Ethnologe und Kunsthistoriker Dr. Claus Stephani (München) eingeladen. Sein Vortrag im Senatssaal der Universität, den er in rumänischer Sprache hielt, trug den Titel: „Der Beitrag des Judentums zur Entwicklung der modernen Kunst in Europa“. Dabei umfasste seine Darlegung eine Zeitspanne von 1 700 Jahren, von den berühmten Fresken in der Synagoge von Dura Europos (3. Jahrhundert), bis zu den Gemälden von Camille Pissaro, Amedeo Modigliani, Marc Chagall u.a., „eine Thematik, in der er sich souverän bewegte“. Der Vortrag wurde durch zahlreiche Bildprojektionen ergänzt. Einführend stellte Prof. Alexandru Singer fest, dass Stephani in seinen Büchern und Judaica-Studien, die in Deutschland, Österreich, Italien, Israel, Polen, Rumänien und in der Ukraine erschienen seien, „als erster Kunsthistoriker die ganze Spannweite jüdischer Kunst übersichtlich vergleichend und evolutiv dargestellt hat“. In „heimatlichem siebenbürgischen Kreis“, im Literarischen Café des Friedrich-Teutsch-Hauses (Leitung Liana und Jens Kielhorn), las Stephani satirische Kurzgeschichten und Auszüge aus einem neuen Buch vor.

Aufschlussreich waren auch die Podiumsdiskussionen zwischen Prof. Andrei Marga (Klausenburg) und Prof. Moshe Idel (Jerusalem) über die „Gemeinsamkeiten von Christen und Juden“ sowie zwischen den beiden renommierten Kulturwissenschaftlern, den Akademiemitgliedern Prof. Solomon Marcus und Prof. Ion Ianoşi, die, moderiert von Prof. Leon Volovici, ebenfalls in der Universität geführt wurden. Dabei ging es diesmal um das gelebte und erlebte bzw. um das traditionelle und moderne Judentum. Während Prof. Marcus in der moldauischen Stadt Bacău geboren wurde, stammt Prof. Ianoşi aus dem siebenbürgischen Kronstadt, wo er nach dem Ersten Weltkrieg zweisprachig, d.h. ungarisch und deutsch, aufwuchs. Kronstadt sei damals, so der heute über Achtzigjährige, „eine sächsisch und ungarisch geprägte Stadt“ gewesen, „zu deren bedeutendsten Namen Adolf Meschendörfer, Erwin Wittstock, Hans Mattis-Teutsch und der ungarische Jude Gyula Brassai, der später unter dem Namen Jules Brassai als Pablo Picassos Freund und Photograph bekannt wurde, gehören“.

Prof. Ianoşi betonte auch, dass es bis zur Nazi-Ära und den Aktionen der DVR zwischen Juden und Sachsen „immer ein friedliches Zusammenleben“ gegeben habe. Viele Söhne der Kronstädter jüdischen Bourgeoisie besuchten einst das deutsche Honterus-Gymnasium, eine „Stätte der Bildung und Toleranz“. Aus dem Burzenland und aus anderen Teilen Südsiebenbürgens wurden – zum Unterschied zu Nordsiebenbürgen, das 1940-1944 zu Horthy-Ungarn gehörte, der Bukowina, Moldau und Bessarabiens – keine jüdischen Einwohner nach Transnistrien, in die östlichen Vernichtungslager deportiert. Südsiebenbürgen nehme somit, wie Prof. Ianoşi zeigte, „in der Schoa eine Sonderstellung“ ein. Das sollte man heute, wenn diese Aspekte diskutiert werden, nicht übersehen.

Die internationalen EuroJudaica-Tage in Hermannstadt stellten mit ihren elitären Gästen aus elf Ländern, worüber in der rumänischen, ungarischen und israelischen Presse ausführlich berichtet wurde, einen Höhepunkt der Veranstaltungen und eine besondere Begegnung der Kulturen dar. Dazu hat maßgeblich auch die traditionelle Gastfreundschaft und die nach Europa hin orientierte Offenheit der Stadtleitung und der Hermannstädter Einwohner beigetragen.

Angela Popa



Schlagwörter: Hermannstadt, Kulturhauptstadt

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