4. November 2007

Alaska-Reisebericht des Geologen Horst Peter Hann

Die Geologie lässt Dr. Horst Peter Hann auch im Ruhestand nicht los. Am 9. Dezember 2006 war zu Ehren des aus Hermannstadt stammenden Wissenschaftlers anlässlich seines 65. Geburtstages und seines offiziellen Ausscheidens aus dem Dienst der geologischen Forschung ein Festkolloquium an der Universität Tübingen veranstaltet worden (siehe Artikel „Horst Peter Hann: Ein Überzeugungstäter in Sachen Geologie“).
Nach seiner Ausreise aus Rumänien im Jahre 1993 hat der gebürtige Bukarester am Geologischen Institut der Universität Tübingen gelehrt und geforscht. Davor hatte er am Institut für Geologie und Geophysik in Bukarest gearbeitet. Dr. Horst Hann ist Autor zahlreicher geologischer Karten und weist beinahe 100 wissenschaftliche Veröffentlichungen über Eklogite, Pegmatite, Augengneise, Lithostratigraphie und Tektonik sowie über die geodynamische Entwicklung kristalliner Massive vor. So verwundert es nicht, wenn Hanns nachfolgender, reich bebilderter Bericht über eine Alaska-Reise vor allem auf geologische Phänomene fokussiert ist. Im Juli diesen Jahres hatte Hann auf Einladung von Dr. Radu Girbacea Alaska besucht. Der gebürtige Kronstädter Girbacea, ehemaliger Tübinger Doktorand, ist in Anchorage mit großem Erfolg als Erdölgeologe tätig. Hann berichtet:

Im Jahre 1867 verkaufte Zar Alexander der II. Alaska für 7,2 Millionen Dollar an die USA. Dies ist natürlich – aus heutiger Sicht betrachtet - eine lächerlich kleine Summe und eine sehr fragwürdige Entscheidung. Man muss aber versuchen die Dinge auch anders zu sehen: Russland war schon damals ein riesiges Land und Alaska lag am äußersten Ende desselben. Eine Reise dorthin dauerte ein halbes Jahr. Wie verwaltet man so ein Territorium? Außerdem war der Bestand an Pelztieren – damals der einzige Reichtum des Landes - wegen Überjagung nahezu erschöpft. Die Kolonie wurde zunehmend unproduktiv. Wer konnte sich zu dem Zeitpunkt vorstellen, dass es nach 15 bis 20 Jahren zu einem „Goldrausch“ kommen würde, und was Erdöl ist, wusste man ja noch nicht, also konnte man dessen eventuelle Bedeutung ebenfalls nicht voraussehen. Die Amerikaner verfügten aber auch nicht über hellseherische Kräfte, als sie das Land erwarben. Im Kongress wurde der Kauf nur ganz knapp, mit einer einzigen Stimme Mehrheit genehmigt. Die Verhandlungen von amerikanischer Seite führte in St. Petersburg übrigens ein gewisser George Pomut – ein Amerikaner rumänischer Abstammung, geboren in Gyula. Ungarn, wo es auch heute noch eine zahlreiche rumänische Minderheit gibt.

Geologisch betrachtet ist Alaska ein sehr aktives Gebiet. Im Moment findet die Subduktion der pazifischen Platte in Richtung NNW mit 5,5 cm/Jahr statt. Gleichzeitig drückt ein „Yakutat“ genannter Block in Richtung NW mit 4,6 cm/Jahr wodurch sich Zentralalaska mit 2 cm/Jahr nach W bewegt. Hinzu kommen noch eine Reihe von Transformstörungen und Verwerfungen und alles zusammen bewirkt, dass die Region äußerst erdbebengefährdet ist. Tiefbeben und Flachbeben geben sich die Hand. Im Jahre 1964 fand hier das zweitstärkste jemals aufgezeichnete Erdbeben statt (9,2 auf der Richterskala), gefolgt von einer verheerenden Tsunami-Welle. Bei einer im südlichen Alaska gelegenen aktiven Störung konnte ein post-Miozäner, also in den letzten 5 Millionen Jahren entstandener Versatz von 7 km nachgewiesen werden; auch hier z. B. kann sich jeden Moment aufgestaute Energie plötzlich entladen.

Hohe Berge, Gletschertäler und wunderschöne ...
Hohe Berge, Gletschertäler und wunderschöne Gletscherseen.
Alaska wird in geologischem Sinn auch „der Friedhof des Pazifiks“ genannt oder „der letzte Ruheplatz“ von nicht subduzierten Krustenteilen im Nord-, Zentral- und Ostpazifik. Ab dem Mesozoikum sind nämlich an die Nordamerikanische Platte immer wieder Krustenteile angedockt, so genannte „Terranes“ (Krustenschollen, die an einen Kontinent angeschweißt wurden und eine von diesem unterschiedliche Entwicklung durchgemacht haben) und verleihen so Alaska eine ausgesprochen heterogene geologische Beschaffenheit.

Der Flug nach Alaska führte von Frankfurt aus südlich von Island über Grönland, etwa am nördlichen Polarkreis entlang über die Baffin Bay nach Kanada, das Baffin Land, die Northwest Territories, dann weiter hinunter in einer Schleife nach Whitehorse (Kanada - 9 Stunden) wo es eine Zwischenlandung gab. Von hier weiter nach Anchorage (noch 1 Stunde und 40 Minuten). Beim Abflug war es 11.20 Uhr, bei der Ankunft 13.50 Uhr. Die Zeitdifferenz beträgt zehn Stunden, so wurde es ein ziemlich langer Tag. Über Grönland konnte man in Küstennähe die großen Gletscher (Foto 1), die Inlandeisdecke (Foto 2) und die Eisschollen auf dem Meer treiben sehen (Foto 3). Das sieht alles sehr eindrucksvoll und schön aus über 10 000 m Höhe aus, man denkt im gemütlich warmen Flugzeug kaum an die extremen Bedingungen welche unten herrschen.

Anchorage befindet sich im westlichen Zentralalaska und ist die größte Stadt Alaskas (277 000 Einwohner), aber nicht die Hauptstadt; diese heißt Juneau. Anchorage wurde größtenteils auf Schwemmland errichtet und hat einen Hafen, der im Golf von Alaska liegt, also im Pazifischen Ozean. Vor den Toren der Stadt liegt der riesige Chugach State Park – ein Stück „echtes Alaska“. Hohe Berge, Gletschertäler (Foto 4 und 5) und wunderschöne blaugrüne Gletscherseen (Foto 6 und 7) sind typisch. Die Vegetation ist unerwartet üppig, alles ist grün und es blühen viele Blumen in unterschiedlichen Farben (Foto 8 und 9). Wenn man aber bedenkt, dass im Sommer die Sonne 20 Stunden lang scheint, die Photosynthese dementsprechend lang aktiv ist, die Temperaturen bei 20 bis 25 Grad C liegen und es auch noch oft regnet, wird die kurze, aber sehr intensive Entwicklung der Vegetation verständlich. Denn schon ab dem 15. August kann es kalt werden und der Tag nimmt dann auch in sehr schnellem Rhythmus wieder ab. In den Wäldern leben viele Elche und Bären. Die Elche kommen im Winter auch in die Stadt; im Sommer überqueren sie manchmal, ohne Eile, die Landstraßen oder die Autobahn – es ist ja ihr Territorium – und bewirken ein Verkehrschaos. Trifft man sie im Wald, so sollte man ihnen lieber aus dem Weg gehen, denn sie können aggressiv werden, wenn man ihnen zu nahe kommt. Ein ausgewachsenes Tier erreicht immerhin ein Gewicht von 800 kg.

James Cook segelte im Jahr 1778 auf seiner dritten und letzten Reise mit der „Resolution“ auf der erfolglosen Suche nach der Nordwestpassage entlang der Südostküste Alaskas und durch den „Cook Inlet“ bis zu der Stelle, wo heute Anchorage liegt. Hier kehrte er um, weil ihm klar wurde, dass es sich um eine „Sackgasse“ handelte. Der „Cook Inlet“ ist ein längerer Fjord (Turnagain Arm), in den ein größerer Fluss mündet und welcher deshalb in hohem Maße von Sedimenten ausgefüllt wurde und wird, also relativ flach ist. Aus diesem Grund entsteht hier, wenn die Flut kommt, ein ganz besonderes Phänomen: eine große, Tsunami-ähnliche Welle rollt täglich einmal den Fjord hinauf (Foto 10) und wird deshalb von vielen Touristen bestaunt (es gibt einen Stundenplan, nach dem man sich orientieren kann). Bei Flut steigt hier das Wasser um 10 Meter (!), es ist die zweithöchste Flutwelle der Welt nach der in Neufundland. Die beobachtete Flutwellenfront ist allerdings nicht so hoch, aber trotzdem beeindruckend.

Seward ist eine relativ kleine Hafenstadt auf der Kenai-Halbinsel, etwa 100 Meilen südlich von Anchorage, benannt nach dem amerikanischen Außenminister William Seward, in dessen Amtszeit der Erwerb von Alaska fiel und der ein überzeugter Befürworter des Kaufs war. Heute ist hier ein bedeutender Jacht-, Touristen- und Fischerei-Hafen (Foto 11). Von hier aus können Boote samt Bootsführer gemietet werden, mit denen man draußen in den Fjorden Lachs oder Heilbutt angeln oder im offenen Meer Wale und Orkas beobachten kann. Der Fischreichtum ist hier unermesslich groß, das Wasser enthält besonders viele Nährstoffe. Wir mussten an dem Tag um 2.30 Uhr aufstehen, denn um 5 Uhr sollten wir in Seward sein, für sechs Uhr war die Abfahrt mit dem Fischerboot festgesetzt. Es hat sich aber gelohnt. Zuerst die Fahrt hinaus aufs Meer (teilweise mit 55 Knoten Geschwindigkeit), vorbei an traumhaften Landschaften (Foto 12), an mächtigen Gletschern, die ins Meer münden (Foto 13); einmal konnte man Seerobben beobachten (Foto 14) und dann das Angeln…. (Foto 15). Aber die Geologie wurde selbst hier nicht vergessen – an einem Küstenabschnitt konnten Pillows (Kissenlaven) beobachtet werden. Dies sind basaltische Laven, die nur submarin entstehen können, also eine charakteristische Meeresboden-Formation darstellen (Foto 16). Zusätzlich markieren diese Gesteine auch eine divergente Plattengrenze. In dieser Gegend wimmelt es von Königslachs-Schwärmen – es handelt sich um den größten pazifischen Lachs (Foto 17). Um fischen zu dürfen, muss man eine Lizenz kaufen - für einen Tag oder länger, jedenfalls darf man pro Tag und Person nicht sechs Stück überschreiten. Ich habe drei gefangen – es war schönes Wetter und dann beißen sie nicht so an. Der Bootsführer hatte ein Sonargerät, in dem er die Schwärme sehen konnte, und so sagte er uns, wie tief wir die Angelschnur hinunterlassen sollen; aber wenn sie am Köder ohne Interesse vorbei schwimmen, ist diese Technik nicht mehr hilfreich. Es ist aber gut so, der Fisch soll ja auch seine Chance haben…

Der Raven Glacier ist ein Gletscher, der in einem ...
Der Raven Glacier ist ein Gletscher, der in einem Hochtal endet.
Die Gletscherlandschaften sind vielleicht das Schönste und Eindrucksvollste, was Alaska zu bieten hat. Dies ist jedenfalls meine persönliche Überzeugung. Es gibt riesige Flächen, die von ihnen bedeckt werden. Ihre Ausläufer reichen oft bis ins Meer, münden in einen See oder enden einfach im Tal. Es gibt auch unzählige einzelne Gletscher, die oben in einem Talkessel liegen und von denen herrliche, silbrige Wasserfälle hinunterrauschen. In allen Fällen ist das Landschaftsbild grandios. Das Meer ist blaugrün und die Täler können zu dieser Jahreszeit von sattem Grün sein. Die Farbkontraste sind somit auf „höchstem künstlerischen Niveau“. Hinzu kommt noch, dass das Eis stellenweise bläulich schimmert – ein ganz spezieller Effekt.

Einer der berühmtesten Gletscher Alaskas ist der „Portage Glacier“, südostlich von Anchorage, in der Nähe der ehemaligen, im Zweiten Weltkrieg wichtigen Militärhafenbasis Whittier. Hier legen jetzt Kreuzfahrtschiffe an (Foto 18). Von Whittier muss man etwa eine Stunde lang einige 100 m Höhendifferenz bewältigen, um den Blick auf den Gletscher zu bekommen – danach kann man nur noch die Faszination eines einzigartigen Naturschauspiels bestaunen (Foto 19, 20).

Ein typisches Beispiel für einen Gletscher, der in einem Hochtal endet, ist der Raven Glacier (Foto 21), er ist sehr „kostbar“ wegen seiner besonderen Schönheit, aber auch weil man gut über 1 000 m Höhendifferenz überwältigen muss, um zu ihm zu gelangen. Hier kann man beobachten, wie sich der Gletscher wegen der allgemeinen Klimaerwärmung in den letzten Jahrzehnten Hunderte von Metern zurückgezogen hat, denn die Vegetation braucht ihre Zeit bis sie nachkommt (Foto 22). Man kann auch sehen, wie das Eis die Gesteinsblöcke transportiert (Foto 23), oder seine blaue Farbe bewundern (Foto 24).

Den Höhepunkt einer Alaska-Reise kann eine Fahrt zum Mount McKinley oder Denali („Der Große“), wie sein ursprünglicher athabaskischer Name lautet, darstellen. McKinley war ein amerikanischer Präsident, der im Jahr 1901 von einem gestörten Anarchisten erschossen wurde. Der Denali National Park ist bekannt für seine großartigen Möglichkeiten, Wildtiere zu beobachten. Der Mount McKinley ist der höchste Berg Nordamerikas (6 193 m). Er erhebt sich plötzlich und unerwartet um rund 5 000 m aus einer etwa 1 000 m hohen, flach gewellten Hochebene (Foto 25). Dies ist eine in der ganzen Welt einmalige Situation. Geologisch betrachtet besteht er hauptsächlich aus Granit.

Dunkelblaues, klares Eis in den Gletscherspalten. ...
Dunkelblaues, klares Eis in den Gletscherspalten.
Mit kleinen Flugzeugen (Marke „De Haviland“), in denen außer dem Piloten noch sechs Personen Platz haben, kann man in das Massiv hinein fliegen und zwischendurch dort auf einem Gletscher landen. Das Flugzeug hat außer Rädern, die eingezogen werden können, auch Kufen. Man nähert sich dem Berg über die Tundra mit vielen Seen und Flüssen (Foto 26 und 27). Dann fliegt man über riesige Gletscher, die zwischen steilen Wänden und Kämmen liegen, und an eisigen Gipfeln vorbei (Foto 28, 29, 30). Der McKinley ist schneebedeckt und ausgesprochen imposant (Foto 31). Die Gletscher unten haben in den Spalten ein dunkelblaues, klares Eis (Foto 32). Die Landung auf dem Gletscher (2 500 m Höhe) erfolgt leicht bergauf und ist problemlos (Foto 33 und 34). Draußen ist es erstaunlich warm, die Sonne blendet. Nach einer halben Stunde starten wir, diesmal bergab, und nach einigen hundert Metern erhebt sich das Flugzeug, um den Mount McKinley (Foto 35) zu verlassen und zurück zum Flughafen zu fliegen. Die ganze Aktion hat 2 ½ Stunden gedauert und mir einen sehr tiefen Eindruck hinterlassen. Die Schönheit dieser majestätischen Landschaft ist einmalig.

Die Alaska-Reise geht ihrem Ende zu. Gewohnt habe ich in der Nähe von Anchorage in einem typisch amerikanischen Haus – groß, zwei Garagen etc. Das Haus liegt unter einem Regenbogen (Foto 36) – und auch der sieht in Alaska schöner aus als sonst wo.

Dr. Horst Peter Hann



Bildergalerie: Alaska-Reise des Geologen Dr. Horst Peter Hann

Schlagwörter: Hann, Geologie, Reise

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