9. August 2008

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„Spitzelaffäre“ in Berlin

Ein offener Brief der aus dem Banat stammenden Schriftstellerin Herta Müller an den Leiter der Zentrale des rumänischen Kulturinstituts (ICR) in Bukarest, Horia Roman Patapievici, sorgt für Aufregung. Zur Sommerakademie der Berliner Dependance des ICR vom 19. bis 25. Juli waren als Referenten auch der Germanist Andrei Corbea-Hoişie und der Historiker Sorin Anto­hi eingeladen, von denen bekannt ist, dass sie mit der Securitate zusammengearbeitet haben.
Herta Müller empfindet es als „Skandal, dass Rumänien sich in Deutschland mit diesen beiden Personen präsentiert, die in der Zeit der Dikta­tur mit dem rumänischen Geheimdienst zusammengearbeitet haben“. Das ICR werde sich „irre­parabel beschädigen“, heißt es im offenen Brief, der am 16. Juli in der Frankfurter Rundschau Online und einen Tag später in der gedruckten Ausgabe veröffentlicht wurde. Die moralische Integrität der Wissenschaft werde durch die An­wesenheit Corbea-Hoişies und Antohis verletzt, so Müller, die ankündigte, nie mehr einen Fuß über die Schwelle des ICR in Berlin zu setzen.

„Was sollen wir, die ohne Sünde sind, mit ihnen, den Sündern, bloß tun?“, fragt Horia Roman Patapievici in seinem Antwortbrief, der eine Woche später ebenfalls in der Frankfurter Rundschau veröffentlicht wurde. Der Leiter der Bukarester Zentrale des ICR wies Herta Müllers Vorwürfe zurück und schrieb, das ICR könne keine „moralische Instanz“ sein. Das von Müller angeführte Beispiel der ehemaligen Stasi-Spit­zel in Deutschland, die keine Funktionen an Univer­sitäten, bei Zeitungen und in kulturellen Einrich­tungen bekleiden können, ließe sich auf Rumä­nien nicht anwenden, da dort „die Entscheidung über das Schicksal der Denunzianten der Will­kür der öffentlichen Meinung überlassen“ sei. „Ich teile Ihre Ansicht“, so Patapievici, dass die Denunzianten eine Plage der rumänischen Gesellschaft darstellten. Aber der Umgang mit ihnen muss sich den gesetzlichen Vorgaben unterordnen.“ Einerseits also versöhnliche Töne, andererseits eine strikte Ablehnung von Herta Müllers Vorwürfen.

"Ethischer Aufruhr"

Der Banater Schriftsteller Carl Gibson stellte sich in einem Kommentar der Siebenbürgischen Zeitung gegenüber ebenfalls gegen seine Kolle­gin Müller und schreibt von einer „gewissen Verblüffung“ angesichts des „ethischen Auf­ruhrs“. „Wer im Glashaus sitzt, sollte nicht mit Steinen werfen“, so Gibson, der Herta Müller als „angeblich Verfolgte des Ceauşescu-Regimes“ bezeichnet und ihren offenen Brief angesichts ihrer eigenen Vergangenheitsbewältigung, die noch viele Fragen offen lasse, als „dreist und deplatziert“ empfindet. „Selbstinszenierung, ja Selbstmythisierung“ wirft Gibson Müller vor und zieht das Fazit: „Aufklärung tut Not! Ein moralischer Zeigefinger dort, wo selbst keine moralische Integrität ist, kommt der Täuschung der Öffentlichkeit nahe und ist auch ein ,Skandal‘!“

Der Schriftsteller Richard Wagner, ebenfalls aus dem Banat, ehemaliger Lebensgefährte von Herta Müller und Mitstreiter in der „Aktions­gruppe Banat“, meldete sich am 31. Juli in der Zeitung Die Tagespost zu Wort. „Was passiert, wenn eine politisch integre Schriftstellerin sich öffentlich darüber beklagt, dass Wissenschaftler mit zweifelhafter kommunistischer Vergangen­heit ihr Geburtsland Rumänien in Berlin repräsentieren? Ihr wird nicht Beifall geklatscht, sondern es wird Buh gerufen. Verkehrte Welt.“ Wagners Artikel beleuchtet die Hintergründe und klärt auf über den Historiker Sorin Antohi und Andrei Corbea-Hoişie, den Herder-Preisträ­ger und ehemaligen Botschafter Rumäniens in Wien. Er kommt zu dem Schluss: „Man hat in Rumänien mit der Aufarbeitung der Vergangen­heit kaum begonnen und schon fällt man zurück in die kollektive Amnesie. Wenn aber die Ent­tarnung nur eine Pflichtübung ist und moralisch folgenlos bleibt, so ist es keine gute Zeit für die Demokratie. Diese bleibt, ohne verbindliche Werte, wehrlos.“

"Eine kriminelle Tat"

Die von Herta Müller angestoßene Diskussion sorgt inzwischen auch in Rumänien für Ge­sprächsstoff. Der von der Kritik hoch gelobte Schriftsteller Mircea Cărtărescu, dessen Roman „Die Wissenden“ vor kurzem auf Deutsch erschienen ist, spricht in einem in der Tages­zeitung Evenimentul zilei publizierten „zur Versöhnlichkeit neigenden Artikel“, wie Wagner schreibt, „in den höchsten Tönen von der fachlichen Meisterschaft der beiden ehemaligen Informanten“. „Ein Skandal“, befindet Wagner, da die Essenz der Tätigkeit als Spitzel „eine kriminelle Tat“ sei, die nicht auf Überzeugung gründe, sondern auf der Bereitschaft für persönliche Vorteile.

Doris Roth

Schlagwörter: Schriftsteller, Rumänien und Siebenbürgen, Securitate

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