3. Februar 2010

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Gerhard Rills siebenbürgisch-sächsische Heimatsammlung in Augsburg

Exponate aus dem sechzehnten bis zwanzigsten Jahrhundert. Kultureller und geschichtlicher Wert unschätzbar, Vielfalt der Ausstellungsstücke und ihre Anzahl auf einmal nicht überschaubar. 40 Jahre lang hat Gerhard Rill siebenbürgisch-sächsische Kulturgüter gesammelt und zu einem „Bauernmuseum“ in Augsburg zusammengeführt.
„Tief beeindruckt bin ich von dem Reichtum der Sammlung von Gerhard Rill! Ich glaube, dass es kaum ein Museum in der Bundesrepublik gibt, das mehr vergleichbare Exponate besitzt ... Wir Siebenbürger müssten Herrn Rill danken und viele Landsleute hierher schicken, um zu sehen, sich zu freuen und dankbar zu sein. Die Führung der Landsmannschaft sollte Schritte einleiten, damit dieses Museum, jetzt im Jahr des Museums, breiten Kreisen bekannt wird.“ Mit diesen Worten würdigte Prof. Egon Machat, Geretsried/Schäßburg, am 17. März 1979 das „Bauernmuseum Rill“ in Augsburg.

Gerhard Rill hat im Verlauf von vierzig Jahren, vor allem während der Ceauşescu-Diktatur, unter schwierigen Umständen eine gewaltige Anzahl von sächsischen Kulturgütern nach Deutschland gebracht. Er konnte es nicht mit ansehen, dass altes siebenbürgisch-sächsisches Kulturgut nach der Aussiedlung vieler Siebenbürger Sachsen von den Einheimischen vernichtet wurde. Nach der Öffnung der Grenzen ist es zwar leichter, sächsisches Kulturgut nach Deutschland zu bringen. Die überragenden Anstrengungen, auch der materielle und finanzielle Einsatz Herrn Rills können jedoch nicht hoch genug eingeschätzt werden. Er versucht, siebenbürgisch-sächsisches Kulturgut vor dem Verschwinden zu retten. Sein Museum beherbergt tausend oder noch viel mehr Exponate. Es ist ein wertvoller Teil der siebenbürgischen Seele und Vergangenheit, der hier aufbewahrt wird, ein Teil unseres Seins, das in Siebenbürgen fast verloren gegangen ist und noch verloren geht. Gerhard Rill hat 40 Jahre lang siebenbürgisch ...Gerhard Rill hat 40 Jahre lang siebenbürgisch-sächsische Kulturgüter gesammelt und zu einem „Bauernmuseum“ in Augsburg zusammengetragen. Foto: Wilhelm Roth Gerhard Rill hat in seinem denkmalgeschützten Bauernhaus in Augsburg auf einer Fläche von mehr als 250 qm so viel zusammengetragen, dass man sicherlich einen Ausstellungsraum mit über tausend Quadratmetern damit füllen könnte. Die Vielfalt der Exponate ist beeindruckend und auch die Anzahl der verschiedenen Varianten und Ausführungen desselben Objekts ist sehr groß.

Angefangen von den Haushaltsgeräten, die man in der Küche und im übrigen Haus braucht, über schön bemalte Tische, Stühle, Schränke, Truhen, Betten, Deckenbretter und vieles andere bis hin zu Wandbehängen, den Ausstattungen der Betten, den vielen bemalten Krügen usw., ist alles da, was zum Nachdenken und Staunen anregt. Die vielen Trachten aus verschiedenen sächsischen Dörfern und die Schränke mit alten Stickereien sind wertvolle Zeugnisse der früheren Lebensart und Traditionen.

Da die Siebenbürger Sachsen nicht nur Bauern waren, sondern sich auch vieles für den Haushalt, die Wirtschaft und Feldarbeit selber hergestellt haben, stellt Gerhard Rill auch die Werkzeuge, Geräte usw., die dazu benötigt wurden, aus: einfache Holzbohrer, Handhobeln, Schleifsteine, Äxte, Geräte zur Bearbeitung von Hanf und Flachs (von der Hechel und Breche bis hin zum Spinnrad) und vieles mehr.

Fast alles, was bei der Feldarbeit gebraucht wurde, ist im Museum zu finden – außer den von Zugtieren und Traktoren gezogenen Maschinen und Installationen: angefangen von der einfachen Holzgabel, dem Holzflug, der Holzegge bis hin zum Leiterwagen und dem Gespann der Zugtiere (Kummet, Joch, Pferdesattel, Geschirr usw.). Hinzu kommen noch alte Bücher, Bibeln, Schuldokumente und als Pachtstück zwei große Kachelöfen mit sächsischen Mustern.

Zu seiner Person: Gerhard Rill wurde 1933 in Bistritz im Nösnerland geboren. Im September 1944 – im Zuge der Evakuierung der deutschen Bevölkerung aus Nordsiebenbürgen und des Vorrückens der russischen Truppen – floh er mit seiner Familie in einem Wagentreck nach Österreich und konnte in Deutschland eine neue Heimat finden.

Seine Sammeltätigkeit begann anlässlich eines Besuchs in Siebenbürgen, erzählt Rill. „1969 musste ich mit ansehen, wie eine schöne Almerau aus dem Jahr 1831 (bemalte Wandvertäfelung mit Tür, die vor einer Wandnische angebracht wird) von einer Rumänin verbrannt werden sollte. Auch der ehemals sächsische Hof wurde mit siebenbürgischen Kacheln – von einem zerstörten schönen Kachelofen – gepflastert, um trockenen Fußes zum Abort (Klosett) zu gelangen, während andere umgedrehte Kacheln im Hof als Futterschale für die Hühner dienten. Als ich sah, wie das wertvolle Kulturgut unserer Vorfahren vernichtet wurde, entbrannte in mir die Wut über soviel Borniertheit. Damals entstand die Leidenschaft, das sächsische Kulturgut zu retten und außer Lande in Sicherheit zu bringen. Es wurde ja nicht als sächsisches, sondern als rumänisches Kulturgut betrachtet und durfte laut Dekret, wenn es über fünfzig Jahre alt war, nicht außer Landes gebracht werden.“

Gerhard Rill kaufte die Almerau und die Kacheln ab und setzte damit die Grundlagen seines Bauernmuseums. In über dreißig Fahrten nach Siebenbürgen unter großen Gefahren brachte er mit seinem Pkw, in kleine Teile zerlegt, die meisten Exponate nach Deutschland. Im gebührt die größte Anerkennung für diese seine Lebensaufgabe. Es ist unmöglich, beim ersten Besuch alles zu erfassen und zu registrieren, was ausgestellt wurde. Es würde auch den Rahmen dieser Information sprengen. Deshalb hilft nur, sich das Museum selber anzuschauen, ein Stück Heimat und Vergangenheit, eine Begegnung mit dem Geist und dem Schaffen unserer Ahnen. Seine Anschrift: Gerhard Rill, Neuburger Straße 238B (Feuerdornweg), 86169 Augsburg, Telefon: (0821) 707878. Besucher sind erwünscht, telefonische Anmeldung ist erforderlich.

Dietrich Weber

Heimatmuseum Rill

Siebenbürgen, süße Heimat:
Hort, gerettet durch die Zeit,
steht zum Sehen und zum Staunen
im Museum hier bereit.

Suche nicht nach Perfektionen,
nicht nach Ordnung, Stil und Reim!
Such’ die Ahnen, die da wohnen
hier in jedem Kämmerlein!

Such’ den Geist aus jenen Zeiten,
als die Welt ganz anders war!
Lass dich durch den Raum begleiten,
nimm der Ahnen Hauch hier wahr!

Vieles, was du hier tust sehen,
kennst du oder kennst du nicht.
vieles tat dort längst vergehen,
strahlt hier in ganz anderem Licht.

Mühe liegt in all den Dingen,
die hier für dich aufbewahrt,
Suchen und nach Deutschland Bringen,
Ärger, der uns blieb spart.

Arbeit! Reisen! Viele Stunden
hat Herr Rill ganz still vollbracht,
dass uns heut' nun unumwunden
dieser Schatz entgegenlacht.

Danke! Sag’ ich nun von allen
zu Herrn Rill, bevor wir gehen.
Es war schön! Es hat gefallen!
Vielen Dank!
Auf Wiedersehn!

Dietrich Weber

(Augsburg, am 7. März 2008)

Schlagwörter: Heimatsammlungen, Heimatmuseum

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