2. Mai 2010

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Kulturlandschaft Bukowina: Literarische Dokumentarschau in München

In Anwesenheit eines zahlreichen Publikums und prominenter Gäste, darunter Ilse Ruth Snopkowski, Vorsitzende der Gesellschaft zur Förderung jüdischer Kultur und Tradition e.V., Bernhard Purin, Gründungsdirektor des Jüdischen Museums, München, und Rudolf von Bitter vom Bayerischen Rundfunk, wurde im Haus des Deutschen Ostens bei Klezmermusik und anschließendem Empfang eine Ausstellung eröffnet, die den Beitrag deutsch-jüdischer Dichter und Schriftsteller zur Literatur des 20. Jahrhunderts dokumen­tiert. Die Veranstaltung kam in Zusammenarbeit mit der Literaturhandlung am Jakobsplatz zustande.
Unter dem poetischen Titel „,Grüne Mutter Bukowina.‘ Eine Dokumentation in Handschriften, Büchern und Bildern“ wird hier zum ersten Mal auf eine österreichisch-deutsch-jüdisch und zugleich auch multiethnisch geprägte Kulturland­schaft hingewiesen, die nach dem Hitler-Stalin-Pakt (1939) an die Sowjetunion kam und danach eine Provinz der Republik Ukraine wurde. An die Zeit vorher, als in Czernowitz „Menschen und Bücher lebten“, wie der weltbekannte Bukowiner Dichter Paul Celan (1920-1970) einmal sagte, und es hier eine zahlenmäßig große deutsch-jüdische Bevölkerung gab, erinnern heute nur noch verwilderte Friedhöfe und zweckentfremdete Gotteshäuser in ukrainisierten Ortschaften, deren frühere Einwohner – Juden, Zipser, Deutschböhmen und Schwaben – ab 1940 vertrieben, deportiert oder umgesiedelt wurden. Der Titel der Ausstellung stammt übrigens aus dem Gedicht „Bukowina III“, das Rose Ausländer (1901-1988) schrieb, als sie sich in Deutschland an ihre ferne, verlorene Heimat erinnerte.

Nachdem die Stellvertretende Direktorin Brigitte Steinert die etwa hundert anwesenden Literatur- und Bukowinafreunde begrüßt hatte, kam der Kurator der Ausstellung, Dr. Claus Stephani, in seiner Einführung unter anderem auch auf den „bis zur Glanzlosigkeit strapazierten“ Begriff Heimat zu sprechen und sagte: „Wer aber meint, er besitze keine Heimat, weil er das nicht brauche, oder er lehne es ab, eine Heimat einst besessen zu haben, der fühlt sich auch keinem kollektiven und geistigen Lebensraum zugehörig – was immer noch wichtig ist und darum durch bestimmende kulturelle Merkmale definiert werden kann.“ Denn Heimat, so Stephani, „auch wenn sie nur noch in der Erinnerung, im Gedächtnis da ist (...), bleibt eine Notwendigkeit, um Identität überhaupt zu markieren und zu erkennen. Heimat kann auch nicht durch politische Bestimmungen weggebaggert oder durch Mauern eingegrenzt werden; das wissen wir, die einst aus dem Osten kamen, nur zu gut (...). Die innere Bindung an einen geistigen Raum – sie bleibt retrospektiv bestehen, auch wenn man eines Tages aus der traditionsgeprägten Lebens­welt gewaltsam hinausgedrängt, vertrieben oder deportiert wurde.“„Alfred Margul-Sperber konnte sich noch an die ...„Alfred Margul-Sperber konnte sich noch an die Familie meiner Mutter erinnern, als diese in Czernowitz gelebt hat": Dr. Claus Stephani bei der Einführungsrede der Ausstellung "Grüne Mutter Bukowina". Foto: Konrad Klein Das belegen nun die Werke – seltene Bücher und Handschriften, Typoskripte und Bilder – von Bukowiner Autoren dieser künstlerischen Dokumentarschau: von Rose Ausländer, Lotte Berg und Paul Celan bis Otto Seidmann, Immanuel Weißglas und Manfred Winkler. Besonders beeindruckend sind die literarischen Schriften, die das poetische Schaffen von Alfred Kittner und Alfred Margul-Sperber illustrieren. Letzterer blieb jenen Rumäniendeutschen, die in der kom­munistischen Ära zur Schule gingen, in verzerrter Erinnerung, da er in manchen Schulbüchern mit politisch getönten Gedichten präsent war, die wenig ansprechend wirkten. Doch durch diese Ausstellung wird Margul-Sperber – neben den anderen 19 Autoren, die hier vertreten sind – für viele in ein neues, wertendes Licht gerückt.

Die vielfältigen, aussagestarken literarischen Belege werden auch durch 25 künstlerische Arbeiten visuell bereichert, so mit neun farbigen Siebdrucken von Otto Piene zu handsignierten Gedichten von Rose Ausländer, außerdem Zeich­nungen von Alma Redlinger, Alfred Kittner, Veronica Porumbacu, Maurice Fischer, Sofia Fränkel, Ludovic Balogh, Lithographien von Mosche Krinitz, Linolschnitten von Aurel Jiquidi und mit Holzschnitten von Rudolf Rybiczka. Hier sollte noch erwähnt werden, dass Veronica Porumbacu (Schwefelberg), die den Holocaust überlebt hatte, während des Erdbebens 1977 in Bukarest starb, als das einstürzende Hochhaus, in dem sie damals wohnte, sie und ihre Gäste an jenem Abend – darunter der bekannte Schauspieler Toma Caragiu – mit ihrem gesamten dichterischen und künstlerischen Werk begrub.

Unter den acht Objekten von starker symbolhafter Aussage, die ebenfalls neben Handschriften und Büchern zu sehen sind, sei hier besonders auf ein altes Lesepult aus einem Czerno-­ witzer Bethaus, eine kunstvolle Laubsägearbeit eines Schülers aus Unterstaneschtie (Stăneşti de Jos, Nordbukowina/Ukraine) mit den ersten Worten eines Gebets und auf drei Leuchter aus dem 19. Jahrhundert hingewiesen. Beeindru­ckend ist auch das Bruchstück eines jüdischen Grabsteins aus Jakobeny (Iacobeni, Südbukowina), das vor einigen Jahren eine siebenbürgische Touristin aus Ebersberg gefunden hatte. Es lag mit anderen Teilen ehemaliger Grabsteine auf der Landstraße zwischen Jakobeny und Mariensee (Cârlibaba Veche), die man nach der „Wende“ zur Auffüllung von Schlaglöchern verwendet hatte.

Den schmerzlichen Verlust einer alten östlichen, multiethnischen Kulturlandschaft, in der einst zwölf verschiedene Bevölkerungsgruppen – darunter Ruthenen (Huzulen, Bojken, Lemken), Rumänen, Juden, Deutsche (Schwaben, Zipser, Deutschböhmen), Polen, Lipowaner, Slowaken, Ungarn u.a. – friedlich beisammen lebten, wurde harmonisch und stimmungsvoll ergänzt durch musikalische Einlagen der beiden bekannten Klezmerinterpreten aus St. Petersburg: Leonid Peysach (Klarinette) und Igor Brouskin (Klavier). Es war übrigens das erste Mal, dass man im Haus des Deutschen Ostens Klezmerklänge hören konnte.

Die Ausstellung ist bis zum 25. Juni im Haus des Deutschen Ostens, Am Lilienberg 5, in München geöffnet: Montag-Donnerstag, 9.00-12.00 und 13.00-15.30 Uhr, Dienstag, 9.00-12.00 und 13.00-19.00 Uhr, Freitag, 9.00-12.00 Uhr. Der Eintritt ist frei. Ein sorgfältig gestalteter, informativer Katalog, 48 Seiten mit Abbildungen, ist an der Pforte, Telefon: (0 89) 4 49 99 30, zum Preis von 9 Euro zu erwerben.

Michaela Trost

Schlagwörter: Ausstellung, Bukowina, München

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