3. Februar 2011

Schweizer Stiftung setzt sich für Orgeln in Siebenbürgen ein

Mit über 1500 Instrumenten besitzt Siebenbürgen eine der dichtesten historischen Orgellandschaften weltweit. Doch nur wenige davon können regelmäßig gepflegt werden, denn rumänienweit gibt es kaum Fachleute, finanzielle Mittel oder zahlenmäßig noch starke Gemeinden, die sich für ihre Orgeln einsetzen können. Von außen kommende Hilfe zur Selbsthilfe ist in diesem Kontext lebenswichtig. Ein erfolgreiches Modell stellt die Arbeit der Schweizerischen Stiftung für Orgeln in Rumänien (SSOR; Webseite: www.ssor.ch) dar: Junge Menschen werden in Rumänien nach Schweizer Muster in den handwerklichen Berufen Orgelbau und Kunstschreinerei auf Kosten der Stiftung mit Sitz in Zumikon ausgebildet – die Mittel kommen ausschließlich aus Spenden von politischen und kirchlichen Gemeinden, Organisationen und zahlreichen Privatspendern.
Es besteht in Siebenbürgen großer Bedarf an Nachwuchs, der die Restaurierung, Erhaltung und somit Zukunft der Orgeln sichert. In Honigberg im Burzenland betreibt die SSOR die Stiftung für gewerbliche Ausbildung in Rumänien und die GmbH Orgelbau und Schreinerei. Hier werden Orgelbauer und Massivholzschreiner in Zusammenarbeit mit der Holzfachhochschule der Transilvania-Universität Kronstadt ausgebildet bzw. in der Holzbearbeitungswerkstatt Massivholz- und Furnierarbeiten (hauptsächlich Einzelanfertigungen) durchgeführt. Präsident der rumänischen Stiftung ist Orgelbaumeister Ferdinand Stemmer, um die Exekutive kümmert sich sowohl in der Schule als auch in der Firma Orgelbauerin Barbara Dutli. Beide kommen aus der Schweiz und sind in Siebenbürgen schon seit vielen Jahren tätig.

Dass die „Orgelwerkstatt“ in Honigberg für die Instrumente in Rumänien schon sehr viel getan hat, zeigt die Liste der bereits restaurierten Orgeln: Mühlbach und Honigberg (2006), Heldsdorf (2007), Deutsch-Weißkirch, Weidenbach, Rosenau, Rothberg und Bodendorf (2010), dazu Instrumente in Klausenburg, Bukarest und in den Kreisen Kovasna und Hargita. Bei der Arbeit ist es dem internationalen Team in Honigberg sehr wichtig, die Eigenart des jeweiligen Instrumentes zu respektieren und die alte Substanz zu erhalten. Außerdem werden Orgeln gereinigt, nachintoniert und gewartet, so wie in Marienburg im Burzenland, Birthälm oder Petersdorf. Auch Neubauten stehen im „Lebenslauf” der Werkstatt, so z.B. die Orgel im Konzertsaal der Nationalen Universität für Musik Bukarest.
Die neu gebaute Orgel in der Bukarester ...
Die neu gebaute Orgel in der Bukarester Musikuniversität. Foto: George Dumitriu, Bukarest
Absolventen der dreijährigen Ausbildung in Honigberg sind heute in der Werkstatt angestellt und arbeiten zusammen mit den Schülern unter der Obhut von Barbara Dutli. Dafür, dass die Schüler zum Teil in die Produktion einbezogen werden, zahlen sie kein Schulgeld und dürfen kostenlos im Internat wohnen und essen. Der Lehrplan ist landesweit eine Ausnahme und umfasst 80 Prozent praktische Ausbildung und nur 20 Prozent theoretische Fachkurse. Letztere besuchen die Schüler an der Kronstädter Uni. Es werden Standardfächer wie Studium des Holzes, technisches Zeichnen, Auto CAD, Betriebswirtschaft und Kunstgeschichte gelernt, aber auch Orgelbautheorie (Technik, Kunsthistorik), Möbelkunde und Oberflächenbehandlung.

Schweizer Know-how eröffnet neue Perspektiven

Wie kam es überhaupt dazu, eine Orgelbauschule und -werkstatt im Burzenland zu gründen? Bereits in der Zeitspanne 1999-2003 wurden von der Schweizer Stiftung die für den Start in Honigberg (2003) notwendigen finanziellen Mittel gesammelt. Die Idee dazu entstand einige Jahre früher, als Ferdinand Stemmer und Barbara Dutli mit einem kleinen Team an ihrem ersten Auftrag in Siebenbürgen bei Neumarkt arbeiteten. Es ging dort um eine Orgel, die schon fünfzig Jahre lang nicht mehr gespielt wurde. „Bei uns gibt es das nicht. Ich wusste nicht genau, was das heißt“, sagt die Orgelbauerin. „Wir haben dort die Orgel zerlegt und von Grund auf repariert, die ganze Kirche war mit Orgelpfeifen ausgelegt. Im Gottesdienst, als die Orgel wieder spielte, waren vor allem die älteren Leute, die das Instrument als Konfirmanden noch erlebt hatten, sehr gerührt.“ Bald folgten weitere Aufträge: die Restaurierung der Hesse-Orgel und die Arbeit an der Buchholz-Orgel der Schwarzen Kirche in Kronstadt. Hier halfen auch Kronstädter Orgelstudenten mit. „Zwei von ihnen sagten uns, dass sie Orgelbau lernen möchten. Wir versuchten, in der Schweiz einen Platz zu finden, aber Ausländer werden für Berufslehren leider nicht zugelassen“, erzählt Barbara Dutli. „Wir haben in Bern angefragt, ob das Außendepartement DEZA eine Schule in Rumänien finanzieren würde. Sie haben 100000 Schweizer Franken für den Bau zugesagt.“ Die Werkstatt ist weiterhin auf Spenden angewiesen, die aber durch den EU-Beitritt Rumäniens fast auf die Hälfte geschrumpft sind. Die Firma versucht sich schrittweise selbstständig zu machen und ihre Eigenleistung zu steigern, für einen kleinen Betrieb kein einfaches Vorhaben. Auch mit den rumänischen Behörden war es schwierig: „Wir haben eine Schule angeboten für einen Beruf, den es hier im Staat nicht gibt. Wir mussten bei der Handelskammer den Beruf eintragen lassen und beim Bildungsministerium das übersetzte deutsche und schweizerische Schulcurriculum abgeben. Schwierig ist es genauso mit unseren Jahrgängen von höchstens vier Schülern, denn derart kleine Klassen sind im Gesetz nicht vorgesehen. Zurzeit sind wir mit dem Minister am Diskutieren, ob in unserem Fall eine Ausnahme gemacht werden kann. Ein großer Schritt ist, dass unser Diplom schon anerkannt ist“, sagt die Orgelbauerin.
Das Team bei der Arbeit in der Honigberger ...
Das Team bei der Arbeit in der Honigberger Kirche. Foto: COT Honigberg
Neun Schüler haben die Ausbildung in Honigberg bisher absolviert, sechs sind weiterhin in der Werkstatt tätig. Die erste Absolventin, „die erste Orgelbauerin Rumäniens“, arbeitet in Österreich. Die meisten Schüler kommen aus ungarischen Gemeinden, einige sind rumänisch-orthodox. Insgesamt lernen und arbeiten hier zurzeit fünfzehn Personen. „Kein Mensch versteht am Anfang, warum er bei uns drei Jahre lernen muss – so lang wie ein Bachelor-Studiengang”, sagt die Barbara Dutli. „In der Schweiz darf man sich aber erst nach sechsjähriger Berufserfahrung für den Meisterkurs anmelden und dann ist man immer noch am Anfang.”

Das Haus in Honigberg umfasst Büros, Schulraum, Schreinerei, Maschinenraum, Bankräume für Schüler und Orgelbauer, Montagesaal und Pfeifenwerkstatt. Zurzeit wird ein eigener Maschinensaal für die Schreiner angebaut. In der Werkstatt wird an der Orgel aus Hadad bei Sathmar gearbeitet, die nach Fertigstellung in der Johanniskirche in Hermannstadt spielen wird. Zudem wird die Arbeit an der Domorgel aus Szeged (Ungarn) fortgeführt, drei Truhenorgeln werden neu gebaut. Die Schreiner arbeiten an Orgelgehäusen, Kirchenfenstern, Möbeln und thermoisolierten Haustüren. Ein ehrgeiziges Projekt ist „Syntharp“, eine Weltneuheit, die in Honigberg für eine Schweizer Firma produziert wird. Dabei geht es um eine „Harfe“, in der elektromagnetische Felder digitale in „natürliche“ Klänge umwandeln.

Langfristiges Ziel der Stiftung ist es, dem Lehr- und Produktionsbetrieb in Siebenbürgen zur wirtschaftlichen Unabhängigkeit zu verhelfen und die Verantwortung an Einheimische zu übergeben. Dabei soll der Hauptanteil der Aufträge stets den siebenbürgischen, nicht den ausländischen Orgeln zugute kommen. Ein wichtiges Ereignis, das in Siebenbürgen bevorsteht und von der Honigberger Werkstatt vorbereitet werden wird, ist der Internationale Orgelbauerkongress 2014. Die Orgelbauer aus aller Welt, etwa 400 Firmen, sollen dann zum ersten Mal nach Rumänien kommen.

Christine Chiriac

Schlagwörter: Siebenbürgen, Orgeln, Restaurierung

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