14. Februar 2026
„Åwwer ech bän e Guareschanner!“/20 Jahre seit der Wiederbelebung des Urzellaufens in Agnetheln
1990 führten die Sachsen in Agnetheln den letzten Urzellauf durch – mit den Menschen wanderte auch der Brauch aus. Die Erinnerungen an die Umzüge waren jedoch noch wach, und nach 16 Jahren Pause wurde der alte Brauch wiederbelebt, und zwar von Rumänen aus Agnetheln. Wie kam es dazu und wie blickt der damalige Ideengeber heute darauf zurück? Doris Hutter, Vorsitzende der HOG Agnetheln, ordnet ein und fragt nach.

Ein Jahr danach, 2007, fuhren wir mit einem Bus voller Urzeln, die in Deutschland auch den Brauch pflegen, nach Agnetheln und machten zusammen mit den Lole (der rumänische Begriff für Urzeln) einen richtigen Urzellauf – mit Parade, Zünften usw. Wir feierten gemeinsam ein unvergessliches Fest. Der Verein „Breasla Lolelor“ wurde gegründet – der Beginn einer unglaublichen Erfolgsgeschichte.
Bogdan Pătru ist heute Grundschullehrer in der deutschen Abteilung der der Schule Nr. 18 in Hermannstadt. Mit dem Urzellauf vor 20 Jahren hat er einen großen Traum verwirklicht. Ich habe ihn gebeten zu beschreiben, wie es sich anfühlt, diesen Brauch von den Sachsen übernommen zu haben.
Doris Hutter
Es urzelt wieder in Agnetheln
Am Freitag vor dem Agnethler Urzeltag (25. Januar 2026) rufen mir auf dem Parkplatz der Hermannstädter Schule vom Fenster aus viele lächelnde Gesichter zu: „Hiräääi, bis Sonntag, Bogdan!“ Von den 25 Kindern der Klasse 4-B hat nur ein Mädchen eine sächsische Großmutter, die übrigen sind Rumänen. Auf dem Weg nach Agnetheln denke ich an die letzten Wochen: Ich habe ihnen alles über die Urzeln von Agnetheln erzählt, wir haben gesungen, Gedichte aufgesagt, Sagen geschrieben und sogar einen Film über die Sachsen und die Urzeln gedreht. Wir haben Masken gemalt und Urzeln aus Ton gefertigt. Alles mit dem Ziel, auch sie in die Ausstellung in der Schule in Agnetheln, zu der ich nun eile, einzubinden. Ihre Arbeiten werden am Sonntag in Agnetheln für Kinder und Eltern aus dem Kreis Hermannstadt ausgestellt.
Ich fahre an Cornățel vorbei, sehe die Lokomotive und die Waggons der Schmalspurbahn und erinnere mich an die lustigen Geschichten mit der Wusch. Was für Zeiten … Mir wird bewusst, wie schnell die Zeit vergangen ist, und dass meine Schüler von 2006 heute 30 Jahre alt sind – genauso alt wie ich damals. Sie sind erwachsen geworden, mit Berufen, Familien, Kindern. Ich freue mich, dass sie untereinander starke Freundschaften geschlossen haben – solche, die ein Leben lang halten … Ich nähere mich Agnetheln, und wie immer überkommt mich ein Gefühl von Zuhause, sobald der Turm der evangelischen Kirche zu sehen ist, dann die Silhouetten der Wohnblocks auf der Steinburg. Von weitem hört man Peitschen knallen … welch schönes Gefühl, es urzelt schon wieder in Agnetheln. Ich betrete die Schule und werde von diesem alten Geruch empfangen, den ich seit der ersten Klasse (1981) kenne. Die Kleiderhaken im Flur sind dieselben, nur der Anstrich und die Möbel sind neu. Die Direktorin Marina Floriță und die Kolleginnen begrüßen mich mit Umarmungen und ich werde von Erinnerungen an die Jahre in dieser Schule überwältigt. Ich bin diesem Gebäude in Agnetheln, erbaut von fleißigen Sachsen, so dankbar, ebenso meinen Lehrern, meinen sächsischen Schulfreunden und später meinen Arbeitskollegen aus den etwa 15 Jahren, in denen ich hier unterrichtet habe. Von allen habe ich etwas gelernt … Ob sich meine Schüler wohl auch einmal so an mich erinnern werden?

Am Sonntagmorgen wache ich als Erster auf: Urzeltag! Heute feiern wir wieder die Freundschaft, die Einheit und das Zusammensein – so wie jeder Agnethler, unabhängig von Nationalität oder Religion. Alle lieben diesen Brauch, der verbindet. Und wie viele Urzeln wir dieses Jahr sind! Und wie viel Freude überall zu hören ist! Auf ein Zeichen stellen sich die Urzeln zur Parade auf: Die Traditionsfiguren der sächsischen Handwerkszünfte mit Fahnen, Zunftladen, bürgerlichen Trachten ziehen mit Blasmusik Richtung Rathaus. Die diesjährige Urzelparade ist schöner und reicher als je zuvor und die Zahl der Urzeln hat alle Rekorde gebrochen: über 320. Hunderte Zuschauer begleiten die Parade auf den Gehwegen, aus den Fenstern der Häuser grüßen uns begeisterte Bewohner. Agnetheln ist im Festrausch und erinnert alle an die Sachsen, die diesem kleinen Städtchen den Urzelbrauch hinterlassen haben. Die Emotionen überwältigen mich, als ich meine Schüler von 2006 am Mikrofon aufrufe und sie aufstehen. Die Urzeln applaudieren laut mit ihren Glocken, dann bilden wir gemeinsam einen Kreis, genau wie vor 20 Jahren, und singen das Siebenbürgenlied.
Später, im Hof der evangelischen Kirche, empfangen uns stolz die Schüler aus Hermannstadt. Überall sind Menschen mit Krapfen in der Hand und die Freude ist auf allen Gesichtern zu sehen. Ein Schüler aus Hermannstadt sagt zu mir: „Während wir hier auf euch gewartet haben, habe ich auf dem Denkmal die Namen von sächsischen Helden gelesen, die im Krieg gefallen sind. Ob sie wohl auch Urzeln waren?“ – „Natürlich, David, alle jungen Sachsen aus Agnetheln waren irgendwann Urzeln.“ Ich sammle alle meine Schüler, alte und neue, und wir gehen gemeinsam in die Schule. Die Fotos erfüllen uns mit Erinnerungen. Ich bin zutiefst bewegt und glücklich. Während meine ehemaligen Schüler der Klasse 4-B ihren einstigen Katalog (Klassenbuch) – die Überraschung des Tages – durchsehen dürfen, kommen sie ehrlich zu dem Schluss, dass ich ein strenger Lehrer war, sehr zur Belustigung aller. Die neuen Schüler der Klasse 4-B aus Hermannstadt sagen auf Deutsch den Urzelspruch „Wir wünschen Glück in diesem Haus,/ wir treiben mit Geißeln und Schellen die Sorg’ und den Ärger aus./ Unsre Lieder und Witze darf ein jeder hören/ und dass wir euch besuchen, beweist, dass wir euch ehren!“ und ich bekomme Sehnsucht nach dem sächsischen Dialekt und möchte laut rufen: „Ech bän neche Såchs, åwwer ech bän e Guareschanner“… aber würde mich wohl jemand verstehen?
Bogdan Pătru
Schlagwörter: Urzeln, Traditionspflege, Brauchtumspflege
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