12. Januar 2010

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Presseschau zur Münchner Securitate-Tagung

Der banat-schwäbische Lyriker Werner Söllner, Leiter des Hessischen Literaturforums in Frankfurt, hat auf der Münchner Securitate-Tagung öffentlich erklärt, ein Spitzel des damaligen rumänischen Geheimdienstes Securitate (Inoffizieller Mitarbeiter „Walter“) gewesen zu sein. Auf diese spektakuläre Szene fokussierte sich denn auch die Medienberichterstattung. Daneben begegnet in den Kommentaren auch die Fragestellung von grundsätzlicherer Relevanz, wie eine tiefgreifende Aufarbeitung des Unrechts im Kontext der Reform der rumänischen Nachwende-Gesellschaft zu bewerkstelligen sei. Die dabei gezogenen Parallelen zum Spitzelsystem der ehemaligen DDR, unmittelbarer noch, die dokumentierte Verwicklung des Ministeriums für Staatssicherheit verweisen auf ein plausibles Hintergrundmotiv für die bemerkenswert intensive Berichterstattung bundesdeutscher Medien. Lesen Sie im Folgenden einige wenige ausgewählte Pressestimmen.

Literat Söllner keine Randfigur

„Die meisten Teilnehmer im großen Veranstaltungssaal der Sudetendeutschen Stiftung in München trifft es völlig unvorbereitet, als der Tagungsverlauf für eine persönliche Erklärung unterbrochen wird. (...) ‚Ich bin jemand, der sich nicht ausreichend zur Wehr setzen konnte. Das kann ich mir bis heute nicht nachsehen.’ Danach herrscht Stille im Saal. Söllner ist alles andere als eine Randfigur der deutschen Literatur in Rumänien. Seine von Celan beeinflussten Gedichte, von denen manche in dieser Zeitung zuerst veröffentlicht wurden, trugen ihm namhafte Auszeichnungen wie die Förderpreise der Gryphius- und Hölderlin-Preise ein, er übersetzte die Gedichte Mircea Dinescus ins Deutsche, wurde Leiter des Hessischen Literaturforums und hielt 1993 die Frankfurter Poetikvorlesungen. Vier Jahre zuvor hatte er den Deutschen Sprachpreis erhalten, zusammen mit seinen Freunden, von denen einige vor wenigen Monaten ihre Opferakten verglichen haben: Gerhardt Csejka, Helmuth Frauendorfer, Klaus Hensel, Herta Müller, Johann Lippet, William Totok und Richard Wagner.“ (Hubert Spiegel, Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 10. Dezember 2009)

Schadensfrage

„Der Lyriker Werner Söllner hat mit dem rumänischen Geheimdienst Securitate zusammengearbeitet. Er selbst gab dies während einer Tagung in München über die deutschsprachige Literatur in Rumänien bekannt. Er sei von 1971 bis 1974 zum ‚IM (inoffiziellen Mitarbeiter) wider Willen’ geworden. Der 58-Jährige wies einen Bericht der Frankfurter Allgemeinen Zeitung zurück, wonach er damals die ebenfalls aus Rumänien stammende Literaturnobelpreisträgerin Herta Müller bespitzelt habe. (...) Werner Söllner sagte, er sei 1971 mit der Exmatrikulation von der Universität bedroht worden. ‚Ich habe niemanden ans Messer geliefert, niemand ist ins Gefängnis gekommen oder hat seinen Arbeitsplatz verloren. Aber geschadet hat es natürlich’, sagte der Lyriker. (…) Anwesend auf der Tagung waren zahlreiche Mitglieder aus dem sogenannten Adam-Müller-Guttenbrunn-Kreis und der Aktionsgruppe Banat, die in den siebziger und achtziger Jahren in Hermannstadt, Temesvar oder Klausenburg lebten und schrieben. Unter den Schriftstellern findet noch immer ein Lernprozess darüber statt, was in den Securitate-Akten über sie steht. Auf der Tagung berichteten sie von ihrer Lektüre. Doch sie betonten, noch immer nur einen Teil ihrer Akten zu kennen“. (ZEIT ONLINE vom 10. Dezember 2009)

Empörung hält sich in Grenzen

„Der 1951 im rumänischen Banat geborene und 1982 in die Bundesrepublik ausgereiste Lyriker Werner Söllner wurde nach anfänglichem Widerstand Anfang der siebziger Jahre als Student in Gesprächen mit dem rumänischen Geheimdienst ausgehorcht und – offenbar ohne es zu wissen – als Inoffizieller Mitarbeiter ‚Walter’ geführt. Mitte der Siebziger verweigerte er der Securitate jede weitere Kooperation. Zu denen, über die er nach Aktenlage Informationen weitergab, gehörten unter anderem Herta Müller, ihr damaliger Mann Richard Wagner sowie Helmuth Frauendorfer, Johann Lippet, William Totok und Klaus Hensel. Welche Verzerrungen in der Wiedergabe durch die Securitate dabei entstanden, ist offen. Söllner leugnet seine erzwungenen Dienste nicht, ja er betrachtet sie als unverzeihliche Schwäche. In München verlas er dazu eine Erklärung. Nicht nur deshalb hielt sich die Empörung derer, die in ihrer Opferakte IM ‚Walter’ mit Werner Söllner in Verbindung bringen müssen, in Grenzen. Michael Markel, ein Klausenburger Germanist, über den Söllner das bisher einzig bekannte Gutachten seiner Securitate-Zeit schrieb, verteidigte den Schriftsteller mit dem Hinweis, er habe ihn durch seine Formulierungen in entscheidenden Punkten entlastet. Dem gegenüber stehen Vorwürfe, dass Söllner andere wiederum stark belastet habe.“ (Gregor Dotzauer, Tagesspiegel vom 11. Dezember 2009)

Richard Wagner hegt Zweifel

„Als ich im Frühjahr 2009 Werner Söllner diese Unterlagen vorlegte, meinte er zunächst, er sei nicht Walter, er könne es nicht sein. Dann räumte er ein, zumindest mit Walter gemeint gewesen zu sein, aber ohne es zu wissen, (…). Die ‚Walter’-Berichte leiten einen beschleunigten Prozess der Repressalien gegen die Aktionsgruppe Banat ein, mit dem erklärten Ziel ihrer Zerschlagung. Während der Untersuchungshaft im Oktober 1975 werden wir immer wieder auch mit den Walter-Erkenntnissen über unsere Gedichte konfrontiert. Werner Söllner versichert heute, er habe niemand wissentlich in größerem Umfang geschadet. Aber wie soll man das Faktum deuten, dass er zumindest in der Abschrift des Offiziers anbietet, nach Temeswar zu weiteren Recherchen über uns zu reisen, falls man ihm die Reisekosten erstatte?“ (Richard Wagner, Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 16. Dezember 2009)

Täter, Opfer und Nichttäter

„Ehe keine Kopie der (handschriftlichen?) Originalberichte von Werner Söllner vorliegt, lässt sich nicht darüber urteilen, ob er jemandem zum Schaden oder (wie offenbar im Fall des Klausenburger Germanisten Michael Markel) zu dessen Gunsten berichtet hat. Ich weigere mich allerdings zu glauben, dass er ein Spitzel war, also jemanden im Sinne der Securitate-Vorgaben ausgehorcht hat, oder gar um eigener Vorteile willen der Behörde von sich aus Böses, das ‚Opfer’ schädigende Informationen gemeldet hat. Diese Sorte IMs ist in den Akten massiv vertreten, ja es lassen sich da noch einmal Abstufungen der Verwerflichkeit beobachten. Bei aller nötigen Deutlichkeit der Unterscheidung zwischen Tätern, Opfern und Nichttätern wäre es eine unerträgliche Verwischung des tatsächlichen moralischen Reliefs der beteiligten Menschenlandschaft und eine himmelschreiende Ungerechtigkeit, wenn die übelsten Schurken unerkannt und ungeschoren davonkommen und einer, der sich mit seiner Schuld spät aber doch dem Urteil der Öffentlichkeit aussetzt, quasi auch für die größten Schweine büßen muss.“ (Gerhardt Csejka, Tagesspiegel vom 12. Dezember 2009)

Im Kopf des „Staatsfeindes“

„Der rumäniendeutsche Lyriker Werner Söllner lieferte 1971 bis 1974 ‚Expertisen’ für den rumänischen Geheimdienst Securitate. Danach sagte er sich los und wurde zum Beobachtungsobjekt. Seit 1982 lebt er in der Bundesrepublik. Vor einer Woche gab er auf einer Konferenz in München, auf der sich die deutsch-rumänische Exilliteratur ein Stelldichein gab, seine Tätigkeit bekannt. (…) Eine zentrale Rolle in der Akte spielen Textinterpretationen. Jedes Telefonat, noch die kleinste Äußerung muss ja erst ins Rumänische übersetzt und dann erklärt werden. Da es dem Geheimdienst vor allem darum ging, über noch nicht Veröffentlichtes, ja noch nichts Geschriebenes informiert zu werden, bestand die Aufgabe des Informanten darin, Platz zu nehmen im Kopf des ‚Staatsfeindes’ und von dort, von seinen Überlegungen also, zu berichten.“ (Arno Widmann, Frankfurter Rundschau vom 14. Dezember 2009)

Securitate und MfS waren zeitgleich aktiv

„Herta Müller schreibt in ihren Büchern von der Bedrängung, die sie und ihre Weggefährten durchlebten. All das fand in den vergangenen Wochen eine Aufmerksamkeit wie nur selten und behält dennoch eine fremdartige Ausstrahlung. Weitgehend unbeachtet blieb hingegen, dass die Geschichte der Verfolgung Herta Müllers und ihrer rumäniendeutschen Schriftstellerfreunde noch in den Achtzigerjahren eine Fortsetzung in Deutschland fand, vor allem im geteilten Berlin. Hier begann auch das DDR-Ministerium für Staatssicherheit (MfS), seine ausgeklügelten Methoden gegen diese Autoren anzuwenden. (…) Das MfS setzte gegen die Banater Autoren die ‚leise Form des Terrors’ ein, wie der verstorbene Schriftsteller Jürgen Fuchs die vorbeugenden, administrativen und zersetzenden Maßnahmen der Geheimpolizei bezeichnete. Anders dagegen die Securitate, die ohne Absprache mit dem MfS zeitgleich aktiv war. Sie schickte den aus dem Land Getriebenen Spitzel nach West-Berlin hinterher und versuchte, sie durch Morddrohungen einzuschüchtern. Beide Geheimdienste bedienten dabei die Sicherheitsinteressen ihrer Auftraggeber, also der SED bzw. der Rumänischen Kommunistischen Partei.“ (Georg Herbstritt, Welt Online vom 10. Dezember 2009)

Hintermänner zur Verantwortung ziehen

„Vor mehreren Vertretern der CNSAS, des Nationalrates zur Aufarbeitung der Securitate-Akten, haben namhafte rumäniendeutsche Schriftsteller eine konsequentere Aufarbeitung des ‚verbrecherischen Wirkens des Geheimdienstes Securitate’ gefordert. Der Schriftsteller Horst Samson, ehemaliger Sekretär des Literaturkreises Adam Müller-Guttenbrunn, zu dem auch Herta Müller gehörte, verlas am Dienstag in München eine Resolution, in der die Teilnehmer der Tagung ‚Deutsche Literatur im Spiegel und Zerrspiegel der Securitate-Akten’ die rumänischen Behörden auffordern, ‚Hintermänner und Drahtzieher, aber auch die Exekutanten des Unrechts’ zur Verantwortung zu ziehen. Die Schriftsteller, die zum Teil über viele Jahre hinweg vom rumänischen Geheimdienst bespitzelt und drangsaliert wurden, begrüßen die bisherige Arbeit der CNSAS als ein ‚Signal und ein Angebot der Versöhnung, das an die vielen Opfer des repressiven Systems adressiert ist’." (Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 11. Dezember 2009)

Düstere Prognose

„Mittlerweile haben eine Reihe von deutschsprachigen Autoren aus Rumänien ihre von der nach dem Vorbild der deutschen Birthler-Behörde eingerichteten CNSAS bereitgehaltenen Securitate-Akten einsehen können. (…) In einer an die CNSAS gerichteten Resolution fordern die Teilnehmer der Konferenz in München, dass die Klarnamen der in den Akten bisher meist nur geschwärzt erscheinenden Securitate-Offiziere sichtbar werden: ‚Die Hintermänner und Drahtzieher, aber auch die Exekutanten des Unrechts sind zur Verantwortung zu ziehen.’ Wenn allerdings einige der früheren Securitate-Dunkelmänner sich mittlerweile mit erfundenen Taten in der rumänischen Öffentlichkeit hervortun können, ohne größere Folgen zu gewärtigen, scheinen die Aussichten auf eine tiefgreifende Aufarbeitung des Unrechts und eine damit einhergehende Reform der rumänischen Nachwende-Gesellschaft eher düster.“ (Neue Zürcher Zeitung Online vom 12. Dezember 2009)

Nur erste Sichtung

„Lange, sehr lange Schatten fielen in den vergangenen Tagen durch das Haus der Sudetendeutschen Stiftung in München. (...) Das Ganze glich, trotz des ernsten Anlasses, streckenweise einem nostalgischen Klassentreffen unter Schicksalsgenossen, waren doch fast alle wichtigen Mitglieder aus dem sogenannten Adam-Müller-Guttenbrunn-Kreis und aus der Aktionsgruppe Banat anwesend, die in den siebziger und achtziger Jahren in Hermannstadt, Temesvar oder Klausenburg lebten und schrieben. (…) Die Münchner Tagung glich einer ersten Sichtung, einem Zwischenruf, der vor allem deutlich macht, wie unermesslich riesig das Wurzelwerk des Überwachungsstaates war." (Alex Rühle, Süddeutsche Zeitung vom 10. Dezember 2009)

Schlagwörter: Rumänien, Securitate, Tagung, München

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