15. Januar 2015

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Deportation vor 70 Jahren wühlt heute noch auf

Am 6. Januar, dem Heiligen Dreikönigstag, fand ein Großereignis in der Evangelischen Stadtkirche in Karlsruhe statt. Rund 300 Besucher von nah und fern nahmen teil am Gedenkgottesdienst im Rahmen der Veranstaltungsreihe „Glauben und Gedenken“, die an die Evakuierung und Flucht der Nordsiebenbürger Sachsen im September 1944 und an die Deportation der Rumäniendeutschen in die Sowjetunion im Januar 1945 erinnert. Die Reihe hatte im August letzten Jahres in Hermannstadt begonnen. Es folgten die Stationen Sächsisch Regen, Bistritz, Budapest, Wels und Rothenburg o.d.T. In Karlsruhe standen ein Festgottesdienst, ein Konzert der Siebenbürgischen Kantorei, die Präsentation von zwei Ausstellungen und die Vorführung eines Filmes auf dem Programm.
Der Festgottesdient war gleichzeitig ein Gedächtnistag mit einer Thematik, die sich an der vom Ökumenischen Rat der Kirchen 2013 in Busan vorgeschlagenen Idee einer „Pilgerreise des Friedens und der Gerechtigkeit“ orientierte. Pilgerreise im Sinne der Überwindung von Gräben, damit solche historischen Ereignisse, die Familien ihrer Heimat berauben, nicht mehr vorkommen. Schwerpunktmäßig stand in dieser Veranstaltung das Thema Bildung im Vordergrund.

Die von der Museologin Elisabeth Binder inhaltlich entworfenen und vom Medienreferenten Stefan Bichler gestalteten Bildtafeln, als erste Ausstellung im Chorraum der Kirche aufgestellt, waren Blickfang für die einzelnen Themen wie Frömmigkeit, Glaube, Gemeinschaft, Kirche, Diakonie, Geschichte, Bildung und Tradition.

Die musikalische Mitgestaltung erfolgte an der Orgel durch die neue Leiterin der Siebenbürgischen Kantorei, Andrea Kulin. Sie eröffnete die Feier mit einem „Turm Singlied“ aus Siebenbürgen: „Ein Kind geborn zu Bethlehem“, vorgetragen von der Kantorei. Konzert der Siebenbürgischen Kantorei und ...Konzert der Siebenbürgischen Kantorei und Ausstellung „Glauben und Gedenken“ in der Evangelischen Stadtkirche Karlsruhe. Foto: Cornel Simionescu-Gruber Der Ortspfarrer Dirk Keller begrüßte die Gemeinde als Hausherr sowie die Ehrengäste: den Ersten Bürgermeister von Karlsruhe Wolfram Jäger und Vertreter von befreundeten Landsmannschaften sowie Pfarrerin Anne Heitmann. Sein besonderer Gruß galt Pfarrer und Dechant Bruno Fröhlich aus Siebenbürgen als Gastprediger.

Pfarrer i.R. Hermann Kraus begrüßte seinerseits als Initiator und Vorbereiter der seit acht Jahren stattfindenden Gottesdienste am Epiphaniastag in der Stadtkirche Karlsruhe und gab seiner Freude und Dankbarkeit Ausdruck, dass auch diese Veranstaltung einen so großen Zuspruch erfahre.

Mit dem von der Kantorei gesungenen Kanon zur Jahreslosung 2015 aus Römer 15,7: „Nehmt einander an, wie Christus euch angenommen hat zu Gottes Lob“ (Melodie von Heinz Acker) erfolgte der inhaltliche Einstieg in den Leitgedanken dieser Festveranstaltung: „Glauben und Gedenken“, zu dem der Landesvorsitzende Alfred Mrass eine kurze Einführung brachte: „Unsere Landsleute, unsere Väter und Mütter haben damals auf der Flucht, aber vor allem in der Deportation unvorstellbares körperliches und vor allem seelisches Leid durchgemacht, nur weil sie Deutsche waren. Soll man daran erinnern, soll man die damaligen Ereignisse wiederaufleben lassen? Wir meinen ja, dass dieses Erinnern gemeinschafts- und glaubensstärkend ist, wir meinen, dass es eine moralische Pflicht unserer Generation ist, das Wissen um diese Ereignisse weiterzugeben. Dabei legen wir heute in Karlsruhe Gewicht auf das Thema Deportation der Rumäniendeutschen in die Sowjetunion. Zwei Ausstellungen zeigen dieses.“ Zugleich wies Mrass auf die Ausstellung im benachbarten Hans-Löw-Gemeindehaus hin mit Originalobjekten, die Deportierte aus Russland mitgebracht hatten. In Karlsruhe wurden Originalobjekte aus der ...In Karlsruhe wurden Originalobjekte aus der Deportation ausgestellt (Siebenbürgisches Museum Gundelsheim). Foto: Alfred Mrass Der Gottesdienst verlief in Anlehnung an die Siebenbürgische Ordnung. In der Predigt zu Jesaja 43, 14-21 lud Stadtpfarrer Fröhlich ein: „Die beiden Themen miteinander zu verknüpfen und die Deportation selber als Gegenstand von Bildung (historischer und theologischer Natur) anzusehen. Dabei führte er in großem Bogen eine historische Ähnlichkeit in der Deutung von Deportation vor 70 und der darauffolgenden 40 Jahre kommunistischer Diktatur aus: „Bemerkenswert ist, wie der Prophet die Deportation bewertet. Einerseits wird sie als Strafe angesehen, und zwar, weil die Menschen an Gott schuldig geworden waren. Sie hatten IHM nicht das nötige Vertrauen entgegen gebracht. Doch mit dem Ende der Gefangenschaft ist die Strafe aufgehoben und genau darauf bezieht sich der Prophet, wenn er sagt: ‚Gedenkt nicht an das Frühere und achtet nicht auf das Vorige!‘ (Vers 18) Andererseits bedeutet Deportation in alttestamentlicher Lesart ‚Zeit der Läuterung, Zeit des In-sich-Gehens‘. Gerade Entbehrung und Einschränkung sollen die Betroffenen dazu animieren, sich selber neu zu finden, sich selber in einem neuen Licht zu sehen. ‚Denn siehe, ich will ein Neues schaffen, jetzt wächst es auf, erkennt ihr’s denn nicht ...‘. Sicherlich ist das Schicksal des Volkes Israel im 6. vorchristlichen Jahrhundert und jenes der Siebenbürger Sachsen im 20. Jahrhundert nicht in seiner Gesamtheit vergleichbar; wohl aber gibt es punktuelle Analogien“. Vor allem der Hinweis auf das hohe Ethos der Mitmenschlichkeit in einer globalen Welt. Der Wortlaut der Predigt kann per E-Mail vom Verfasser zugeschickt werden (E-Mail-Adresse: HermannSchuller[ät]web.de). Als Schlusslied sang die Kantorei „Wie schön leuchtet der Morgenstern“ von Johann Sebastian Bach.

Ein Grußwort sprach seitens der Stadt Karlsruhe der Erste Bürgermeister Wolfram Jäger, der u.a. ausführte: „In einer Zeit der zunehmenden Zersplitterung der Gesellschaft ist uns mehr denn je bewusst, wie viel Wertvolles die Vertriebenen und Aussiedler – und ich möchte dies auch ausdrücklich auf die Siebenbürger Sachsen beziehen – aus ihrer Heimat mitgebracht haben: ein starker Zusammenhalt in der Gemeinschaft, feste Werte und eine eigene kulturelle Prägung. Dies hat unser Land bereichert und Sie pflegen es zurecht in Ihrem Verband und in den vielen Heimatortsgemeinschaften“.

Pfarrerin Anne Heitmann, Karlsruhe, Beauftragte im Ökumenischen Rat der Kirchen, gab in ihrem Grußwort kund: „In der Ökumene-Abteilung, in der wir auch für die internationalen Beziehungen unserer Landeskirche zuständig sind, konnte ich nun neu entdecken, wie wichtig die Beziehungen zu unseren Landeskirchen in Osteuropa sind, auch zur Evangelischen Kirche A.B. in Rumänien. Es sind lange gewachsene Beziehungen durch das GAW (Gustav Adolf Werk) und Beziehungen, die in die nächste Generation ­getragen werden – unter anderem durch Stipendien für Studierende in Heidelberg und den Austausch von jungen Menschen für Freiwilligendienste in Kirche und Diakonie. Zum anderen bringe ich Ihnen heute aber auch Grüße aus der weltweiten Ökumene, vom Zentralausschuss des Ökumenischen Rates der Kirchen in Genf (Weltkirchenrat), in dem ich Mitglied bin.“ Blick in die vollbesetzte Stadkirche Karlsruhe ...Blick in die vollbesetzte Stadkirche Karlsruhe bei der Festveranstaltung „Glauben und Gedenken“. Foto: Cornel Simionescu-Gruber Der Verfasser führte in die Ausstellung „Glauben und Gedenken“ (Schwerpunkt: Bildung früher – heute) ein. Dabei hob der Referent hervor, welch hohen Stellenwert die Bildung bei den Siebenbürger Sachsen hatte, insbesondere nach der Reformation. Urkundliche Belege für die Existenz der Schule gibt es aus den Jahren 1332 und 1334 in den Gemeinden des Brooser und Mühlbacher Kapitels. Es ist anzunehmen, dass in Städten noch früher Schulen existiert haben. Im 15. Jahrhundert soll es kaum ein Dorf ohne eine Schule gegeben haben. Im 19. Jahrhundert galt die Überzeugung, „dass die Synthese von Kultur und Religion eindeutig eine Angelegenheit des Protestantismus sei“. Deutschtum, evangelischer Glaube, Wissenschaft und reines Bildungsstreben seien eng miteinander verbunden gewesen. Die Siebenbürger Sachsen hätten ein gut entwickeltes, hauptsächlich an Deutschland orientiertes Schulwesen gehabt, das bis 1948, abgesehen von den zwei Jahren nationalsozialistischer Verirrungen, in kirchlicher Obhut gelegen habe. Das dann folgende staatliche Regiment habe trotz mancher Einschränkungen einen Unterricht in deutscher Sprache ermöglicht, den die Lehrer mit großer Hingabe und trotz national-ideologischer Repression bis zum Abitur erfolgreich geleistet hätten. Im Anschluss an die Grußworte und die Einführung in die erste Ausstellung brachte die Siebenbürgische Kantorei drei Lieder mit Klavierbegleitung durch Andrea Kulin zu Gehör. Danach konnten die Besucher die erste Ausstellung mit neun Roll-Ups und Demonstrationsgegenständen ansehen. Besondere Aufmerksamkeit erregte der aus dem landeskirchlichen Museum in Hermannstadt stammende Abendmahlskelch aus der Zenderscher Kirche (18. Jahrhundert).

Nach einer kurzen Pause wurde im benachbarten Hanns-Löw-Gemeindehaus eine Kabinettausstellung von Original-Gegenständen aus der Deportation eröffnet. Dr. Irmgard Sedler, die Vorsitzende des Trägervereines Siebenbürgisches Museum Gundelsheim, konnte in ihrer Einführung zu vielen Gegenständen bewegende Geschichten über deren Entstehung erzählen. Viele Zuschauer waren von dem gezeigten Czernetzky-Film „Donbass-Sklaven. Deportierte erinnern sich“ erschüttert. Das Erinnern an die Deportation wühlt unsere Landsleute noch immer auf.

Die Kreisgruppe Karlsruhe hatte den Gemeindesaal sehr schön hergerichtet, die Tische geschmackvoll gedeckt. Beim anschließenden Mittagsmahl, bei Kaffee und Kuchen, ergaben sich gute Gespräche. Es war eine gelungene Veranstaltung. Den Verantwortlichen, insbesondere dem Vorsitzenden der Landesgruppe Baden-Württemberg, Alfred Mrass, dem Karlsruher Kreisgruppenvorsitzenden Werner Schobel, Pfarrer i.R. Hermann Kraus, Andrea Kulin und Dr. Irmgard Sedler sei hiermit ganz großer Dank für ihren Einsatz ausgesprochen.

Hermann Schuller

Der Verfasser ist Vorsitzender der Gemeinschaft Evangelischer Siebenbürger Sachsen im Diakonischen Werk der EKD

Schlagwörter: Deportation, Gedenkfeier, Karlsruhe

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