10. Dezember 2016

Rede zum Volkstrauertag an der Gedenkstätte der Siebenbürger Sachsen in Dinkelsbühl

Die Gedenkfeier zum Volkstrauertag am 13. November in Dinkelsbühl begann mit einem ökumenischen Gottesdienst im Münster St. Georg. Von dort schritten die Teilnehmer eines Trauermarsches mit Fahnenabordnungen der Vereine zur Kriegergedächtniskapelle, wo Oberbürgermeister Dr. Christoph Hammer eine Ansprache hielt und Kränze niedergelegt wurden. Die musikalische Umrahmung gestalteten der Concordia Männerchor und die Stadtkapelle Dinkelsbühl. An der Gedenkstätte der Siebenbürger Sachsen fand die Feier ihren Abschluss mit der Kranzniederlegung und einer Rede von Gerlinde Zurl-Theil, Stellvertretende Vorsitzende des Landesverbandes Bayern, die im Folgenden leicht gekürzt abgedruckt wird.
„Weil die Toten schweigen, beginnt immer wieder alles von vorn“, hat der französische Philosoph Gabriel Marcel geschrieben. Damit die Toten nicht schweigen, damit wir ihre Stimme hören, gibt es den Volkstrauertag. Am Volkstrauertag, liebe Gäste des Mahn- und Gedenktreffens, wenn in Deutschland die Fahnen auf Halbmast wehen, gedenken wir der Opfer von Gewalt und Krieg, der Kinder, Frauen und Männer aller Völker. Wir gedenken der Soldaten, die in den Weltkriegen starben, der Menschen, die durch Kriegshandlungen oder danach in Gefangenschaft ihr Leben verloren. Wir gedenken der Männer, Frauen und Kinder, die in der Folge des Krieges auf der Flucht oder bei der Vertreibung aus der Heimat und im Zuge der Teilung Deutschlands und Europas ihr Leben verloren. Wir gedenken derer, die verfolgt und getötet wurden, weil sie den Mächtigen im Wege standen, weil sie einem anderen Volk angehörten, einer anderen Rasse zugerechnet wurden oder deren Leben wegen einer Krankheit oder Behinderung als lebensunwert bezeichnet wurde. Wir gedenken derer, die ums Leben kamen, weil sie Widerstand gegen Gewaltherrschaft geleistet haben, und derer, die den Tod fanden, weil sie an ihrer Überzeugung oder an ihrem Glauben festhielten. Wir gedenken des unermesslichen Leides und Leidens, das Menschen über Menschen gebracht haben – und immer noch bringen, tagtäglich, in vielen Regionen der Erde. Wir gedenken heute auch derer, die bei uns durch Hass und Gewalt gegen Fremde und Schwache Opfer geworden sind.

Wir trauern um die Opfer der Kriege und Bürgerkriege unserer Tage, um die Opfer von Terrorismus und politischer Verfolgung, um die Bundeswehrsoldaten und anderen Einsatzkräfte, die im Auslandseinsatz ihr Leben verloren. Wir trauern um die Opfer von sinnloser Gewalt, die bei uns Schutz suchten. Wir trauern mit den Menschen, die Leid tragen um ihre Toten, und teilen ihren Schmerz.

Trauer lässt sich nicht staatlich verordnen, sie ist ein sehr persönliches Gefühl. Mitfühlen, gemeinsames Erinnern und Gedenken aber bringen zum Ausdruck, dass die unmittelbar Betroffenen nicht allein sind, dass wir uns als Gemeinschaft empfinden, die sich zur Friedfertigkeit bekennt. Der Volkstrauertag darf sich nicht in der Rückschau auf die Geschehnisse der beiden großen Weltkriege und in der Tradition erschöpfen. Er ist ein sehr aktueller Gedenktag, den wir brauchen. Er schützt vor dem Vergessen und Verdrängen. Und er mahnt uns, aus der gesamten Bandbreite der Schreckensbilder der Vergangenheit, die von Kriegstoten im Schlachtfeld über Auschwitz bis zu den Opfern der Todesmärsche reicht, die richtigen Schlüsse zu ziehen. Die Antwort kann immer nur lauten: Gegen Krieg und Gewalt – für Frieden, Freiheit, Gerechtigkeit und Menschlichkeit – das ist die Losung des heutigen Volkstrauertages. Heute am Volkstrauertag bekennen wir uns zum Wert des Lebens. Also ist der Volkstrauertag nicht nur ein Tag der Toten, sondern auch ein Tag der Lebenden. Er bringt uns zum Nachdenken: Wie war und wie ist das alles möglich? Nachdenken über die Ursachen der Kriege und Bürgerkriege, die es seit dem letzten Weltkrieg in aller Welt gegeben hat und noch gibt.

Die Schreckensbilder in den Abendnachrichten machen rasch deutlich, dass die Welt auch heute nicht vom Frieden regiert wird und Menschen nach wie vor unter Hunger, Krieg und Verfolgung leiden. So sind unsere Gedanken in diesem Jahr auch bei den Menschen im Irak und in Syrien, im Nahen Osten und in der Ukraine, bei allen Opfern von Konflikten auf dieser Welt. Kaum ein Tag vergeht, ohne dass die Medien Berichte über Terrorakte bringen, über Bomben, die auf Straßen und Plätzen, auf Flughäfen und Bahnhöfen zur Durchsetzung obskurer Ziele gezündet werden, die heimtückisch, brutal und rücksichtslos Menschen in den Tod reißen. Eltern haben Angst um ihre Kinder, Menschen müssen sterben, weil sie für ihre Rechte und Menschenwürde demonstrieren. Terror, Gewalt, Folter und Unterdrückung, Macht und Ohnmacht, Not und Angst, das alles sind Worte für Zustände, mit denen Menschen dieser Erde jeden Tag leben müssen.

Wir zählen die Opfer, aber die Summen übersteigen unser Vorstellungsvermögen. Deshalb geht der Volkstrauertag gerade auch die Jüngeren etwas an. Der ehemalige Bundespräsident Richard von Weizsäcker hat es einmal so formuliert. „Die Jungen sind nicht verantwortlich für das, was damals geschah. Aber sie sind verantwortlich für das, was in der Geschichte daraus wird“. Unser Auftrag heißt: hinschauen, nicht wegschauen. Wachsam zu sein, damit sich genau dies nicht fortsetzen kann. Wir fragen uns: Was können wir dagegen tun? Wir dürfen nicht nachlassen, das Recht auf Frieden und Freiheit für uns und für andere, die es nicht haben, zu fordern. Wir müssen die Aufgaben unserer Zeit erkennen, wir müssen Menschen unabhängig von Rasse, Hautfarbe und Religion Sicherheit und Hilfe geben.

Völker und Religionen müssen aufeinander zugehen, müssen zusammenwachsen und Verständnis füreinander entwickeln, sie müssen Konflikte ohne Gewalt abbauen und aktiv für Frieden eintreten. Der Frieden fängt im Elternhaus an. Harmonie und Liebe müssen vorgelebt werden, Kinder müssen zur Friedfertigkeit erzogen werden, denn Frieden fängt im Kleinen an. Dann erst haben wir das Erinnern und Gedenken des heutigen Tages fruchtbar gemacht für ein friedliches Miteinander in unserem Land und in Europa, dann erst können wir aus dieser Verantwortung heraus mitarbeiten für den Frieden in unserer einen Welt. Daher brauchen wir diesen Tag als Aufschrei gegen das Vergessen; zur Erinnerung daran, was noch zu tun ist; als Zeichen der Hoffnung auf Versöhnung unter den Völkern; Hoffnung, dass durch diese Erinnerung Menschen aufmerken werden und sich dem Unrecht entgegenstellen, das heute geschieht; Hoffnung, dass Menschen es endlich lassen, Kriege zu führen und einander zu vernichten; Hoffnung, dass wir nicht vergeblich hoffen. (…)

Für den Frieden müssen wir alle etwas tun, er ist nicht nur Sache der Politiker. Wir alle können etwas für den Frieden tun, den Menschen zeigen, wie man in Frieden zusammen leben, eine neue Welt schaffen kann. Wir müssen Frieden schaffen, indem wir miteinander sprechen, einander zuhören, Freude und Kummer teilen, uns gegenseitig helfen, uns die Hände reichen! Frieden ist wie eine Blume. Die Saat dazu liegt im Boden, aber sie kann nur wachsen, wenn der Boden gut ist, die Sonne für warmes Klima sorgt, Regen den Boden feucht hält, kein zu starker Wind sie abknickt. Sie kann sich nur vermehren, wenn es um sie herum noch viele gedeihende Blumen gibt. Frieden ist wie eine Blume. Die Saat dazu liegt im Menschen, aber Frieden kann nur wachsen, wenn wir das Gute in uns wirken lassen, wenn wir für Wärme im Miteinander der Menschen sorgen, wenn wir friedlich mit anderen umgehen, anderen helfen und uns helfen lassen, miteinander sprechen, andere ausreden lassen, wenn wir ihnen zuhören, ihre Meinung akzeptieren, wenn wir aufeinander zugehen, keinen Menschen ausgrenzen, keinem Menschen den Mut nehmen. Frieden kann es in der Welt geben, wenn viele Menschen so mit anderen umgehen.

Gerlinde Zurl-Theil

Schlagwörter: Volkstrauertag, Rede, Dinkelsbühl, Gedenkstätte

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