22. Juli 2013

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Leserecho: Welch herbe Enttäuschung!

Kritische Betrachtungen zum Trachtenumzug beim diesjährigen Heimattag in Dinkelsbühl
Bisher habe ich den Trachtenumzug beim Heimattag der Siebenbürger Sachsen nur als Teilnehmerin erlebt, als hier Geborene, aufgeputzt in einer Hermannstädter Bürgertracht. In diesem Jahr wollte ich einmal als Zuschauerin am Straßenrand den Zug in voller Gänze betrachten und mich an den wunderschönen und vielfältigen siebenbürgischen Trachten erfreuen, wie ich es den vielen Berichten zufolge erwartet habe. Aber welch herbe Enttäuschung!

Aufgrund der Programmumstellung, die wohl der Wahlkampftour des bayerischen Ministerpräsidenten Horst Seehofer angepasst werden musste, hatten die Akteure am fortgeschrittenen Nachmittag und im Hinblick heraufziehenden Regens keine rechte Lust mehr, als geordnete Formation im Gleichschritt zu gehen. Blaskapellen gab es viel zu wenige und sie waren auch schlecht verteilt, um allen Trachtenträgern durch gute Musik den Takt vorzugeben. In der Biegung am Rothenburger Tor hatten sie jedenfalls fast alle Spielpause.



Entsetzt aber hat mich die Aufmachung bei vielen Trachtenträgerinnen. Hat man vergessen: Es handelt sich hier um Trachten und nicht um Kostüme! Gibt es in den einzelnen Nachbarschaften und HOGs keine Trachtenbeauftragten, die sich um Zusammenstellung der Tracht, Frisuren, Schuhwerk oder sonstiges Beiwerk kümmern? Und fällt den Gruppierungen nichts Besseres ein, als ihre Frauen in eine blaue Uniform zu stecken – bei so vielen Teilnehmerinnen in „Jungsächsisch“ drängt sich einem dieser Verdacht geradezu auf. Es fehlte so dem Trachtenumzug für meine Begriffe die ihm zustehende Würde.

Wie wohltuend stachen einem da die wenigen schönen Trachten dieses Umzugs, bei Frauen, wie bei Männern, ins Auge, dazu gehörten Gott sei Dank auch einige Kinder.

Wenn man hier nicht schnellstens gegensteuert, wird es nicht mehr lange dauern, bis die wundervolle Trachtenvielfalt der Siebenbürger der Vergangenheit angehört. Für einen uniformgleichen Umzug in „Jungsächsisch“ muss man dann den Weg nach Dinkelsbühl nicht mehr auf sich nehmen. Das wäre schade.

Die Verantwortlichen im Verband wären gut beraten, wenn sie sich einige Bedingungen für die Teilnahme am Trachtenumzug einfallen ließen und sich zu diesem Zwecke eine Trachtenbeauftragte leisten. Ich selbst habe letztes Jahr mit der Nachbarschaft Lohhof (jungsächsisch trägt unsere Kindertanzgruppe) und der Nachbarschaft Stolzenburg am Oktoberfestumzug teilgenommen und weiß daher, dass man im Verband über die Richtlinien hierfür sehr wohl im Bilde ist. Es wäre sinn- und zweckvoll, wenn man durch ähnliche Bestimmungen darauf achtet, dass die Vielfalt und Schönheit der siebenbürgischen Trachten auch über die nächsten Generationen hinaus erhalten bleiben – und nicht nur noch in Bildbänden oder Museen zu finden sind.

Uschi Mühlbacher, Unterschleißheim

2. Vorsitzende der Nachbarschaft der Siebenbürger Sachsen Lohhof e.V.

Plädoyer für Respekt und Würde im Umgang mit unserer Tracht

Zum Leserbrief „Welch herbe Enttäuschung!“ von Uschi Mühlbacher.

Nach den Heimattagen der Siebenbürger Sachsen in Dinkelsbühl finden sich zu Recht regelmäßig kritische Stimmen, die auf verschiedene Unzulänglichkeiten oder Missstände bezüglich der Feierlichkeiten hinweisen.

Frau Mühlbacher hat diesmal konkret das angesprochen, was viele empfunden und wenige gesagt haben. Es geht hauptsächlich um das Tragen der Tracht während des Trachtenumzuges. Gewiss haben die Ausführungen, die Programmumstellung wegen des Besuches unseres Ministerpräsidenten Horst Seehofer, späterer Start des Umzuges und der prognostizierte Wetterumschwung eine Rolle gespielt. In der Begeisterung und Euphorie des Geleisteten (2 700 Trachtenträger; 96 angemeldete Gruppen etc.) ist es jedoch Tatsache, dass das Gesamtbild durch einzelne Trachtenträgerinnen und/oder -träger aufgrund ihrer nicht ganz passenden Kleidung getrübt wurde.

Das Thematik, wie man damit umgeht, Menschen zum sauberen Tragen ihrer Tracht zu motivieren, bei Trachtenumzügen mitzumachen, ohne zu kränken, wenn auf Unzulänglichkeiten hingewiesen wird, zieht sich wie ein roter Faden durch die Organisation und Gestaltung eines jeden Trachtenumzuges. Jede angemeldete Gruppe erhält nach wie vor die regelmäßig überarbeiteten Trachtenrichtlinien und Hinweise zum organisatorischen Ablauf. Es wird explizit darauf hingewiesen, dass die teilnehmenden Gruppen sich an diese Vorgaben halten mögen. Auch die Organisatoren im Heimattagausschuss überlegten und überlegen immer wieder, wie vorgegangen werden kann, um unsere siebenbürgischen Landsleute zu motivieren Tracht zu tragen, in deren Anschaffung zu investieren und vor allem darauf zu achten, dass diese authentisch bleibt und sich nicht mit Elementen anderer Gegenden bzw. Ortschaften vermischt. Im Hinblick auf die erfreulich vielen teilnehmenden Kinder und Jugendlichen, auch aus Rumänien, ist es unser aller Pflicht, hier mit gutem Beispiel voranzugehen und darauf zu achten, dass kommende Generationen das Empfinden für das korrekte Tragen der Tracht lernen und verinnerlichen, so wie es in Siebenbürgen über Generationen weitergegeben wurde.

So soll bei der kommenden Kultur- und Frauenreferententagung in Bayern das Vorhaben besprochen werden, in der Siebenbürgischen Zeitung eine „Trachtenecke“ einzurichten, wo in Absprache mit den einzelnen Heimatortsgemeinschaften und mit dem zur Verfügung stehenden Fundus die Tracht jeder Gemeinde anhand von Texten und Bildern in knapper Form vorgestellt werden kann. Aus dem vielfältigen Filmmaterial (z.B. Bockelungen und Trachtenschauen) kann eine handliche Dokumentation erarbeitet und z.B. auch im Internet veröffentlich werden, um Trachtenträgern Informationen bezüglich des Anlegens der Tracht zur Verfügung zu stellen. Der wichtigste Faktor ist hierbei die Zusammenarbeit mit den HOGs, welche diesbezüglich kontaktiert werden sollen.

Bei allem guten Willen um den Erhalt der Tracht sollte allerdings Achtung und Respekt dem Anderen gegenüber gewahrt werden. Die harte Kritik an der jungsächsischen Tracht hat verständlicherweise einige Teilnehmerinnen sehr getroffen. Nimmt die alte, ursprünglichere, in Jahrhunderten gewachsene Tracht in ihrer unvergleichlichen Vielfalt berechtigterweise nach wie vor einen ganz besonderen Stellenwert in unserem Kulturgut ein, darf dabei dennoch nicht übersehen werden, dass die sogenannte „blaue“ Tracht für einen Großteil unserer Landsleute die einzige noch bekannte und vorhandene Tracht in ihrer Heimatgemeinde darstellt. Und hat diese es nach knapp hundert Jahren seit ihrer Schöpfung nicht verdient, mit dem gleichen Stolz getragen zu werden wie ihre Vorgängerin, die dem Wandel der Zeit doch auch nicht ewig und in allen Punkten Stand gehalten hat? Letztendlich können wir doch dankbar sein, dass nicht der gesamte Festzug aus jungsächsischen Trachten besteht, war das doch das Ziel der damaligen Erneuerungsbewegung, die sich im Bereich der Männertracht noch viel deutlicher durchgesetzt und hier erstaunlicherweise auch eine höhere Akzeptanz erfahren hat.

Uns allen ist bewusst, dass das Tragen der Tracht einem stetigen Wandel unterworfen ist; dennoch appellieren wir an alle Trachtenträger – ganz besonders aber an deren Gruppenleiter – unsere Tracht mit Freude und Stolz, aber auch in der ihr gebührenden Würde zu tragen, in dem Wissen, dass sie Vorbilder für die kommenden Generationen sind.

Christa Wandschneider, München; Ines Wenzel, Heilbronn

Schlagwörter: Leserecho, Trachtenzug

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