8. Juli 2015

Winfried Halder neuer Direktor der Vertriebenen-Stiftung

Berlin – Der Historiker Winfrid Halder wird neuer Direktor der Bundesstiftung Flucht, Vertreibung, Versöhnung in Berlin. Der Stiftungsrat hat in seiner Sitzung am 29. Juni den 52-Jährigen Direktor der Stiftung Gerhart-Hauptmann-Haus in Düsseldorf zum Nachfolger von Prof. Dr. Manfred Kittel gewählt. Der Gründungsdirektor war Ende 2014 nach einem Zerwürfnis mit dem Wissenschaftlichen Beraterkreis von seinen Aufgaben entbunden worden.
Der 21-köpfige Stiftungsrat, darunter sechs Vertreter des Bundes der Vertriebenen (BdV), entschied sich mit breiter Mehrheit für den Düsseldorfer Historiker, dessen Gegenkandidat Michael Schwartz vom Münchner Institut für Zeitgeschichte war. Als Reaktion auf die Wahl erklärten fünf Mitglieder des wissenschaftlichen Beirats ihren Rücktritt aus Protest gegen die Entscheidungsfindung, bei der dem Beirat keine hinreichende Mitbeteiligung gewährt worden sei. Der BdV habe über seine Vertreter im Stiftungsrat übergebührlichen Einfluss ausgeübt. Kritik verlautete auch hinsichtlich der Qualifikation Halders, der kein ausgewiesener Experte für das Thema Flucht und Vertreibung sei.

Die Vorsitzende des Stiftungsrates, Kulturstaatsministerin Monika Grütters, verteidigte ihrerseits die Personalentscheidung: „Mit der Berufung von Prof. Halder ist ein wichtiger Schritt in die Zukunft der Stiftung Flucht, Vertreibung, Versöhnung gelungen. Seine ausgewiesene fachliche Expertise und die breite Unterstützung durch den Stiftungsrat bilden ein solides Fundament, auf dem der weitere zügige Aufbau dieser wichtigen Einrichtung der Erinnerungskultur sicher gründen kann. Die wissenschaftliche Aufarbeitung von Zwangsmigrationen, vornehmlich in Europa im 20. Jahrhundert, das Gedenken an die Opfer von Flucht und Vertreibung sowie aktuelle Bezüge dazu kennzeichnen sein künftiges Arbeitsfeld.“ Die Protest-Rücktritte kommentierte die CDU-Politikerin gelassen, das Mandat des wissenschaftlichen Beirats laufe im Herbst ohnehin aus.
Dr. Winfried Halder (links) bei der Verleihung ...
Dr. Winfried Halder (links) bei der Verleihung des Andreas-Gryphius-Preises an den siebenbürgischen Schriftsteller Hans Bergel (Bildmitte) am 22. November 2013 im Ausstellungssaal des Gerhart-Hauptmann-Hauses in Düsseldorf; rechts Wolfgang Schulz, Vorsitzender der KünstlerGilde. Foto: Hartmut Kramer
BdV-Präsident Dr. Bernd Fabritius, MdB, begrüßte gleichfalls die Wahl Halders: „Die Entwicklung der Bundesstiftung bleibt damit auf einem guten Weg. Es ist nun Professor Halders vorrangige Aufgabe, das geltende Stiftungskonzept umzusetzen, wofür der BdV sich stets nachdrücklich eingesetzt hat. (...) So müssen die Bauarbeiten am Berliner Deutschlandhaus fristgemäß fertiggestellt und die geplante Dauerausstellung möglichst bald eröffnet werden. 70 Jahre nach Flucht und Vertreibung erwarten die deutschen Heimatvertriebenen und Flüchtlinge, dass die historische Aufarbeitung ihres schweren Schicksals endlich auch sichtbar wird.“

Bezüglich der Rücktrittsmeldungen einzelner Mitglieder des Wissenschaftlichen Beraterkreises äußerte Fabritius sein Bedauern, aber partiell auch Unverständnis. So sei Prof. Dr. Stefan Troebst, "als Vorsitzender des Beraterkreises für die interne Kommunikation und Information verantwortlich", in das Auswahlverfahren "angemessen einbezogen" gewesen. Das gelte auch für die entscheidende Sitzung des Stiftungsrates, an der Troebst teilgenommen und das Wort erhalten habe, ohne dass er seine "nur der Presse mitgeteilten Einwände" vorgebracht hätte. Demzufolge schloss der BdV-Präsident auf "bestehende Defizite in der Kommunikation innerhalb des Beraterkreises".

Die am 30. Dezember 2008 in Berlin gegründete Bundesstiftung Flucht, Vertreibung, Versöhnung soll im Deutschlandhaus in Berlin eine Dokumentationsstätte einrichten, um, wie es auf der Website der Stiftung heißt, „im Geiste der Versöhnung die Erinnerung und das Gedenken an Flucht und Vertreibung im 20. Jahrhundert im historischen Kontext des Zweiten Weltkrieges und der nationalsozialistischen Expansions- und Vernichtungspolitik und ihren Folgen wachzuhalten. Flucht und Vertreibung der Deutschen bilden einen Hauptakzent der Stiftungsarbeit und werden im Zusammenhang europäischer Vertreibungen im 20. Jahrhundert dargestellt.“

Christian Schoger

Schlagwörter: Stiftung, Flucht und Vertreibung, Berlin, Personalia, Fabritius, BdV, Historiker

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