25. Februar 2019

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Leserecho: Zweimal Zwangsverschleppt

Der 92-jährige Siebenbürger Sachse Walter Andreas Boltres beklagt in seiner Zeitzeugenerinnerung sein Schicksal einer zweimaligen Zwangsverschleppung und erhebt Anspruch auf Entschädigung.
Nach fast fünf Jahren Deportation in Russland kehrten 1949 einige der Letzten aus den dortigen Arbeitslagern zurück nach Hause. Meine spätere Ehefrau Martha, geb. Bolesch aus Nußbach und ich, Walter Andreas Boltres aus Neustadt bei Kronstadt, gehörten dazu. Meine älteste Schwester Martha, geb. Boltres kam noch später heim. Zu Hause in Neustadt – wie in vielen anderen sächsischen Ortschaften Siebenbürgens – herrschte unsägliches Elend und Leid. Meine Familie lebte in den hinteren Stallungen ihres eigenen Hofes und musste ihren Besitz, Haus, Hof und Garten den rumänischen Besatzern überlassen. Den Daheimgebliebenen (Alten und Kindern) war viel Schmach widerfahren in den Jahren, in denen wir Jüngere nach Russland verschleppt wurden. Meine Mutter starb bereits 1946. Wir erfuhren es erst später.

Kaum „warm“ geworden bei der noch lebenden Familie zu Hause, ereilte uns ein neuer Schicksalsschlag. Durch einen Erlass der rumänischen Führung wurden im Jahr 1950 einige der 1926 Geborenen, alle des Jahrgangs 1927 und ein großer Teil der 1928 Geborenen zur Arbeit auf verschiedene Baustellen in Rumänien geschickt, um sie von zu Hause zu entfernen. Es waren wieder die Jüngeren, Arbeitsfähigen, die so wieder der Familie entrissen wurden. Zusammen mit anderen jungen Männern aus Neustadt kam ich 1950 zuerst in die Schulerau, oberhalb von Kronstadt, 1951 dann wurden wir in die Muntenia, nahe Craiova als „Soldaten“ einberufen unter dem Vorwand, noch Militärdienst leisten zu müssen. Doch dies war kein Militärdienst, sondern eine erneute Zwangsverschleppung wie schon 1944. Wir haben nie Militärkleidung getragen, nie militärischen Unterricht bekommen oder mit einer Waffe in der Hand an einer Übung teilgenommen, noch haben wir einen militärischen Eid abgelegt. Es war einfach nur eine Tarnung, um nach militärischen Gesetzen leichter und auch härter bestraft werden zu können, falls wir uns der erzwungenen Arbeit oder den Befehlen widersetzen sollten. Als wir im Juni 1953 frei kamen, waren wir 26 bzw. 27 Jahre alt. In welchem anderen Land macht man in diesem Alter noch Militärdienst?

Wie auch in meinem letzten veröffentlichten Bericht über die Nachkriegsjahre in Rumänien, möchte ich als einer der letzten noch Lebenden und selbst Betroffenen die Verantwortlichen und Historiker hiermit erneut bitten, diese Eintragungen in den Geschichtsbüchern zu korrigieren, sodass zukünftig die Fakten wahrheitsgemäß festgehalten werden können. Denn wir waren keine Soldaten, sondern –- nach fünf Jahren Deportation nach Russland – erneut nur Zwangsverschleppte, diesmal jedoch in Rumänien. Für diese Zeit hätten wir ein Anrecht auf Entschädigung haben müssen und eine entsprechende Anrechnung auf unsere Rentenjahre.

Walter Andreas Boltres, Frankfurt


Historiker Kroner bestätigt unzureichende Quellenlage

Zum oben geschilderten Sachverhalt stellt der Historiker Dr. Michael Kroner auf Anfrage der Redaktion der Siebenbürgischen Zeitung fest: „Es wurden tatsächlich in den Nachkriegsjahren unter dem Vorwand, Militärdienst zu leisten, sächsische Jugendliche zu Zwangsarbeiten benutzt. Über diese Zwangsarbeit ist wenig bekannt. Es sollten sich mehrere Betroffene melden, damit man mehr über diese Zwangsarbeit erfährt.“

Schlagwörter: Leserecho, Leserbrief, Deportation, Russlanddeportation, Zwangsarbeit, Rumänie, Kommunismus, Historiker, Kroner

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